«Wir lassen uns nicht alles bieten»

Sportchef Christoph Spycher sieht YB gegen ZSKA Moskau als Aussenseiter im Champions-League-Playoff – und sagt, warum ihn Yoric Ravet mit seinem Wechselwunsch verärgert hat.

Christoph Spychers Blick auf den aktuellen Fussball: Der Fall Neymar sei «nur noch lachhaft.» Foto: Mario Heller (Lunax)

Christoph Spychers Blick auf den aktuellen Fussball: Der Fall Neymar sei «nur noch lachhaft.» Foto: Mario Heller (Lunax)

Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Ist der ZSKA Moskau für YB die niedrigste aller möglichen Hürden auf dem Weg in die Champions League?
Schon vor der Auslosung war uns bewusst: Wir werden in diesem Playoff der Aussenseiter sein, egal wie der Gegner heisst. Aber klar ist ebenso: Die Erfolgsaussichten sind gegen ZSKA besser als gegen Liverpool. Andererseits hätte es allein wegen der Ausstrahlung des Gegners und der Aussicht auf einen besonderen Abend einen enormen Reiz gehabt, gegen Liverpool zu spielen.

YB hat noch nie eine Champions-League-Qualifikation überstanden. Nach diesem Los drängt sich die Frage auf: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich hörte schon Leute, die sagten: Jetzt kann kommen, wer will, das packen wir . . . Man sollte realistisch bleiben. Ich mahne zur Vorsicht und warne vor falschen Erwartungen. ZSKA Moskau war in den letzten zehn Jahren siebenmal in der Gruppenphase dabei, in den vergangenen vier Jahren ohne Unterbruch. ­Allein in der Defensive gibt es mehrere, die über 100 Länderspiele für Russland bestritten haben. Das ist keine No-Name-­Auswahl. Wir haben eine Chance, ja, aber nur dann, wenn wir zweimal unser Topniveau erreichen.

«Wir sehen uns noch nicht in der Champions League und auch nicht als baldigen Meister.»

Haben Sie trotzdem schon davon geträumt, was Sie mit über 20 Millionen Franken Einnahmen anfangen würden?
Ich habe keine Zeit zum Träumen. (lacht) Das kann ich immer noch, wenn es so weit ist. Ich gehe davon aus, dass wie in der Runde zuvor gegen Dynamo Kiew Details den Unterschied machen werden. In der Ukraine zeigen wir taktisch bis zur Pause eine sehr gute Leistung, liegen aber 0:2 zurück. In der zweiten Hälfte kommen wir mit Glück um ein weiteres Gegentor herum, treffen kurz vor Schluss selber, stellen uns naiv an und erhalten das 1:3. In Bern ­liefern wir ein tolles Spiel ab, aber am Ende braucht es doch einen Fehler des Goalies, um das entscheidende 2:0 zu erzielen. Es muss alles passen.

YB eliminierte vor einem Jahr Schachtar Donezk, nun Dynamo Kiew. Ordnen Sie ZSKA Moskau einer ähnlichen Stärkeklasse zu?
Es gibt schon Unterschiede. Schachtar pflegt mit seinen Südamerikanern einen eigenen, technisch geprägten Stil. ZSKA ist vergleichbar mit Dynamo Kiew: ­körperlich extrem robust und dank der vielen Nationalspieler sehr erfahren.

YB startete stark in die Saison, schlug Basel, bezwang Kiew – und verlor im Hoch gegen Thun gleich 0:4. Typisch YB, oder?
Uns war klar: Der Tag, an dem etwas passiert, das nicht passieren sollte, wird einmal kommen . . .

. . . aber gleich so früh und gleich so heftig . . .
. . . ja, natürlich, ein 0:4 schmerzt, kann aber auch eine positive Wirkung haben. Es führt vor Augen, was herauskommen kann, wenn wir nicht an unsere Leistungsgrenze gehen. Die Niederlage ist in der Phase, in der wir rund um den Club grosse Euphorie wahrnehmen, zweifellos ein Dämpfer. Wobei ich auch sagen muss: Die Stimmung intern und die extern, das sind zwei verschiedene Dinge. Bei YB herrscht ein sehr sachliches Denken. Wir sehen uns noch nicht in der Champions League und auch nicht als baldigen Schweizer Meister.

Wieso nicht?
Wenn wir die Einnahmen aus den Transfers von Denis Zakaria (12 Millionen Euro von Mönchengladbach, die Red.) und Yvon Mvogo (5 Millionen von ­Leipzig) reinvestieren könnten, gäbe es gute Argumente zu sagen: Die Rolle als Herausforderer des FC Basel gehört YB. Aber die Situation ist eine andere. Wir müssen einen enormen Spagat hinbekommen: sparen und gleichzeitig erfolgreich sein. Schön ist: Die Leute sehen, dass wir uns darum bemühen, unsere formulierten Vorhaben auch umzusetzen und das Optimum aus unseren ­Möglichkeiten herauszuholen. Darum sind sie grundsätzlich positiv gestimmt. Und dass Fans euphorisch auf Siege ­reagieren, ist normal.

Ein Gerücht hält sich hartnäckig: Intern ist ein Titelgewinn zum Ziel erklärt worden.
Jeder darf erzählen, was er will. Wobei ich sage: Vielleicht würden sich die, die solche Gerüchte streuen, lieber um die eigenen Angelegenheiten kümmern.

Sie haben die Euphorie erwähnt. Kann wirklich davon die Rede sein, wenn gegen Lausanne nur etwas mehr als 17 000 Zuschauer ins ­Stadion kommen und im Derby gegen Thun gar weniger als 17 000?
Der Kampf um Zuschauer wird zunehmend schwieriger. Das Interesse verlagert sich immer mehr zu den absoluten Topclubs in Europa und zu den populärsten Spielern. Als ich früher ins Wankdorf ging, war YB für mich das Grösste, und meine Idole hiessen Prytz, Holmqvist, Limpar, Bohinen. Und heute? ­Tragen die Jungen eher Trikots von Real, Barcelona, Chelsea, Juventus oder ­Bayern. Entsprechend wählen sie ihre Vorbilder: Neymar, Messi, Ronaldo, diese Kategorie.

Sie sind zwar erst seit elf Monaten im Amt, haben aber schon viel Lob erhalten. Wie lebt es sich als ­Hoffnungsträger in Bern?
Ich kann das alles einschätzen. Wir leben in einer Zeit der Übertreibungen, im positiven wie im negativen Sinn. Heute mache ich einen Traumjob – und nach zwei weniger guten Spielen werden ­Fragen gestellt. Ich kann relativieren, was geschrieben und gesagt wird.

Sind Sie heute ein zufriedener Sportchef?
Ja.

Aber es gibt doch eine Personalie, die Sie ärgert: Yoric Ravet drängte auf den Transfer zum SC Freiburg . . .
. . . ja . . .

. . . und in Ihnen brodelte es deshalb.
Es gab Dinge, die ich in diesem Fall nicht nachvollziehen konnte.

Konkret?
Ich verstand weder die Gedanken noch das Verhalten des Spielers und auch den Zeitpunkt nicht. Ich erwarte ein hohes Mass an Professionalität, Loyalität und Respekt – nicht nur dem Verein, sondern auch dem Team gegenüber. Nach diesem Start in die Saison frage ich mich: An welche Möglichkeiten glaube ich als Spieler? Der SC Freiburg in Ehren, aber YB bietet Ravet eine riesige Chance.

Ist der Verkauf kein Thema mehr?
Bis Ende August ist er keines mehr.

Und dann?
Wir werden sehen, wie es weitergeht. Wenn das Timing und der Preis nicht stimmen, sagen wir Nein. Wechsel wird es immer geben und muss es immer geben, das ist logisch. Aber dann sollen sie durchgezogen werden wie bei Mvogo und Zakaria: seriös, durchdacht, über Monate geplant. Falls die Spieler wechseln, sollen sie dies gut vorbereitet und aus einer Position der Stärke tun. Was aber auch ganz klar ist: Wir wollen kein Transferunternehmen sein, das nebenbei noch Fussball spielt.

Macht es Sinn, dass der Club die Freigabe verweigert und ein miss­gelaunter Spieler zurückbleibt?
Wenn wir zum Schluss kommen, dass es für uns die beste Lösung ist, machen wir das. Jeder Spieler muss sich im Klaren darüber sein, wer sein Arbeitgeber ist, dass er den Lohn jeden Monat pünktlich auf seinem Konto hat. Es gibt immer mehr Vereine, die ihren Spielern signalisieren: So gehts nicht. Und das ist auch unser Standpunkt. Wir lassen uns nicht alles bieten. Im Fall von Ravet heisst das: Wir haben ihm klargemacht, dass er sich entweder korrekt verhält – oder wir ­lassen gar nicht mehr mit uns diskutieren. Der Spieler ist in der Bringschuld. Ich glaube, er hat die Botschaft verstanden (Ravet steht heute im Aufgebot).

Ist diese kleine Episode um Ravet ein Auswuchs der heutigen Zeit?
Das Transfergeschäft nimmt immer mehr Dynamik an, grosse Summen kommen ins Spiel, es gibt eine bemerkenswerte Hektik und viele Leute, die Einfluss nehmen, nicht nur im Sinn des Spielers und des Vereins. Das skurrilste Beispiel ist die Geschichte mit den 222 Millionen Euro für Neymar, nur noch lachhaft. Allerdings befürchte ich, dass das Ende noch nicht erreicht ist. Und wenn ich nun sehe, wie beispielsweise in der Bundesliga von einigen Vereinen die Vorbereitung geplant wird, mache ich mir schon meine Gedanken.

Was meinen Sie konkret?
Es geht nicht mehr primär um sportliche Interessen, sondern darum, in fremden Märkten die wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen, Marketingstrategien in Asien oder Amerika. Topteams traten ­irgendwo auf der Welt gegeneinander an – und warum? Um möglichst viel Geld zu generieren.

Kehren wir auf den Planeten YB zurück. Was empfehlen Sie Tippern, die Geld auf die Partie YB - ZSKA Moskau setzen wollen?
Ich wette zwar nie, würde aber immer auf uns setzen. Nur schon aus Leidenschaft für YB.

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