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«Will ich weitermachen oder reichen sechs Jahre?»

Marcel Koller wurde als Nationaltrainer Österreichs zum Helden. Und jetzt muss er um die Teilnahme an der WM zittern.

Marcel Koller (56) hat auch den Traum, mit einem Club die Champions League zu bestreiten. Foto: Tobias Schwarz (AFP)
Marcel Koller (56) hat auch den Traum, mit einem Club die Champions League zu bestreiten. Foto: Tobias Schwarz (AFP)

Was ist ein Wunderwuzzi?

Das ist einer, der alles kann, der alles richtig macht, der dafür sorgt, dass alles in die richtige Richtung geht.

Sie wurden nach der Qualifikation für die EM 2016 als Wunderwuzzi gefeiert …

(unterbricht) Ich habe immer gesagt, dass ich keiner bin.

Aber die Zeitungen haben es ­hartnäckig behauptet …

... ja (lacht) …

... und ein Nationalheld waren Sie gleich auch noch. Was ist davon übrig geblieben?

Die Situation ist anders, wenn man nicht mehr Tabellenerster ist, vier Spiele vor Schluss auf dem 4. Platz liegt und die Stimmung nicht mehr von Euphorie getränkt ist. Das verstehe ich. Aber wenn ich unterwegs bin, werde ich nach wie vor offen und freudig begrüsst.

Nach der geschafften EM-Quali­fikation trugen die Spieler Sie auf ­Händen, die Zuschauer skandierten Ihren Namen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich weiss, wie es läuft, dafür bin ich schon lange genug im Fussball. Ich weiss darum auch, wie es ist, wenn es sportlich nicht rund läuft. Ich habe immer Demut besessen und gewusst, dass ich nicht abheben darf, wenn ich erfolgreich bin, dass ich nicht denken darf: Jetzt muss ich nur mit den Fingern schnippen, und es läuft von alleine. Ich habe wegen meiner Verletzung als Spieler …

... meinen Sie Ihren Beinbruch?

Nein, den Sehnenabriss im Knie. Dadurch habe ich schon früh gelernt, dass ich kämpfen muss, um wieder auf den Platz zurückzukehren. Wenn du oben bist und das Gefühl hast, jetzt hast du es geschafft, wirst du nachlässig und machst weniger. Du fühlst dich wohl, weil du auf Schultern getragen wirst. Und wenn es dann nicht mehr läuft, fällst du tief und landest extrem hart.

Denken Sie jetzt, da es in der ­WM-Qualifikation hapert, besonders an die guten Zeiten mit Österreich zurück?

Ich denke natürlich daran, ich denke: Wir müssen wieder mehr machen. Ich überlege: Wie können wir wieder zurückkommen? Manchmal braucht es nur einen kleinen Moment, um die Wende zu schaffen. In Irland (am 11. Juni) führten wir bis zur 85. Minute und wären mit einem Sieg wieder näher an die Spitze gerückt. Dann machten wir halt doch noch einen Fehler und bekamen den Ausgleich. Aber ich habe genug Er­fahrung, um auch mit einer solchen ­Situation umgehen und sie richtig einschätzen zu können. So wie ich im Erfolg fokussiert bin, bin ich es auch jetzt.

Wie oft fragen Sie sich: Warum ist es nicht mehr so schön wie noch vor einem Jahr?

Wir sind im Moment nicht mehr erfolgreich, und nicht erfolgreich heisst: Wir sind nicht Erster oder Zweiter. Wenn du dich qualifizierst, bist du automatisch erfolgreich. Diese Rechnung ist relativ einfach. Keiner fragt, warum und wieso du qualifiziert bist. Du bist dabei, das reicht den Leuten, dem ganzen Land. Das war vor der EM so. Alle lechzten danach, wieder einmal an ein Turnier fahren zu können, auch die Journalisten. Der Verband spürte, dass er ernst genommen wird. Das war alles schön.

Und führte zur Frage: «Herr Koller, werden wir jetzt Europameister?»

Als ich das am Tag nach der Qualifikation von einem Journalisten gefragt wurde, wollte ich zuerst davonlaufen. Speziell Journalisten sollten wissen, wie stark die anderen qualifizierten Mannschaften sind.

Wieso wurde Österreich denn nicht Europameister?

Wir schossen zu wenig Tore (lacht), wir verloren Spiele, trotzdem waren wir nahe dran. Wenn wir im dritten Spiel (gegen Island) nur in der letzten Minute ein Tor erzielt hätten, wären wir eine Runde weiter gekommen. Wir hatten Chancen, aber wir vergaben einen Elfmeter … Es fehlte auch das Glück.

«Wenn es läuft, macht man sich keine ­Gedanken, Fallrückzieher gelingen.»

Denken Sie jetzt, dass Sie Ihr Glück als Nationalcoach schon in der EM-Ausscheidung aufgebraucht haben?

