«Was nehmen die Frauen denen weg?»

Kabarettist Bänz Friedli ist glühender Anhänger des Frauenfussballs – weil er ehrlicher und fairer sei als bei den Männern.

Dynamik im Luftkampf: Die Schweizerinnen beim EM-Test gegen England. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Dynamik im Luftkampf: Die Schweizerinnen beim EM-Test gegen England. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

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Sie sind Aussenverteidiger der Schriftsteller-Nationalmannschaft: Rollt da der Ball rund?
Kürzlich haben wir unglücklich gegen die NZZ verloren – das Ende einer ­Erfolgsserie. Wir laben uns derzeit vor allem am letzten Länderspielsieg gegen Österreich.

Österreichs Dichter?
Das ist eine alte Rivalität. Gerade für mich. Vor ein paar Jahren habe ich bei einem Duell in Innsbruck nach einem Check des Stürmers nicht nur das entscheidende Tor verschuldet, sondern auch eine Rippe gebrochen. Ein Slam-Poet war es. Dafür konnten wir uns nun in Basel mit einem Sieg revanchieren.

Eine eher ruppige Sache?
Nicht sehr lyrisch, so viel ist sicher, manchmal erschrecke ich selbst. Von der NZZ-Redaktion etwa würde man einen gepflegten Umgangston erwarten; aber von wegen! Gut, auf ihrer Seite ­haben viele aus der Druckerei gespielt . . . Unser Renato Kaiser musste mit gebrochenem Bein ins Spital.

Viele würden sagen: Gerade dieses Ruppige und Holzschnittartige gehöre zum Fussball.
Deswegen spiele ich ja fürs Leben gern Fussball! Mit kindlicher Freude. Beherzt und schlecht zwar, aber meine Jugendidole waren nicht zufällig Kurt Feuz und Claudio Gentile. Ich spiele heute noch wie sie damals. Ich erinnere mich, wie Gentile an der WM 1982 Maradona in der Zwischenrunde traktierte. Furchtbar! Heute sähe er dafür sechsmal Rot. Aber er stand bis zuletzt auf dem Platz. Maradona auch. Kein Vergleich zu den heutigen Stars. Daher mein Verdruss über den Männerfussball von heute.

Den spüren Sie mehr und mehr?
Seit vier, fünf Jahren, lange vor Büne ­Hubers Attacke. Aber inzwischen ist das ja fast schon Mainstream und kaum mehr originell.

Trotzdem: Was nervt Sie?
Haben Sie den Mailverkehr von Ronaldos Anwälten bezüglich der Vergewal­tigung gelesen, für die er dem Opfer ­offenbar Schweigegeld bezahlt hat? Da wird einem übel. Die Transfersummen, das horrende TV-Geld . . . Die Clubs spüren sich nicht mehr und fragen sich: Was könnten wir noch zu Geld machen? Bei meinem YB haben wir einen Verwaltungsrat, der dem Stadion Wankdorf ­allen Ernstes den Namen Ifolor-Arena verpassen wollte. Schwachsinn!

«Mein YB» sagen Sie gleichwohl.
Fussballfans sind Verdränger. Wir wissen seit der WM 1978, dass der Fussball ­pervers ist, als sich die argentinische ­Militärjunta mit der Weltmeisterschaft schmückte. Und wir sehen es bei Herrn Putin im nächsten Jahr. Die Fifa war ja auch nicht erst seit kurzem korrupt. Wir wussten es schon immer. Viele meiner Freunde sind FCZ-Fans und sehen ihren FC Zürich noch heute als Arbeiterverein. Ja, genau: Frau Canepa, eine Büezerin am Hungertuch! Doch auch ich habe meinen Kitsch bis weit über 40 aufrechterhalten und gedacht: YB, das sind alles echte ­Bärner Giele. Was für ein Quatsch! Die Geldgeber sind Millionäre vom ­Zürichsee, die mit Fussball nichts am Hut haben. ­Irgendwann habe ich meine YB-Jahreskarte nicht mehr erneuert, weil mir der Club so richtig auf den Geist ging.

