«Wir waren alle kaputt»

Der lange verschollene Film über die einmonatige Reise durch Asien der YB-Delegation 1961 wird wiederaufgeführt.

Sie waren dabei, als YB 1961 zur Belohnung für eine erfolgreiche Zeit nach Asien reisen durfte: Felix Ansermet und Heinz Schneiter – hier im Videointerview.
Ruedi Kunz

Heinz Schneiter und Félix Ansermet erscheinen zum Treffen im Stade de Suisse Wankdorf in feinem Tuch und Krawatte. In Schale geworfen haben sie sich nicht wegen des Interview- und Fototermins mit dem «Bund», sondern wegen der gleichentags stattfindenden Football Awards im Luzerner KKL, zu denen sie von der YB-Führung eingeladen wurden.

Massgeschneiderte Anzüge trugen die beiden Männer auch, als YB vor fast genau 55 Jahren, am 28. Januar 1961, zu einer einmonatigen Fernostreise aufbrach. Die vierfachen Meister um ihren deutschen Trainer Albert Sing sollten an Empfängen und anderen gesellschaftlichen Anlässen, die auf dem reich befrachteten Programm standen, eine gute Figur abgeben.

«Wir wurden vor der Abreise komplett eingekleidet – zwei verschiedene Anzüge, Hemden, Mantel, Schuhe, Hut», erinnert sich Schneiter. «Sogar einen Pyjama erhielt jeder», ergänzt Ansermet grinsend.

Offizielle Termine gab es etliche auf der ausgedehnten Reise, die in die Grossstädte Bangkok, Colombo, Karachi, Saigon, Hongkong, Singapur, Kuala Lumpur und Kairo führte. Dort mussten die Fussballer nicht nur Hände schütteln und smalltalken, sondern jeweils auch ein kurzes Ständchen zum Besten geben.

«Die Gesangsidee hatte Sing, der fand, ein Team mit einem Coach namens Sing müsse doch in der Fremde ein paar Lieder vortragen können», erzählt Schneiter. Die Clubleitung fand Gefallen an dem Vorschlag, worauf Sing die Spieler nach dem Training in ein Innenstadt-Café beorderte, wo gemeinsam an den Gesangskünsten geübt wurde.

Welche Lieder sie probten, ist den beiden rüstigen Senioren nicht mehr präsent. Oder doch? «Ein Seemannslied von Freddy Quinn war darunter», mutmasst Ansermet. «Erinnerst du dich nicht mehr an den Empfang in der Schweizer Botschaft in Hongkong, als Sing den Gastgebern ankündigte: ‹Nun präsentieren wir Ihnen ein Lied aus der Heimat.›» Schneiter lacht herzhaft. «Wie könnte ich das vergessen?»

Fernostreise als Köder

Sing, die grosse Führungs- und Respektsperson bei YB in den 50er- und frühen 60er-Jahren, war auch auf dem Asien-Trip ein zuweilen sehr gestrenger Chef. Als sein Team in einem Freundschaftsspiel gegen die Bangkok Royal Air Force ziemlich neben den Schuhen stand, tobte er hinterher in der Kabine und strich kurzerhand den versprochenen Ausgang.

Nur einen traf den Bannstrahl nicht – den jungen Goalie Ansermet: «Félix, du hast als Einziger gut gespielt und darfst mich in die Stadt begleiten», verkündete Sing mit lauter Stimme. Der Welschfreiburger verstand sich von Anfang an gut mit der Trainerlegende, welche ihn im Sommer 1959 hatte überzeugen können, zu YB zu wechseln.

«Sing sagte mir, er wolle das Team allmählich verjüngen und mich als Nachfolger des alternden Meistergoalies Walter Eich aufbauen.» Ein nicht unwichtiges Argument, den Schritt von Freiburg nach Bern zu machen, sei auch die geplante Fernostreise gewesen.

«Ich war damals ein 21-jähriger Volkswirtschaftsstudent, der von der Welt noch kaum etwas gesehen hatte und überhaupt noch nie geflogen war. Deshalb war die Vorstellung, für mehrere Wochen nach Asien zu verreisen, etwas Gewaltiges.»

Der drei Jahre ältere Teamkollege Schneiter brachte da schon einiges mehr an Reiseerfahrung mit, weil er mit der Nationalmannschaft schon in etlichen Ländern Halt gemacht hatte. Doch auch er kam auf der mehrwöchigen Reise in insgesamt zehn Länder nicht aus dem Staunen heraus.

«Die buddhistischen Tempelanlagen, die Armut in den Strassen von Saigon, die amerikanischen Soldaten in den Strassen der vietnamesischen Metropole, der schwimmende Markt in Bangkok, die Kühe und Fuhrwerke überall: Das war eine mir weitestgehend unbekannte Welt.» Ansermet sagt, die Reise habe ihn stark geprägt. «Ich habe realisiert, in welchem Wohlstand wir in der Schweiz leben.»

Das Ende einer Ära

Für die Spieler war die Exhibition Tour durch zehn Länder kein Zuckerschlecken. «Zwölf Freundschaftspartien, die enormen Klimaunterschiede, stundenlange Reisen, Transfers zwischen Hotel und Stadien – das ging an die Substanz», sagt Schneiter.

«Mon Dieu, es war zum Teil wirklich sehr anstrengend», bestätigt Ansermet. «Je länger die Reise dauerte, desto ausgelaugter waren wir.» Gegen Ende waren von den 17 mitgereisten Fussballern so viele angeschlagen, dass der 44-jährige Sing unfreiwillig in die Rolle des Spielertrainers schlüpfen musste.

Der sportliche Preis für das Winterabenteuer in Fernost war hoch. Nach der strapaziösen Reise fielen wichtige Spieler verletzt oder krank aus. Schneiter: «Wir waren alle kaputt.»

Die erfolgsverwöhnten Berner beendeten die Saison auf dem für sie ungewohnten Ehrenplatz. «So komisch es vielleicht tönen mag: Der Asien-Trip war uns wichtiger als der fünfte Titel in Serie», gibt Schneiter unumwunden zu. Läutete die legendenumwobene «Reise der Sonne entgegen» etwa gar das Ende der grossen YB-Ära ein? Schneiter: «Das kann man so sehen.»

An das filmische Werk mit dem klingenden Namen «Der Sonne entgegen», welches Reisemitglied Peter Saas realisierte, haben die beiden YB-Altstars keine klaren Erinnerungen mehr. Ansermet: «Ich denke, ich habe den Dokufilm nach der Rückkehr in die Schweiz gesehen, doch ich kann mich an keine einzige Sequenz mehr erinnern.»

Nach der heutigen «zweiten Premiere» im Lichtspiel, bei der er wie Schneiter und andere noch lebende Delegationsmitglieder anwesend ist, wird er einiges mehr wissen.

Sämtliche Vorstellungen des YB-Films «Der Sonne entgegen» von 1961 in der Kinemathek Lichtspiel sind ausgebucht. Wegen der grossen Nachfrage sind im Frühling weitere Vorführungen geplant. Informationen: www.lichtspiel.ch

Der Bund

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