Nein, überhaupt nicht. Du musst dir das Glück immer erarbeiten, mit Willen, mit Konsequenz, mit mannschaftlicher Geschlossenheit. Mit deiner Energie, mit deiner Überzeugung, die du ausstrahlst, kannst du es auf deine Seite zwingen. Wenn du aber zwei-, dreimal verlierst, geht es schon in die andere Richtung. Weil man sich zu viel Gedanken darüber macht. Weil jeder Spieler sein Umfeld hat und da gefragt wird: Was ist los mit euch? Wenn es läuft, macht man sich keine ­Gedanken, Fallrückzieher gelingen.

Und wenn es nicht läuft ...

... versucht man auch einen Fallrückzieher, verletzt sich aber dabei. Als Trainer muss ich dagegen ankämpfen, dass die Spieler nicht in eine Negativspirale geraten, dass sie nicht mehr an sich glauben. Ich muss ihnen vermitteln, dass wir das nächste Spiel gewinnen können.

Wie sehr hinterfragen Sie sich, wenn es gut geht? Und wie sehr, wenn das Gegenteil der Fall ist?

Ich mache beides. Aber es ist sicher so, dass ich noch mehr studiere, wenn es nicht läuft. Ich muss ja schauen, wie wir wieder in die richtige Bahn kommen.

Finden Sie den Schlüssel zum Erfolg noch?

Es bleiben vier Spiele in der Qualifi­kation, das nächste (am Samstag) ist in Wales, und ja, wir sollten gewinnen.

Von den letzten neun Pflichtspielen gewannen Sie zwei. Sind Sie deshalb ein schlechterer Trainer als vorher?

Ich denke nicht.

Wären Sie ein besserer, wenn Sie ­siebenmal gewonnen hätten?

Nein. Ich bin ich.

Sie sind jetzt knapp sechs Jahre in Österreich. Was haben Sie gelernt?

Ich habe mehr Erfahrung. Ich kenne jetzt nicht nur den Club-, sondern auch den Nationalmannschaftsfussball. Das ist etwas ganz anderes.

«Als Nationaltrainer habe mehr Ruhe im Leben. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache, wenn kein Länderspiel ansteht.»

Was ist das Schöne daran, Nationaltrainer zu sein? Die Arbeitszeit?

Es ist sicher weniger stressig, als wenn ich alle drei Tage ein Spiel habe, jeden dritten Tag gewinnen und den Zuschauern gerecht werden muss, als wenn das Rädchen im Kopf immer dreht. Ich habe mehr Ruhe im Leben. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache, wenn kein Länderspiel ansteht. Ich gehe jeden Tag ins Büro, von Montag bis Freitag, und am Wochenende schaue ich Spiele. So kann es die Siebentagewoche geben, in denen die Arbeitszeit nicht auf 9 bis 5 Uhr beschränkt ist. Und die zwei Wochen vor und nach einem Spiel sind sehr intensiv. Es ist dann nicht nur eine Stadt, die sich dafür interessiert, sondern ein ganzes Land. Jeder hat eine Meinung.

Und was machen Sie, wenn Sie allein im Prater im Büro sitzen?

Ich bin ja nicht allein. Der Co-Trainer ist da, der Sportdirektor auch. Diese Woche (Anfang August – die Red.) haben wir schon einmal den nächsten Lehrgang besprochen, wie wir das Spiel in Wales taktisch angehen wollen, wir haben Videos geschaut und überlegt, was wir davon der Mannschaft zeigen wollen, wir haben geschaut, wie die Spieler in ihren Vereinen unterwegs sind. So sieht eine Woche aus: reden, schauen, vorbereiten.

Was hat die Zeit in Österreich mit Ihnen als Mensch gemacht?

Es ist eine wunderschöne Zeit. Wien ist eine absolut lebenswerte, wunderbare Stadt.

«Ich bin offener geworden, zugänglicher, lockerer.»

Aber hat diese Zeit Sie verändert?

Ich denke schon, ja. Früher war ich behütet, in der Schweiz, im kleinen Land. Als Auslandschweizer sehne ich mich nach der Schweiz – es gibt Phasen, in denen ich Heimweh habe nach dem herrlichen Land, das ich wenigstens in den Ferien geniessen kann. Aber ich bin auch offener geworden, zugänglicher, lockerer.

Hat das mit dem Alter zu tun oder mit der Mentalität der Österreicher?

Das kommt beides sicher dazu, aber es geht auch um die Erfahrungen, die ich sammeln kann. Wer immer nur am gleichen Ort ist, von den gleichen Leuten umgeben, sieht und hört auch immer nur das Gleiche. Wer weggeht, ins Ausland, bekommt mehr mit, sieht mehr, hört andere Meinungen. Er wird offener.

Wie sehr hat Ihnen der Clubfussball gefehlt?