Deshalb die Entfremdung der Fans, die vielerorts und zunehmend zu spüren ist?
Vor der EM 2016 machte das Magazin «11 Freunde» die Titelgeschichte: «Es lebe die Kreisliga». Vor der EM! Und Die Toten Hosen singen: «Zurück zum Bolzplatz.» Zurück zum wahren Fussball, das nehme ich als allgemeine Stimmung wahr. Deshalb haben die FCZ-Fans ihre Nationalliga-B-Saison so genossen, weil es da weniger verdorben ist. Und der FC Winterthur ist Kult, für den kannst du ganz unverdächtig fanen.

Oder für den Frauenfussball.
Es ist kaum Zufall, dass meine Leidenschaft für den Frauenfussball geradezu glühend wurde, während sich die Beziehung zu den Männern abkühlte.

Was fasziniert Sie so daran?
Es ist fairer und sportlicher. Nehmen wir den WM-Final vor zwei Jahren zwischen den USA und Japan. Bei den Männern sah ich nie einen solch grossartigen WM-Final. Megan Rapinoe musste ziemlich einstecken, weil die Japanerinnen nicht nur die harmlosen Duracell-Häschen sind, als die man sie gerne sieht. ­Trotzdem stand sie immer wieder auf. ­Ronaldo wäre insgesamt siebzehn Minuten lang liegen geblieben. Das sieht man im Frauenfussball kaum.

Das Spiel ist weniger körperlich.
Das ist nur bedingt wahr, auf interna­tionalem Niveau sind die Kräfte stark ­gewachsen.

Warum ist Frauenfussball fairer?
Frauen sind sozial kompetenter, und es ist bei ihnen ein anderer Menschen­typus, den es zum Fussball zieht. In den USA ist der Frauenfussball stark an den Hochschulsport angelehnt, es ist ein universitärer, eher intellektueller Sport. Das Uraltklischee von den Lesben mag ja ein Stück weit stimmen, doch gerade die beträchtliche Anzahl lesbischer Spielerinnen bedeutet, dass da viele Frauen gelernt haben, sich durchzusetzen, zu sich zu stehen. Wer sich als Teenager outet, schärft seine Persönlichkeit.

Das Leben lehrt sie früh.
Es hängt auch damit zusammen, dass sie nicht so wattiert werden wie die Jungs. Schon ein 11-jähriger Junior lebt in einer Traumwelt, es wird alles für ihn erledigt. Breel Embolo hat vermutlich seit Jahren keine Mahlzeit mehr gegessen, die nicht ein Ernährungsberater für ihn zusammengestellt hat. Kein Wunder, gibt es schon für den B-Junioren vor allem eines: ich, ich, ich. Und wenn nicht er selbst denkt, er sei der Beste, finden das mit ­Sicherheit sein Vater und der Onkel an der Seitenlinie.

Ramona Bachmann sagte mit 16 auch nicht eben unbescheiden, sie wolle Weltfussballerin werden.
Okay, vielleicht sehe ich das schon wieder zu romantisch. Die Kindlichkeit, die ich mir bei YB abgewöhnt habe, dringt nun beim Frauenfussball durch. Natürlich hat auch meine Favoritin ­Rapinoe einen persönlichen Vertrag mit Nike und wird von Uber gesponsert, ­natürlich ist auch sie Millionärin geworden durch den Sport. Das hindert sie aber nicht ­daran, während der Nationalhymne hinzuknien, um ein politisches Zeichen zu setzen gegen die Rassendiskriminierung in den USA. Von so ­jemandem bin ich einfach lieber Fan.

Glauben Sie ernsthaft, dass sich Fans von den Männern abwenden, um Frauenfussball zu schauen?
Lustig ist ja, dass der «Blick» das Frauennationalteam seit Wochen pusht. Das wäre vor vier Jahren noch undenkbar gewesen. Als das Schweizer Fernsehen vor der EM 2008 einen Trailer drehte, der das Fussballfieber im Land aufzeigen sollte, war im ganzen Clip kein einziges Mädchen zu sehen. Nicht eines. Seither ist deutlich etwas passiert, die Frauen erhalten viel mehr Beachtung.

