Whatsapp-Gruppe für die Schweizer Fitness

Damit die Nationalmannschaft bereit ist für die WM, hat Leistungsdiagnostiker Markus Tschopp mit den Spielern auch per Smartphone kommuniziert.

Sich für Schlüsselmomente im Match bereit machen: Die Schweizer im Training.

Sich für Schlüsselmomente im Match bereit machen: Die Schweizer im Training. Bild: Laurent Gilliéron/Keystone

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Markus Tschopps Daumen ist auch ein Lautstärkeregler für den Nationaltrainer. Ausserdem kann er den Pulsschlag einer ganzen Mannschaft bestimmen. Trainieren die Schweizer, dann blickt Vladimir Petkovic zwischendurch immer mal wieder zu Tschopp. Geht der Daumen hoch, wird der Schweizer Nationalcoach lauter. Geht der Daumen runter, dann schweigt Petkovic ein wenig. Und auf Tschopps Tablet bewegen sich die Daten in die richtige Richtung.

«Vladimir Petkovic kann mit seiner Stimme recht viel herausholen», erklärt Tschopp, «coacht er laut, steigt die Intensität des Trainings. Schweigt er, sinkt sie wieder.» Tschopp ist der Mann, der mit seiner Software in Echtzeit überwacht, dass möglichst genau so hart oder locker trainiert wird, wie das vor der Einheit abgemacht worden ist.


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Leistungsphysiologe lautet seine Berufsbezeichnung. Das beinhaltet Trainingsplanung, -überwachung und -auswertung ebenso wie Regeneration, Ernährung und die Leistungsdiagnostik. Mag alles etwas theoretisch klingen. Aber wenn Ricardo Rodriguez am Sonntag in das Sprintduell mit Neymar steigt, dann kann Tschopps Arbeit den Unterschied ausmachen.

Bereit für die Extremsituation

Natürlich ist die gesamte WM-Vorbereitung wichtig. Ohne sie muss eine Mannschaft gar nicht erst an einer Endrunde antreten. Aber im Detail geht es darum, sich auf jene kurzen Sequenzen vorzubereiten, die Spiele entscheiden. «Schlüsselmomente gibt es immer, wenn die Intensität hoch ist», sagt Tschopp, «dann, wenn ein Spieler seine maximale Leistung abrufen muss, obwohl er schon vorher hohe Belastungen hatte.»

Es sind Extremsituationen, für die die Schweizer bereit sein wollen. Vor allem auch in der Nachspielzeit oder in den Verlängerungen, wenn der Sauerstoff in Hirn und Muskeln selbst mit einer intensiven Vorbereitung knapp zu werden droht. Für Momente, in denen fünf Zentimeter darüber entscheiden, ob der Ball ins Tor geht oder vom Verteidiger abgewehrt wird. Für die Szene, die an einer WM zwischen Triumph und Katzenjammer entscheidet. Es ist jener Bruchteil einer Sekunde, in dem ­Neymar an Rodriguez vorbeizieht – oder vom Schweizer Aussenverteidiger gestoppt wird.


Das Training der Schweizer Nationalmannschaft


Genau dann kommt es darauf an, wer mehr Explosivität in den Beinen hat. Die, sagt Tschopp, «ist ein Schlüsselmerkmal im Spitzenfussball geworden». Und damit die Schweizer an der WM richtig explodieren, gibt es eine ganz spezielle Whatsapp-Gruppe.

Erst drei Wochen vor der WM im ­Trainingslager mit den Übungen zu ­beginnen, wäre weitaus zu spät, ­erklärt Tschopp: «Man muss mit etwa sechs bis acht Wochen rechnen, um eine echte ­Leistungsentwicklung zu erzielen. Alles, was kürzer ist, erbringt kein messbares Resultat.»

Also wurden schon im Umfeld der Freundschaftsspiele gegen Griechenland und Panama im März Leistungstests gemacht. Das war der Moment, in dem die Schweizer WM-Vorbereitung in die heisse Phase eintrat.

Danach wurden den Spielern via Whatsapp Videos mit Übungen auf ihr Handy geschickt. Schwerpunkte: Verletzungsprävention und Explosivität. «Spieler funktionieren heute besser über die neuen Medien, da ist es einfacher, man schneidet etwas in kurzen Sequenzen zusammen, als dass man ein Blatt Papier mitgibt.» Und die Schweizer ­haben gemäss Tschopp ihre Hausaufgaben gut erledigt: «Mit dem grossen Turnier als Ziel sind die Spieler durchaus bereit, etwas zu investieren.»

Er kann das beurteilen, weil die Spieler zu Beginn der WM-Vorbereitung in Lugano auf die Druckmessplatte gestiegen sind, mit der die Explosivität der Beine gemessen werden kann.

Probleme mit den Clubs, bei denen die Nationalspieler unter Vertrag stehen, gibt es bislang keine. Dafür hat vor allem Oliver Riedwyl gesorgt. Der Konditionstrainer des Nationalteams hat die Vereine besucht und geschaut, wie die Übungen bei ihnen in die Trainingspläne inte­griert werden können. Mit diesem direkten Ansatz scheinen die Schweizer Pioniere zu sein. «Wir sind offenbar die Einzigen, die direkten Kontakt mit den Vereinen haben», meint jedenfalls Tschopp.

Wem gehören die Spielerdaten?

Diese Nähe versucht der Schweizer Fussballverband auch künftig zu nutzen. Schliesslich sammeln heute alle Clubs Leistungsda­ten, die auch für die Trainingsplanung der Nationalmannschaft wertvoll wären. Bislang reicht immerhin ein Drittel der Arbeitgeber der Nationalspieler ihre Daten an den Schweizerischen Fussballverband weiter.


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Tschopp nennt das einen «guten ­Anfang». Aber natürlich wäre der Idealzustand, dass die Schweizer von allen Clubs alle wichtigen Daten erhalten. ­Sowieso müssten die Messwerte den Spielern gehören und nicht den Vereinen, findet Tschopp. Wie Krankheitsakten, die ja auch nicht dem Arzt gehören, sondern seinen Patienten.

So ist der Schweizer Service derzeit weitaus kompletter als jener der Clubs. Das Nationalteam schickt jeweils einen Tag nach einem Zusammenzug jedem Verein eine Zusammenfassung: «Was hat der Spieler gemacht, wie hat er trainiert, wie lange hat er gespielt, wie gross war seine ­Belastung?»

Und Tschopps Daumen? Der konnte Petkovic in der Vorbereitung eher auf leise stellen. Die Schweizer waren auch ohne Anfeuerung des Nationaltrainers oft engagierter unterwegs als geplant.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2018, 08:56 Uhr

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