Zuerst sehr, weil ich das Leben als Nationaltrainer nicht kannte. Am Anfang, im November 2011, hatte ich die Mannschaft um mich, ich konnte ihr etwas vermitteln, es lief etwas. Dann war der Match vorbei: tschüss, alle weg, und ich war da und konnte nicht mehr auf dem Platz arbeiten, nichts vermitteln. Das war also im November, und der nächste Zusammenzug war erst Ende Februar. Ich musste drei Monate warten. Und mich fragen: Mist, was mache ich jetzt? Das erste halbe Jahr war schwierig.

Da half der Erfolg.

Der kam ja nicht sofort. Aber ich habe gesehen, dass sich die Mannschaft entwickelt, dass sie die Qualität hat, um das umzusetzen, was ich möchte. Von daher ist die Arbeit angenehmer geworden, einfacher.

Sie waren nicht nur Meister in St. Gallen und bei GC, Sie schafften nicht nur das Kunststück, Bochum drei Jahre in der Bundesliga zu halten. Sie waren auch zwei Jahre arbeitslos. Wie sehr hilft Ihnen diese Erfahrung, wenn Sie als Nationaltrainer Probleme haben?

Als Trainer bin ich noch nie so lange an einem Ort gewesen, nur als Spieler bei GC. Wenn du intensiv lebst – und Fussball ist intensiv – und wenn es nicht so gut läuft, ist es von Vorteil, einmal auch abschalten und herumhängen zu können. Diese Zeit ist wichtig, um Energie zu sammeln und vorwärtszuschauen. Ich beobachte den Clubfussball, ich verfolge andere Nationalmannschaften, ich überlege, wie ich meine Ideen umsetzen kann. Das ist alles wichtig für meine Weiterentwicklung. Ich kann eine Idee von Fussball haben, aber was nützt sie mir, wenn mir die Spieler dafür fehlen? Dann muss ich einen anderen Weg suchen. Solche Sachen reflektiere ich, wenn ich mir ein Spiel anschaue.

«Ich diskutiere nicht darüber. Ich will es so haben, dass die Pfosten gedeckt sind.»

Wie schauen Sie denn ein Spiel an? Immer als Trainer?

Es gibt auch Kleinigkeiten, die ich sehe, stehende Bälle zum Beispiel. Ich möchte, dass bei einem Eckball beide Pfosten gedeckt sind. Die jungen Trainer sagen: Nein, wir decken den Raum ab. Ich aber schaue so viele Spiele, dass ich immer wieder sehe, wie ein Ball abgefälscht wird, am zweiten Pfosten keiner steht und der Ball reingeht, 0:1. Das mag eine Philosophiefrage sein. Ich diskutiere nicht darüber. Ich will es so haben, dass die Pfosten gedeckt sind.

Das ist jetzt ein schöner Sprung gewesen von der Frage wegen der Arbeitslosigkeit.

Darum geht es doch: dass man etwas entwickelt, wenn man Zeit dafür hat.

Ist es Ihnen noch nie langweilig geworden mit so viel Fussball?

Nein. Ich habe mich das zwar auch schon gefragt. Aber es ist ein so wunderbarer, extrem spannender Sport!

«Ich habe nie gesagt: Nationaltrainer für immer. Ich möchte den Clubfussball schon noch einmal erleben.»

Wie sehr zieht es Sie zurück in den Clubfussball?

Ich habe nie gesagt: Nationaltrainer für immer. Ich möchte den Clubfussball schon noch einmal erleben. Aber ich will nicht eine Clubmannschaft übernehmen, damit ich einfach eine übernommen habe. Ich muss spüren, dass der Hunger da ist und die Qualität.

Wie lange sind Sie noch ­Nationaltrainer in Österreich?

Mein Vertrag läuft bis im November. Aber ich kann jetzt nicht sagen, was passieren wird. Unser Ziel ist nun, die restlichen vier Spiele zu gewinnen. Das ist auch möglich. In unserer Gruppe ist es extrem eng. Der nächste Gegner ist ­Wales. Dann schauen wir weiter.

Haben Sie das Gefühl, dass es für Sie weitergehen könnte, sollten Sie sich nicht für die WM in Russland ­qualifizieren?

(überlegt) Es ist möglich, ja. Aber es braucht immer zwei dafür. Die Frage ist auch: Will ich weitermachen? Oder sage ich mir: Reichen sechs Jahre? Das will ich mir offen lassen.

Ottmar Hitzfeld war jeweils sechs Jahre Trainer in Dortmund und München, und beide Male war er ausgebrannt. Darum hörte er in der Schweiz als Nationalcoach nach sechs Jahren auf. Wie ist das bei Ihnen? Sind Sie müde?

Nein.

Sie werden 57. Was ist der Traum, den Sie als Trainer noch haben?

Die Champions League zu bestreiten.

Das wird schwierig mit der ­Nationalmannschaft.

Da ist das Ziel, an der WM zu sein.

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