Vor dem goldenen Tor

Die Young Boys stehen vor dem bedeutensten Spiel der Vereinsgeschichte, ZSKA Moskau ist bereits früh in der Saison unter Druck. Ein Vergleich.

Die Young Boys machen sich bereit für das Spiel gegen ZSKA Moskau. Auch Yoric Ravet (mit der Nummer 10) wird heute wieder im Kader stehen.

Die Young Boys machen sich bereit für das Spiel gegen ZSKA Moskau. Auch Yoric Ravet (mit der Nummer 10) wird heute wieder im Kader stehen.

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Am goldenen Tor

Eben noch hat sich die Fussball-Bohème der Stadt auf dem Sportplatz Spitalacker getroffen, hat auf Holztribünen Handgrilliertes verzehrt, hat begeistert von den Halbprofis und Unterklassigen und Oberstufenlehrern erzählt, die sich da auf dem Platz den Berufsfussballern stellten. YB siegte gegen Breitenrain im Schweizer Cup bekanntermassen ohne Mühe, 3:0, es tat sich niemand weh. Drei Tage später könnten die Vorzeichen nicht verkehrter sein. Champions League, statt des nächsten Auftritts in der Fussball-Provinz winken Millionen, es geht um die grössten Arenen, die besten Clubs, die stärksten Beine. Die europäische Sternenserie ist für Schweizer Vereine nach wie vor ein Sehnsuchtsziel. Es wäre die bedeutendste Errungenschaft der Clubgeschichte, würden die Berner heute im Playoff-Hinspiel gegen ZSKA Moskau (20.45 Uhr) den Grundstein legen und sich im Rückspiel endlich einmal dafür qualifizieren. Die Plätze im Stade de Suisse aber, die werden die Young Boys bei diesem historischen Spiel nicht alle verkaufen können. 17 000 Karten sind weg, 20 000 Leute werden vielleicht da sein. Das erstaunt.

Ravet zurück im Kader

Der Berner Fussballinteressierte legt ja zuweilen ein eigenwilliges Konsumverhalten an den Tag. Da spielen die Young Boys also zur grössten Partie in der Vereinsgeschichte auf (zugegeben, nach zwei Finalissimas, einem Cupfinal und zwei Champions-League-Playoffs zum fünften Mal in den letzten zehn Jahren), sie stehen vor einem dicken, aber goldenen Tor, weil in der Champions League Einnahmen um die 25 Millionen Franken winken, und es schauen etwa so viele Leute zu wie vor einer Woche, als YB zum 23. Mal in den letzten fünf Jahren gegen den FC Thun antrat (und immerhin erst zum neunten Mal überhaupt verlor). So viel dazu. Aber so ist es im Fussball, die Phrase erhält in diesen Wochen zwar auch nicht mehr Bedeutung, dafür aber umso mehr Verwendung – auch im Zusammenhang mit YB. Trainer Adi Hütter muss sie etwa bemühen, wenn er immer und immer wieder zu Yoric Ravet befragt wird, der den Verein verlassen möchte, um beim SC Freiburg in der Bundesliga zu spielen. «Wer Talent in seiner Mannschaft hat, weckt halt Begehrlichkeiten», sagt Hütter. Heute gehört Ravet gemäss Hütter nach zweimal Zuschauen fürs Erste wieder zum 18-Mann-Kader. Ob der Franzose noch einmal für YB aufläuft, steht in denselben Sternen, nach denen die Young Boys gerade greifen.

Es gibt aber auch eine fast kindliche, etwas abgewandelte, wunderbar leicht anmutende Fassung dieser So-ist-Fussball-Phrase. Loris Benito bemüht sie, wenn er von seinen 90 Minuten Champions League erzählt, die er 2014 mit Benfica Lissabon absolviert hat. «Intensiv, körperbetont, schnell – so ist Champions-League-Fussball», sagt der YB-Verteidiger. Oder auch sein Trainer, der ungewohnt enthusiastisch anfügt: «Natürlich greifen wir nach den Sternen.» Und in gewisser Weise, aber auf herrlich-komische Art, floskelt auch der russische Journalist, der sich vom Namen der Berner derart inspiriert fühlt und fragt, ob es die Young Boys alleine deswegen den im Schnitt viel älteren Russen zeigen würden. Herzhaftes Lachen bei YB. So ist es, im Fussball.

