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Wir Banausen

Dass die eigenen Fussballer selbst im Erfolgsfall ausgepfiffen werden, zeigt: Uns fehlt es in der Schweiz einfach an Sportkultur.

Haris Seferovic wurde von den eigenen Fans bei seiner Auswechslung ausgepfiffen. (Video: Tamedia/SRF)

Die Zahl der Ergebnisse ist überwältigend. 371'000 Treffer spuckt die Suchmaschine zu den Begriffen «Schweiz» und «Weltklasse» aus, 18 Millionen sind es bei «Switzerland World Class». Weltweit am pünktlichsten? Die Schweizer. Ständig Berufsweltmeister? Die Schweizer. Beste Schokolade, schönster Berg, grösster Teilchenbeschleuniger? Schweiz, Schweiz, Schweiz.

Und der beste aktive Sportler? Ein Schweizer.

Das alles ist insgesamt schon recht nahe an der Perfektion für ein kleines Land. Und es gibt ja nicht nur Roger Federer allein, sondern in seinem Schatten auch Stan Wawrinka und die abtretende Martina Hingis. Simon Ammann ist vierfacher Skisprung-Olympiasieger, Giulia Steingruber fünfzehnfache ­Medaillengewinnerin an Grossanlässen und Nino Schurter ein sechsfacher Weltmeister und dreifacher Olympia-Medaillenträger. Daniela Ryf, Dario Cologna, Iouri Podlatchikov – vollständig ist die Liste längst nicht.

Das Skiteam greift mal mehr, mal weniger erfolgreich nach den Sternen – an seinen Medaillen dürfen wir uns traditionsgemäss laben. Die Eishockey-Nationalmannschaft ist seit 20 Jahren erstklassig und gewann 2013 WM-Silber, die National League zählt zu den stärksten Ligen der Welt. Dies wiederum kann man von der Super League der Fussballer zwar nicht mit gutem Gewissen behaupten, dafür hat sich das einst belächelte Nationalteam für sieben der acht Endrunden seit 2004 qualifiziert.

Und nun also zum vierten Mal in Folge für die WM. Wie vielen europäischen Teams dies ebenfalls gelungen ist seit 2006? Fünf. Fünf! Deutschland, England, Frankreich, Portugal, Spanien. Nicht Kroatien. Nicht Holland. Nicht Italien oder der Türkei. Und die Österreicher? Im Leben nicht.

Video: «Die Pfiffe sind unverständlich»

Das sagen die Schweizer Spieler zur WM-Qualifikation und zu den Pfiffen gegen Seferovic. (Video: Fabian Sanginés)

Doch was bleibt von diesem Abend vor einer Woche in Basel hängen, dem Rückspiel der Barrage gegen die tapferen Nordiren, jenem 0:0, das der Schweiz die Qualifikation für Russland brachte? Die Pfiffe aus dem Publikum gegen Haris Seferovic nach dessen Auswechslung kurz vor Schluss, bis dieser weinte. Was für ein erbärmliches Ende einer erfolgreichen Kampagne. Ähnlich war es 2009, als das Nationalteam mit einem 0:0 gegen Israel zwar die Qualifikation für die WM in Südafrika gelang – den Zuschauern ein 0:0 aber nicht zur Euphorie genügte.

Die maue Atmosphäre und der unrühmliche Tiefpunkt gegen Nordirland demonstrierten eines wieder einmal: Den Schweizern fehlt das Gespür für den sportlichen Moment. Die Empathie für die Leistung einer Mannschaft, vor der der Hut zu ziehen ist.

Und genauso wenig hat es mit Sportsgeist zu tun, den gegnerischen Spieler mit Pfiffen einzudecken, wenn er verletzt am Boden liegt. Den Schiedsrichter als «Wichser» zu betiteln bei jedem Entscheid gegen die eigene Mannschaft. Oder die gegnerische Fankurve mit einem Transparent zu verunglimpfen. Eine rein schweizerische Unart ist das nicht, wie der Blick in die Bundesliga zeigt. Wer das aber in den USA tut, fliegt mit grosser Wahrscheinlichkeit bei nächster Gelegenheit aus dem Stadion.

Uns fehlt es an naturgegebener Begeisterung für den Sport

Doch das ist das Problem mit uns Schweizern: Trotz all der Erfolge, all der herausragenden Athleten und ­Anlässe von internationalem Format – uns fehlt es an echter Sportkultur. An ­naturgegebener Begeisterung für den Sport wie sie den Amerikanern oder Briten gegeben ist. Natürlich: Der durch und durch kommerzialisierte Sport in den USA ist nicht jedermanns Sache (wobei wir ihn nach und nach adaptieren). Und den britischen Schlägern will man heute so wenig begegnen wie ­damals in den Achtzigern.

Wenn aber England im Wembley gegen Malta spielt, sind über 80'000 da. Im American Football sitzen die Fans gemischt nebeneinander auf der Tribüne. Und wenn Nordirland gegen die Schweiz in der WM-Barrage scheitert, feiern Tausende in Grün in Basel durch. Für die Green & White Army ist sogar jedes Freundschaftsspiel ein Freudenfest – ein ganz und gar friedfertiges, im Übrigen. Mit ihrer Geschichte wissen gerade die Nordiren, wie sehr der Sport eine Gesellschaft einen kann.