Die Grantler sind aber lautstark, die mit Frauenfussball um keinen Preis etwas anfangen wollen.
Diese Ablehnung finde ich wahnsinnig interessant. Was nehmen die Frauen denen weg? Wenn mir der Fussballchef einer der grössten Schweizer Zeitungen sagt, Frauenfussball interessiere niemanden auch nur ein bisschen, muss ich antworten: «Solange du das sagst, wird es so sein. Denn du als Medienmacher hast es in der Hand.» Das Schweizer Fernsehen hat mit ziemlich sensationellen Quoten an der Frauen-WM vor zwei Jahren gezeigt, dass man ein Interesse wecken kann. Warum wohl tragen all die Buben ihre Ronaldo-Leibchen? Weil sie ihn dauernd am TV sehen.

Weshalb der Widerstand?
Sieht aus, als nähme man einigen Männern ihre letzte Bastion weg. Heute hat es im Militär Frauen, in den Chefetagen, in der Politik, überall reden sie mit. ­Offenbar haben diese Uraltfussballfans beim Bier in der Kurve mit den Kumpels ihre letzte Festung. Sie hassen nicht nur den Frauenfussball, sie wollen auch im Stadion keine Frauen. Die tun mir leid. Aber es werden immer weniger.

Sie sprechen viel von den ­Amerikanerinnen. Sehen Sie Ihre Lust auf Fussball auch in der ­Nationalliga A der Frauen gestillt?
Mein erstes Spiel war sogar eines der ­Nationalliga B, und ja: Das Niveau war nicht berauschend. Mit all den Olympia- und WM-Spielen meiner Amerikanerinnen war ich verwöhnt, verglichen mit einem Schweizer Cupfinal. Weil die Frauen aber nicht in den grossen Stadien spielen, erlebst du als Zuschauer die Bratwurstromantik. Und, Entschuldigung: Der Niveauunterschied besteht auch zwischen einem WM-Spiel der Männer und YB - Vaduz. Was habe ich schon Geld in Grottenkicks investiert!

Die Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg verfasste das Vorwort Ihres neuen Kinder­buches. Was verbindet Sie mit ihr?
Ich lernte sie an einer Podiumsdiskussion über sexistische Berichterstattung kennen, und ihr Plädoyer für ihren Sport hat mich umgehauen. Wir blieben in Kontakt. Mit ihrer Wahnsinnsbiografie hat sie einen unfassbar interessanten Hintergrund. Mit ihr über Gott und die Welt zu sprechen, ist enorm bereichernd. Mir fiele kein Schweizer Nationaltrainer ein, der so klug geredet hätte. Und so direkt.

Zudem hat sie den Schweizer Frauenfussball weitergebracht.
Es klingt stupide einfach, aber sie hat vor allem in den Köpfen ihrer Spielerinnen etwas bewirkt. Man will die Floskel von der mentalen Stärke ja nicht glauben, bis man sie selbst erlebt. Doch so wie bei YB in den Köpfen drin ist, dass sie nicht und vermutlich nie Meister werden, gewinnt mein Team in der ­Zürcher Alternativliga heuer plötzlich jedes Spiel – wir wissen nicht, wie uns geschieht. Aber offenbar hat es im Kopf klick gemacht: «Wir schaffen das.»

Stichwort: Sieger-Gen.
Sehen Sie? Da kommt die einst erste deutsche Fussballerin des Jahres in die Schweiz und bringt den Frauen einfach das Siegen bei. Bei allem Respekt für ihre Vorgängerin Béatrice von Siebenthal: Diese doofe deutsche Siegermentalität hat es offensichtlich gebraucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 23:20 Uhr

Bänz Friedli (52)

Der Berner war als langjähriger Journalist für Publikationen wie «Facts» und «Rolling Stone» tätig, ehe er sich als Autor von Büchern und Kolumnen wie den «Pendler­regeln» oder «Der Hausmann» einen Namen machte. 2011 trat er erstmals mit einem abendfüllenden Programm als Kabarettist auf. Sein aktuelles Programm heisst «Ke Witz! Bänz Friedli gewinnt Zeit». Im September erscheint sein erstes Kinderbuch: «Mach es wie Abby, Sascha!» Es geht dabei um ein Mädchen, das Fussballerin werden will. Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat das Vorwort geschrieben. Friedli lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Albisrieden. (wie)

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