Die mögliche YB-Aufstellung: Von Ballmoos; Mbabu, Nuhu, von Bergen, Benito; Fassnacht, Bertone, Sanogo, Sulejmani; Hoarau, Assalé.

Unter erhöhtem Druck

Manchmal hängt im Fussball alles irgendwie zusammen. Am Sonntagabend spielte Barcelona gegen Real, El Clásico, Supercup, Traumquoten. 1 500 Kilometer entfernt sass Dortmunds Mario Götze vor dem Fernseher, schaute zu und teilte auf seinem Instagram-Kanal genau dies ganz aufgeregt mit. Dass Vertreter von ebendiesem FC Barcelona zur womöglich gleichen Zeit mit Götzes Noch-Teamkollegen Ousmane Dembélé vor einem anderen Fernseher sassen und über einen gemeinsamen Vertrag redeten, muss Götze dabei natürlich nicht stören. Obwohl es ihn vielleicht stören sollte. Warum? Weil jetzt, zur Transferzeit, alles immer höhere Wellen schlägt. Dembélé wechselt zu Barcelona. Götzes Team ist geschwächt, der Club braucht Ersatz. Und holt sich Alexander Golowin. Der spielt bei ZSKA. So könnte sich das ereignen.

Auch ZSKA hat einen Ravet

Vielleicht denkt Viktor Gontscharenko daran, als er am Montagabend im Stade de Suisse über die Vorzüge seines Schützlings spricht. Der 21-Jährige Golowin hat am Wochenende im Derby gegen Spartak Moskau (2:1) ein gutes Spiel gemacht, Trainer Gontscharenko hat nur Lob für den jungen Kreativspieler übrig. Interesse an Golowin besteht aber nicht nur seitens der Presse, am Wochenende sollen in Moskau Vertreter des BVB vor Ort gewesen sein. Gemäss «Sport Bild» sind diese auch heute in Bern zugegen. Gewissermassen also kämpfen die Russen mit ähnlichen Problemen wie die Berner, nur dass Golowin hier Ravet und der BVB Freiburg heisst.

Schnell mehr Geld verdienen – nach dieser Maxime funktioniert auch der Wettbewerb, für den sich Berner und Russen gleichermassen qualifizieren wollen. Für ZSKA Moskau aber ist der Druck dazu ungleich höher. Der russische Spitzenklub hat die letzten vier Jahre an der Gruppenphase teilgenommen, spielt in Russland Jahr für Jahr um den Titel mit und gewinnt ihn auch immer mal wieder (zuletzt 2016). Ein europäischer Wettbewerb ist im Budget fix eingeplant, und entlastend-verkaufslukrative Fussballer mit dem Profil von Aleksandr Golowin gibt es bei ZSKA kaum, der 19-jährige Stürmer Fedor Tschalow ist noch so einer. Die Auswahl des Weissrussen Gontscharenko ist eine Ansammlung aus zwar erfahrenen, aber eher älteren, schwerfälligen Fussballern. Ausdruck davon ist die Abwehr. Vor dem 31-jährigen Akinfejew stehen die 35-jährigen Zwillingsbrüder Beresudski, ergänzt wird die Dreierkette durch den«Youngster» Vasin (28) und den 38-jährigen Ignaschewitsch als Back-up. «Meinen Gegenspieler kenne ich nicht wirklich, aber wir haben YB gut analysiert», sagt Vasin und lässt durchblicken, mit welchem Selbstverständnis der stolze Traditionsclub mit Sowjet-Vergangenheit den Young Boys gegenübertritt. Von den erfolgreichen Auftritten gegen die Ukrainer von Schachtar Donezk (letztes Jahr) und eben erst gegen Dynamo Kiew haben Gontscharenko und sein Gefolge naheliegenderweise Wind bekommen. «Sonst aber wird die Schweizer Meisterschaft bei uns nicht so beleuchtet», sagt Vasim, fast entschuldigend. Wer weiss, vielleicht muss sich ZSKA ja nach den zwei Partien und dem Verlust von Golowin bei YB bedienen. Im Fussball hängt alles irgendwie zusammen.

Die mögliche ZSKA-Aufstellung: Akinfejew; Vasin, V. Beresudski, A. Beresudski; Mario Fernandes, Golowin, Wernbloom, Dsagoew, Schennikow; Tschalow, Vitinho.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...