Zweitliga-Kicker trifft Weltfussballer

Beim Gipfeltreffen zwischen Real Madrid und Paris St-Germain begegnen sich heute auch zwei gänzlich verschiedene Trainer – die einzig der unermessliche Druck ihres Arbeitgebers eint.

Angezählt sind sie beide: Emery (l.) bei PSG, Zidane bei Real.

Angezählt sind sie beide: Emery (l.) bei PSG, Zidane bei Real. Bild: Keystone

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Zu Zeiten, da sich Pep Guardiola und José Mourinho als Trainer des FC Barcelona und Real Madrid in Spaniens Liga duellierten, hatte der Katalane stets eine kleine, feine, unterschwellige Botschaft für den portugiesischen Kollegen parat, die ins Gehässige lappte. Vor jedem Clásico fand Guardiola, später Coach des FC Bayern und heute von Manchester City, stets genug Zeit, um an einen Wettbewerbsvorteil zu erinnern.

«Ich habe solche Spiele gespielt! Ich weiss, wie es sich anfühlt, im Bernabéu auf dem Platz zu stehen!», sagte Guardiola – und erinnerte in grösster Beiläufigkeit daran, dass er als Spieler unter anderem die Champions-League-Trophäe in den Händen gehalten hatte – während Mourinhos Karriere als Torwart im unterklassigen Fussball Portugals endete.

Etwas von dieser Haltung schwebte am Dienstag auch durch den überfüllten Pressesaal in Real Madrids Sportstadt Valdebebas, als Trainer Zinedine Zidane Platz nahm. Am Mittwoch steht in Madrids Bernabéu-Stadion zwar kein Clásico an. Aber Real trifft im Hinspiel des Achtelfinales der Champions League auf Paris St. Germain (20.45 Uhr, live im SZ-Liveticker) zu einer titanischen Schlacht milliardenschwerer Truppen. Es geht um alles. Doch genau das aktiviert in Zidane einen erstaunlichen Zustand innerer Erhabenheit.

«Druck?», wurde er immer wieder gefragt, weil doch seine Mannschaft in der spanischen Liga 17 Punkte hinter Spitzenreiter FC Barcelona hinterherhinkt und im Pokal ausgeschieden ist; die ganze Stadt weiss, dass er definitiv auch um seinen Job spielt. Doch Zidane lächelte. «Wir leben hierfür», sagte der Franzose und lächelte noch freundlicher und noch entspannter. «Wir arbeiten für solche Spiele.»

Vielleicht ist es dieses Denken und Fühlen, das ihm am Mittwoch, in der Stunde des Handelns also, am Spielfeldrand einen Vorteil bescheren wird. Zidane, 45, hat als Spieler WM- und EM-Endspiele bestritten, er war Champions-League-Sieger und Meister, er weiss, wie es sich auf dem Rasen anfühlt, wenn in solchen Spielen das Unvermeidliche passiert. Nämlich: das Unvorhersehbare. Unai Emery, 46, gilt als brillanter Coach. Doch was Zidane weiss, weiss Emery nicht. Emery schaffte es als Profi «nur» in die zweite spanische Liga. Und so hat er mit Zidane am Vorabend wohl nur zweierlei gemein: dass er einen unfassbar talentierten Kader zur Verfügung hat, gespickt mit Talenten wie Neymar, Mbappé, Cavani. Und dass es auch um seinen Job geht.

«Weil du ein Sieger-Gen hast!»

Emery, ein spanischer Baske aus einer Fussballerfamilie, landete 2016 in Paris, als Nachfolger des französischen Weltmeisters Laurent Blanc. Und er erzählt immer wieder gern die Geschichte, dass er den PSG-Präsidenten Nasser Al Khelaifi gefragt habe, warum er ihn als Trainer wolle. «Weil du ein Sieger-Gen hast!», habe Al Khelaifi geantwortet. Das war nachvollziehbar: Emery hatte gerade mit Sevilla seinen dritten Europa-League-Titel in Serie gewonnen, er stand damit auf einer Stufe mit dem legendären Bob Paisley, dem einzigen Trainer, der ein Team, den FC Liverpool in den 70er-Jahren, zu drei europäischen Trophäen nacheinander führte.

Doch die Legende vom Sieger-Gen steht seit einer monumentalen Bruchlandung infrage. Im Achtelfinale der vergangenen Champions-League-Saison gab PSG unter Emery einen 4:0-Hinspielsieg gegen Barcelona aus der Hand, im Rückspiel siegte Barça mit 6:1. «Es sind viele anormale Dinge passiert», sagte Emery später und meinte die Spielleitung durch den deutschen Referee Deniz Aytekin.

Die grössere Wahrheit aber war, dass Emery seine Elf mit den deutschen Nationalspielern Kevin Trapp und Julian Draxler erst zu defensiv einstellte – und nicht mehr gegensteuern konnte, als sein Team schwamm. Wohl auch, weil Emery selbst seiner Nerven nicht Herr wurde, sondern wie ein Laptoptrainer wirkte, der mit weit ausholenden Gesten zu überdecken versucht, dass ihn auf grosser Bühne die Angst übermannt.

Dass auch Al Khelaifi sich von Aytekin benachteiligt fühlte, rettete Emery damals den Job. Er holte Emery sogar die Leader, die ihm in Barcelona angeblich gefehlt hatten, für aberwitzige Summen. Neymar (FC Barcelona) kostete 222 Millionen Euro, für den offiziell ausgeliehenen Kylian Mbappé (AS Monaco) werden im Juli 2018 weitere 180 Millionen Euro fällig. Doch die Zweifel an Emery sind immer noch da.

Mögliche Nachfolger werden schamlos herumgeboten

Es nützt ihm nichts, dass PSG die Ligue 1 souverän anführt. Oder dass PSG in der Champions-League-Vorrunde 25 Tore und damit die höchste Tordifferenz der Turniergeschichte herausschoss (+21). Es ist auch egal, dass PSG den FC Bayern im Oktober so klar schlug (3:0), dass der damalige Münchner Trainer Carlo Ancelotti entlassen wurde. Der Lieferdruck ist stattdessen so hoch, dass selbst das letzte, wertlose Gruppenspiel gegen den FC Bayern zum Examen geriet – das Emery nicht bestand.

Nachdem PSG 1:3 verloren hatte, zirkulierten rasch die Namen von Massimiliano Allegri (Juventus), Antonio Conte (Chelsea) und Mourinho (ManUnited) als mögliche Nachfolger; jetzt werden Brasiliens Nationaltrainer Tite und der aktuell beschäftigungslose Luis Enrique (früher Barça) gehandelt. Beide haben angeblich einen wichtigen Bürgen: Neymar Jr., der unter beiden brillierte und eine Mentalität zeigte, die er jetzt vermissen lässt.

Neymar feierte seinen 26. Geburtstag - 72 Stunden lang

Anders formuliert: Neymar ist das wohl grösste Problem, das Emery moderieren muss. Mal klaut er dem Publikumsliebling Cavani die Elfmeter. Vor zehn Tagen feierte der Brasilianer 72 Stunden lang seinen Geburtstag – zehn Tage vor dem Spiel in Madrid.

Wie reale Entschlossenheit aussieht, zeigte Madrids Kapitän Sergio Ramos. Bei einer Gala wurde er von einer Journalistin interviewt, die eine Frage stellen durfte. Nachdem sie gesprochen hatte, wandte sich Ramos an einen Helfer. Der sagte dann zur Reporterin: «Er möchte, dass du ihn fragst, wie es wäre, den dritten Champions-League-Titel in Serie zu gewinnen.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 14.02.2018, 16:27 Uhr

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