Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die Vorzeichen, dass die Berner am Ende der Saison nach fast 30 Jahren endlich wieder einen wichtigen Titel feiern können, sind so gut wie schon lange nicht mehr.

Mit einem Top-3-Stürmer zu einem Titel? Guillaume Hoarau und YB.

Mit einem Top-3-Stürmer zu einem Titel? Guillaume Hoarau und YB.

(Bild: Tobias Anliker)

Ruedi Kunz

YB in der aktuellen Zusammensetzung ohne Andy und Hans-Ueli Rihs – das ist nicht vorstellbar. Nur dank den grosszügigen Investitionen der beiden Besitzer kann sich der Club teure Spieler wie Steve von Bergen, Milan Vilotic, Guillaume Hoarau und Miralem Sulejmani leisten. Und kann sich die sportliche Führung erlauben, die Verpflichtung von Blerim Dzemaili ernsthaft zu prüfen.

Wie viel Geld die sportbegeisterten Zürcher Unternehmer schon in den Club gesteckt haben, seit sie ihn 2008 zu 100 Prozent übernommen haben, ist nicht genau bekannt. Der «Sonntags­Zeitung» sagte Andy Rihs kürzlich, in den letzten paar Jahren seien es 10 bis 15 Millionen gewesen.

Die Freude an ihrem teuren Spielzeug haben die Gebrüder Rihs trotz etlichen Rückschlägen bis heute nicht verloren. Um endlich den ersten wichtigen Titel ins Stade de Suisse zu holen, fanden sie es nach einer kurzen Phase der Zurückhaltung angebracht, wieder im grösseren Stil zu investieren.

Diesmal sollen sie die Transfermillionen für Neuverpflichtungen quasi als Vorschuss zur Verfügung gestellt haben. Das Resultat der jüngsten Vorwärts­strategie: die Zuzüge von Miralem Sulejmani und Loris Benito, die beide bei Benfica trotz sehr gut dotierten ­Verträgen nicht glücklich wurden.

Forsch, aber richtig

Die beiden führen nochmals zu einer Qualitätssteigerung bei den Young Boys. Für die heute beginnende Saison 2015/16 steht den Bernern eine Mannschaft zur Verfügung, die sich punkto Spielermaterial und Kaderbreite vor niemanden verstecken muss. Auch nicht vor dem FC Basel, der einen erneuten Umbruch hinter sich hat.

Es ist nichts als folgerichtig, haben Mannschaft, Trainerstab und Clubführung als Ziel den Gewinn der Meisterschaft oder des Schweizer Cups formuliert. Man mag einwenden, es sei ganz schön mutig, dass Repräsentanten eines Vereins, der seit bald 30 Jahren keinen wichtigen Titel mehr errungen hat, ­derart offensiv kommunizierten.

Doch es gibt auch eine ganz andere Sichtweise, die im Spitzensport gang und gäbe ist. Wer wie YB den Anspruch hat, zur nationalen Elite zu gehören, und überdies beträchtliche Mittel in die Mannschaft gesteckt hat, der muss nach dem Höchsten streben. Und das sind im Fussball nun mal Meister- und Cup-Trophäen.

Was für YB spricht

Titelhoffnungen keimen in Bern jeden Sommer aufs Neue auf. Doch so gross wie diesmal waren sie seit der Ära Petkovic (2008 bis 2011) nie mehr. Und es gibt tatsächlich gute Gründe, wieso die Sehnsüchte der YB-Anhänger im Frühling 2016 endlich wieder einmal gestillt werden könnten:

  • YB hat ein eingespieltes Team, ­welches in der Sommerpause keine gewichtigen Abgänge verzeichnete.
  • Für jede der elf Positionen stehen zwei fast gleichwertige Fussballer zur Verfügung, was zur Steigerung der Trainingsintensität geführt hat.
  • YB verfügt mit Mvogo, von Bergen, Vilotic und Hoarau auf zentralen ­Positionen über starke Leadertypen.
  • Mit Hoarau besitzt YB einen der Top-3-Stürmer der Liga.
  • YB hat mit Sulejmani und Benito zwei Spieler geholt, die beide wissen, wie man Titel gewinnt.
  • Die Mannschaft ist unter Sportchef Fredy Bickel und Trainer Uli Forte gezielt verstärkt worden und verfügt über eine klare Hierarchie.

Wo die Gefahren lauern

Ein sehr breites und kompetitives Kader ist grundsätzlich ein Segen. Und es ist heute bei Spitzenclubs mit internationalen Ansprüchen eine Bedingung, dass alle Positionen doppelt besetzt sind mit Spielern von vergleichbarem Niveau. Doch dies kann auch zu einem Fluch werden. Wenn es einem Team nicht läuft, ist nicht selten schnell Feuer im Dach. Unzufriedene Spieler begehren auf, beklagen sich über mangelnde Einsatzzeit, lassen schon mal vorsorglich den Markt sondieren.

Um ein solches Szenario zu verhindern, müssen die Young Boys einen guten Saisonstart hinlegen. Und sie müssen sich länger auf der europäischen Bühne behaupten. Sprich: Die erneute Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League ist eine Notwendigkeit, um die hochkarätige Belegschaft bei Laune zu halten. In diesem Fall erhalten fast alle Akteure die Chance, genügend Ernstkämpfe zu bestreiten, weil Forte wegen der Doppelbelastung rotieren wird.

Fällt die Europa League (oder wenig realistisch: die Champions League) weg, ist die Gefahr nicht unerheblich, dass in der Kabine Unruhe aufkommt. Die kommunikativen Fähigkeiten des Uli Forte sind dann gefragter denn je. Woche für Woche wird er bestandenen Fussballern erklären müssen, wieso sie in der Super League nur zweite Wahl sind. Keine leichte Aufgabe.

Der Coach ist ohnehin gefordert wie noch nie, seit er bei YB an der Linie steht. Jetzt, da er eine schlagkräftige Mannschaft zur Verfügung hat, muss er die richtigen taktischen Rezepte finden, damit sie auch in fremden Stadien dominant auftreten kann. Das wird notwendig sein, um den FCB ernsthaft bedrängen zu können. Der Serien­meister hat nichts an Selbstbewusstsein eingebüsst, obwohl er die Teamleader Fabian Schär, Fabian Frei und Marco Streller verloren hat.

Was klar ist: Forte ist zum Erfolg ­verdammt. Kommt YB nicht auf ­Touren, wird der Druck auf den Coach schnell wachsen. Und eine weitere Cup-Blamage wie im letzten Herbst gegen den Zweitligisten Buochs würde ihm die Clubleitung kaum verzeihen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt