Wenn es Abramowitsch kitzelt

Die englischen Grossclubs entdecken ihr Herz für den Frauenfussball. In Chelsea spielt Ramona Bachmann und am Samstag mit der Schweiz gegen England.

«Das hätte ich nicht für möglich gehalten»: Ramona Bachmann (rechts) über die Bedingungen bei Chelsea. Foto: Getty Images

«Das hätte ich nicht für möglich gehalten»: Ramona Bachmann (rechts) über die Bedingungen bei Chelsea. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine kleine Notlüge muss wohl hin und wieder einfach sein. Vieles am Fussball ist schliesslich Ehrensache und eine Frage der Farben – vor allem für die Fans gilt das. Deshalb die Bemerkung am Ende des kurzen Porträts über Ramona Bachmann auf der Website ihres Clubs: «Sie ist Chelsea-Fan seit ihrer Kindheit.»

Um es kurz zu machen: Nein, ist sie nicht. Bachmann ist seit ihrer Kindheit Fan des FC Barcelona. Für wen die Stürmerin des Schweizer Nationalteams ­allerdings schon immer geschwärmt hat: Didier Drogba. Und der spielte immerhin fast ein Jahrzehnt bei den Londonern. Von 2004 – Bachmann war 13 – bis 2012. Champions-League-Sieg inklusive.

«In England liegt die Zukunft des Frauenfussballs.»Ramona Bachmann

Nun ist die Zentralschweizerin selbst ein bisschen wie Drogba, zumindest trägt seit der Winterpause auch Bachmann das Trikot des Chelsea F.C. ­Genauer: des Chelsea L.F.C, wobei das «L» für «Ladies» steht. Mit einem 2:0 bei Birmingham wurden diese Ladies am Samstag zum zweiten Mal englischer Meister. Es mag nur ein halber Titel sein, weil die Saison wegen der Umstellung der Meisterschaft von Sommer- auf Normal­betrieb nur gut einen Monat dauerte – gefeiert wurde er trotzdem. «Uns bedeutet das sehr viel», sagt Bachmann.

«Ich war sprachlos»

Gekommen war die 26-Jährige vergangenen Januar vom VfL Wolfsburg. Für London entschieden hatte sie sich, weil es ihr beim Besuch des Chelsea-Trainingszentrums den Atem verschlagen hatte. Ihr Agent habe sie zwar vor­gewarnt, sagt Bachmann, «doch was ich dann sah, hätte ich nicht für möglich gehalten». ­Allein die Zahl der Trainingsplätze auf dem Gelände in Cobham südlich von London ist Irrsinn: 35. «Ich war sprachlos», sagt Bachmann denn auch.

In Cobham trainiert das Frauenteam parallel mit den Stars der Männerab­teilung, gleich auf dem Platz nebenan. Auch sonst profitieren die Ladies von der erstklassigen Infrastruktur. Wie die Männer benutzen auch sie das von Chelsea selbst entwickelte Messtool «Blue Sprints». Die Spielerinnen tragen einen an GPS gekoppelten Chip bei allen Trainings und Spielen auf sich. Mittels einer Software erkennen die Trainer, ob eine Spielerin bald eine Pause braucht oder noch zu mehr Leistung fähig ist.

Chelsea will den Frauenfussball im grossen Stil fördern, so jedenfalls war ihr das versprochen worden. Neben Bachmann verpflichtete der Club in der Winterpause drei weitere Nationalspielerinnen, und diese Transferoffensive hat viel mit Roman Abramowitsch zu tun. Der Clubbesitzer war im vergangenen Herbst zugegen, als die Chelsea Ladies in der Champions League in der Stamford Bridge den VfL Wolfsburg empfingen. Besser: gegen den VfL Wolfsburg untergingen. Es weckte den Ehrgeiz des schwerreichen Russen, danach soll er seinen Technischen Direktor Michael Emenalo beauftragt haben, ein Meisterteam zusammenzustellen. Nur ein Ziel war gut genug, Emenalo hat es Bachmann erläutert: «In zwei Jahren die Champions League zu gewinnen.»

Ähnliche Bestrebungen laufen andernorts. Neben Chelsea sind Manchester City, Birmingham, ­Arsenal und Liverpool führend im Frauenfussball. Auffällig: Es sind auch in England traditionelle Männerteams, welche die Frauensparte mehr und mehr für sich entdecken. Dieser Trend ist seit längerem in Frankreich und Deutschland zu erkennen, inzwischen auch in Spanien und im Kleinen ebenso in der Schweiz.

Wann kommt Real Madrid?

Die Frage nach dem Warum beantwortet die Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg so: «Mit relativ wenig Geld kann man im Frauenfussball noch viel erreichen.» Es werde aber ­immer schwieriger, sagt sie auch; die Leistungsdichte nehme rasant zu. So wartet die Szene gespannt darauf, wann Real Madrid so richtig einsteigt. Oder was der italienische Verband tut.

Der Markt hat viel Potenzial, die Clubs erkennen, dass Medien und ­Zuschauer sich zunehmend für Frauenfussball interessieren. Anders gesagt: Es lässt sich mehr und mehr Geld verdienen. In England hat der 3. Rang an der WM 2015 einen Boom ausgelöst, der sich in einer rasant gestiegenen Zahl der ­gelösten Lizenzen spiegelt. Deshalb hat der englische Fussballverband FA nun die Liga reformiert und weiter professionalisiert. Nationalspielerinnen erhalten direkt von der FA ein zusätzliches ­Gehalt, wenn sie im Land bleiben.

Für Bachmann ist ihre neue Heimat deshalb der Favorit an der bevorstehenden EM in Holland, noch vor Deutschland oder Frankreich. Entsprechend hoch ist der Prüfstein für ihr eigenes ­Nationalteam, das übermorgen Samstag die Engländerinnen in Biel im letzten Test vor der EM-Endrunde fordert. Die Luzernerin ist überzeugt: «In England liegt die Zukunft des Frauenfussballs.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 22:37 Uhr

Artikel zum Thema

Wie gut kennen Sie das Frauenfussball-Nationalteam?

Quiz Die Schweizerinnen haben sich für die EM 2017 qualifiziert. Testen Sie Ihr Wissen über das Team von Martina Voss-Tecklenburg. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit zum Schlucken boomt

Beruf + Berufung «9 to 9» statt «9 to 5»

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...