Wir dagegen haben uns ganz schnell an die Siege und Qualifikationen des Nationalteams gewöhnt und sie als selbstverständlich angesehen. Oder an die magischen Abende des FC Basel – nicht einmal mehr Champions-League-Spiele im St.-Jakob-Park sind aus­verkauft. Wir sind sportlich derart verwöhnt und emotional abgestumpft, dass nur noch das Aussergewöhnliche gut genug ist. Doch wehe, die Abfahrer verpassen dann einmal die Top 10. Oder Federer verliert plötzlich einmal. Da zieht in den Kommentarspalten on- und offline und selbst in den VIP-Logen umgehend Donner auf.

Bilder: Pfiffe gegen Haris Seferovic

Äussert sich mit klaren Worten gegen das Pfeifkonzert im St.-Jakob-Park gegen Haris Seferovic: Verbandspräsident Peter Gilliéron mit Nationalcoach Vladimir Petkovic vor den Medien in Pratteln. (13. November 2017)
Äussert sich mit klaren Worten gegen das Pfeifkonzert im St.-Jakob-Park gegen Haris Seferovic: Verbandspräsident Peter Gilliéron mit Nationalcoach Vladimir Petkovic vor den Medien in Pratteln. (13. November 2017)
Georgios Kefalas, Keystone
Fast immer im Stadion: Die Partnerin von Haris Seferovic war schon an der Euro 2016 in Frankreich hautnah dabei. (Archiv)
Fast immer im Stadion: Die Partnerin von Haris Seferovic war schon an der Euro 2016 in Frankreich hautnah dabei. (Archiv)
Jean-Christophe Bott, Keystone
Trotzdem: Die Schweiz ist an der WM in Russland 2018 dabei.
Trotzdem: Die Schweiz ist an der WM in Russland 2018 dabei.
Peter Klaunzer, Keystone
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Wo aber feiern die Schweizer denn ihre Sportfeste? Am Chuenisbärgli. Am Eidgenössischen Schwingfest. An den Hängen eines Bergrennens vielleicht. Der sportliche Ausgang interessiert dort längst nicht alle, es geht um den Event. Darum, im Schnee am Lauberhorn ein Fondue warm zu bekommen und gemeinsam Bier zu stürzen. Oder am Eidgenössischen zusammen Schweizer Traditionen zu pflegen. Daran ist nichts verkehrt, Feste wollen gefeiert sein. Nur ist das vielmehr Volks- als Sportkultur.

Dieses Gemeinschaftsgefühl gibt es auch beim Nationalteam, aber es ist nur noch auswärts zu bekommen. Geht es an einer WM ums Ganze, sind die Schweizer lautstark vor Ort. Zu 50'000 in Dortmund, wie 2006. Oder letztes Jahr auch an der EM in Frankreich.

Und natürlich betätigt der Schweizer sich vor allem gerne selbst. Turnfeste, Schützenfeste, all die Laufanlässe zwischen St. Gallen und Genf – im Breitensport pulsiert die Schweiz auf allerhöchstem Niveau. Die Trainerausbildung, die ­Talentsichtung, die Förderarbeit, die Forschung – viele Sportarten zeigen sich von ihrer innovativsten Seite. Sonst gäbe es all die Spitzensportler nicht. Denn die schulischen Rahmenbedingungen für heranwachsende Talente sind in der Schweiz ja doch nicht allzu attraktiv. Von wegen Sportnation.

Video: 2010 trafen die Pfiffe Alex Frei

Reaktionen der Spieler, nachdem Alex Frei 2010 in St. Gallen trotz 4:1-Sieg ausgepfiffen wurde. Der Captain trat danach zurück.

Vor ziemlich genau neun Jahren sorgte Haris Seferovic für einen der grössten Erfolge im Schweizer Nachwuchssport, als er die Schweizer U-17-Nationalmannschaft im WM-Final gegen Gastgeber Nigeria mit einem Kopfballtor zum Titel führte. Er galt damals als grosses Talent, das sich in der Zwischenzeit zum zuverlässigsten Schweizer Stürmer gemausert hat. Aber auch der ­beste Stürmer trifft nicht jederzeit das Tor. Macht einmal eine Baisse durch. Wie zuletzt Simon Ammann, wie zwischendurch Roger Federer.

Ausgepfiffen wurde Seferovic gegen Nordirland vordergründig, weil er trotz guter Chancen das Tor schuldig geblieben ist, um die Barrage frühzeitig zu entscheiden. Ausgepfiffen wurde er auch, weil «Mitarbeiter in der Privatwirtschaft niemals so gut entlöhnt werden, und tiefere Spesen erhalten und trotzdem gute Leistung zeigen müssen» – so erklärte es ein Leserbriefschreiber in der «Basler Zeitung». Das Phänomen trägt einen Namen: Futterneid. Keine besonders sportliche Eigenschaft.

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