«Wieso soll ich nicht ins Stadion?»

Sions Präsident Constantin hat vor, am Sonntag auf der Tribüne zu sitzen – trotz Stadionverbot und 100'000-Franken-Busse.

Christian Constantin ist überzeugt, Gerichte zu finden, die ihm recht geben. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Christian Constantin ist überzeugt, Gerichte zu finden, die ihm recht geben. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Es sind Worte voller Trotz und Wut, verpackt in einen Satz, der befürchten lässt, dass die Geschichte nicht zu Ende ist, nicht mit diesem Urteil. Dem «Le Matin» sagt Christian Constantin am Mittag: «Sie wollen Krieg, sie werden Krieg bekommen.»

Der Präsident des FC Sion ist der Beschuldigte, der eben erfahren hat, dass er für seinen tätlichen Angriff auf Teleclub-Experte Rolf Fringer am 21. September in Lugano die laut Reglement höchstmögliche Busse von 100'000 Franken bezahlen muss und – vor allem das – 14 Monate gesperrt wird. Kein Stadion im Land darf er während dieser Zeitspanne betreten, wenn darin Super-League- oder Challenge-League-Fussball gespielt wird, wenn Cuppartien oder Länderspiele der Schweiz stattfinden.

Begründet wird das Strafmass damit, dass «ein Clubpräsident in erhöhtem Masse verpflichtet ist, sich vorbildlich für Fairplay und Respekt einzusetzen». Constantin habe diese Pflicht grob verletzt und die Werte des Fussballs diskreditiert.

Keine aufschiebende Wirkung

Der 60-jährige Walliser kann innert fünf Tagen dagegen rekurrieren, er wird das zweifellos auch tun, aber die Liga-Disziplinarkommission (DK) hat eines entschieden: Eine aufschiebende Wirkung gibt es nicht, die Sperre tritt ab sofort in Kraft. Und über alles Weitere muss die Rekursinstanz befinden.

Das mag zwar einleuchtend scheinen, aber ganz so einfach wird es kaum sein, zur Tagesordnung überzugehen und dafür zu sorgen, dass die Vorgaben eingehalten werden – weil der Angeklagte eben Constantin heisst, dem keine Institution zu mächtig ist, um sich notfalls nicht gegen sie aufzulehnen. Das Urteil von diesem Donnerstag hat für ihn den Wert eines lächerlichen Richterspruchs, der verantwortlichen Kommission wirft er Inkompetenz vor, und er gibt zu verstehen: Für ihn hat der Kampf auf juristischer Ebene erst begonnen.

Video – Constantins Angriff auf Fringer

Der Sion-Präsident wurde nach dem Spiel gegen Lugano handgreiflich. (Video: Tamedia mit Material von Teleclub)

Ein echtes Problem kündigt sich nun bereits für diesen Sonntag an: Sion empfängt St. Gallen – und Constantin kann nicht verstehen, wie man auf die Idee kommen kann, dass er nicht auf der Tribüne sitzen wird wie üblich: «Wieso soll ich nicht ins Stadion?», fragt er. «Ich bin Mieter des Tourbillons.» Er will bis dahin gerichtlich erwirkt haben, dass sein Rekurs doch aufschiebende Wirkung erhält. Und wenn nicht? Muss zuerst der Ordner gefunden werden, der es wagt, sich dem mächtigen Chef in den Weg zu stellen.

Der Appell an die Clubs

Dabei sind sie nicht nur in Sitten, sondern in allen anderen Stadien der Schweiz angehalten, Constantin am Eintritt zu hindern. «Wir sind auf die Kooperation der Clubs angewiesen», sagt ­Daniele Moro, Präsident der Disziplinarkommission, und hält fest, dass gegen fehlbare Vereine Untersuchungen eingeleitet und harte Sanktionen (beispielsweise Punktabzüge) verhängt werden können. Und Constantin selber sähe sich mit einer nächsten Anklage konfrontiert.

Die Drohung wiederum hält etwa Lausannes Präsident Alain Joseph nicht davon ab, dem Amtskollegen aus Sitten zu versichern, dass er ihn gern einladen würde, wenn der FC Sion das nächste Mal auf der Pontaise zu Gast ist. «Christian hat etwas gemacht, das er nicht machen darf, und dafür muss er bestraft werden, klar», sagt Joseph. «Aber wieso belässt man es nicht bei einer Busse? Ich hätte ihm dann gesagt: Christian, verdopple den Betrag und sag, dass es in die Gewaltprävention investiert werden soll, in den Kampf gegen den Hooliganismus.»

Bildstrecke – Einige der längsten Sperren in der Geschichte des Schweizer Fussballs

Die 14-monatige Sperre hält Joseph für übertrieben: «Das ist zu lang. Ausserdem wird Constantin damit untersagt, beim Unternehmen, das ihm gehört, seinen Job zu machen.» Was nur bedingt stimmt: Abgesehen von den Spieltagen ist es dem Präsidenten erlaubt, den FC Sion zu führen.

Constantin jr.: Verfahren läuft

Noch nicht geklärt ist, wie Barthélémy Constantin bestraft wird. Der als Sportchef eingesetzte Präsidentensohn soll vor der Attacke seines Vaters auf Fringer eine Morddrohung gegenüber dem früheren Trainer ausgesprochen haben. Constantin jr. hat dazu am Mittwoch vor der DK Stellung genommen.

Und hängig sind schliesslich zwei Strafklagen, die vorige Woche im Tessin deponiert worden sind. Fringer hat Constantin wegen Körperverletzung angezeigt – Constantin wiederum will Fringer wegen Diffamierungen vor Gericht zerren. Fringers Klage wird demnächst behandelt, bei jener von Constantin muss indes zuerst geprüft werden, ob die Tessiner Staatsanwaltschaft dafür überhaupt zuständig ist, wie deren Sprecher Saverio Snider erklärt.

Constantin hat angekündigt, sämtliche Mittel auszuschöpfen, er glaubt auch, Gerichte zu finden, die ihm recht geben. Bis Sonntagabend nun will er, der gerne offensiv kommuniziert, kein Wort mehr verlieren. Erst in der Sendung «Mise au point» des Westschweizer Fernsehens will er sein Schweigen brechen. Und dafür aus Sitten anreisen. Direkt vom Spiel Sion - St. Gallen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 23:00 Uhr

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