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«Was Merkel schwulen Fussballern rät, interessiert die Masse überhaupt nicht»

Das anonym geführte Interview eines schwulen Fussballprofis aus der Bundesliga mit dem Magazin «Fluter» hat Führungskräfte aus Politik und Sport auf den Plan gerufen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel feuert die deutsche Mannschaft an. Fifa-Chef Sepp Blatter versucht, neutral zu bleiben.
Bundeskanzlerin Angela Merkel feuert die deutsche Mannschaft an. Fifa-Chef Sepp Blatter versucht, neutral zu bleiben.
Keystone
Angela Merkel fiebert mit dem ehemaligen DFB-Präsident Theo Zwanziger auf der Tribüne.
Angela Merkel fiebert mit dem ehemaligen DFB-Präsident Theo Zwanziger auf der Tribüne.
Keystone
Angela Merkel war auch schon Gast in der deutschen Kabine. Sie begrüsst Mesut Özil.
Angela Merkel war auch schon Gast in der deutschen Kabine. Sie begrüsst Mesut Özil.
Keystone
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Der homosexuelle Spieler sprach im Interview über seine Probleme und Ängste in der Männerdomäne Bundesliga. «Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen», sagte er. Aus Angst vor Bedrohung und Ablehnung wollte er anonym bleiben. Das Interview hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sensibilisiert. Sie hat in die Diskussion um schwule Fussballprofis eingegriffen und dem Spieler Mut zugesprochen. «Er lebt in einem Land, in dem er sich vor einem Outing nicht fürchten muss. Wir können nur das Signal geben, dass er keine Angst haben muss.» Ligapräsident Reinhard Rauball ist bei diesem heiklen Thema offenkundig nicht gleicher Meinung wie die Bundeskanzlerin. «Das ist ein ungelöstes Problem, obwohl es mehrere Versuche gab. Wir müssen eine Lösung im gesellschaftlichen Konsens finden. Niemand kann die Nachteile überschauen, die einem Fussballspieler drohen, der sich outet», sagte er.

«Die Clubs müssen ein solches Outing gut vorbereiten»

Bayerns Präsident Uli Hoeness fordert Sachlichkeit in der Diskussion. Nur so lasse sich das erste Outing eines schwulen Fussballspielers herbeiführen, erklärte der 60-Jährige am Rande eines Termins im Bundeskanzleramt zum Thema Integration. «Je spektakulärer das Thema als solches gemacht wird, desto schwieriger ist es für die Betroffenen, den Schritt zu machen. Wenn wir einen ganz normalen Vorgang daraus machen, wie er es in unserem Land inzwischen in fast allen Bereichen der Gesellschaft ist, glaube ich persönlich auch, dass der eine oder andere Fussballspieler sich relativ bald outen wird.» Die Proficlubs sehe er in der Pflicht, auf ein solches Outing «gut vorbereitet» zu sein, weil die Reaktion der eigenen und gegnerischen Fans unabsehbar bleibe. Er selbst könne mögliche Anfeindungen aber nicht nachvollziehen. «Wir haben einen mit einem Mann verheirateten Aussenminister. Im Fussball wird das Thema zu sehr hochgespielt.»

«Im Fussball ist es eigentlich nicht möglich, sich zu outen »

Noch konkreter wird Ilja Kaenzig, der CEO von YB, der in der Bundesliga für Leverkusen und Hannover arbeitete. «In diesem Geschäft ist es eigentlich nicht möglich, dass sich ein schwuler Fussballprofi outet. Was Angela Merkel sagt, interessiert die Masse überhaupt nicht», sagt Kaenzig gegenüber Redaktion Tamedia. Er nennt gleich noch ein anderes Beispiel. «Wenn ein Fussballprofi von seiner Frau betrogen wird und die Öffentlichkeit davon erfährt, dann hat das auch Folgen für den Betreffenden. Fussballprofis sind Gladiatoren, und diese dürfen keine Schwäche zeigen. Sonst werden sie im Stadion, auf Facebook oder Twitter gnadenlos fertiggemacht. Und dann könnte das Konsequenzen haben wie im Fall des englischen Fussballers Justin Fashanu», befürchtet Kaenzig. Der Premier-League-Profi wurde nach seinem Outing von den gegnerischen Fans diskriminiert und verhöhnt. Im Alter von 37 Jahren erhängte er sich in einer Garage.

«Dann wird er gleich wieder als schwule Sau beschimpft»

«Es wäre schön, wenn Angela Merkel recht hätte», sagt Experte Erich Vogel zu Redaktion Tamedia. Er wisse aber nicht, ob man in der Fussballszene schon dafür bereit sei, dass sich ein schwuler Profi oute. «Früher oder später wird sich der erste outen und den Bann brechen», so Vogel. «Doch dieser Spieler muss einen unglaublichen Mut aufbringen. Er muss psychisch sehr stark und frustresistent sein. Denn ein solcher Spieler wird sich von den Rängen einiges anhören und gefallen lassen müssen.» Der Hardcorefan in der Kurve kenne keine Gnade: «Wenn das Team eines schwulen Kickers im Rückstand liegt und er nicht gut spielt, dann kommen Worte wie du schwule Sau mit Garantie sofort wieder aufs Tapet. Dann wird er sogar von den eigenen Fans verhöhnt und niedergemacht. Macht er ein übles Foul, kommen die gleichen üblen Schimpftiraden aus der Ecke der gegnerischen Fans.»

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