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Vision eines jugendlichen Revolutionärs

Rumäniens Fussball ächzt unter ständigen Skandalen. Razvan Burleanu ist daran, ihn zu befreien – als Präsident des Verbandes.

Kann Rumänien endlich wieder jubeln? Foto: Dan Tautan.
Kann Rumänien endlich wieder jubeln? Foto: Dan Tautan.

Die Kameras sind postiert, der Raum füllt sich, ganz im Sinn von Razvan Burleanu, der eine Botschaft loswerden will. Es geht um ein Projekt, die Kinder in Rumänien für das Rechnen zu sensibilisieren. Und dafür tragen die besten Fussballer des Landes beim Aufwärmen vor dem Länderspiel gegen Spanien Ende März Rückennummern, die zuerst errechnet werden müssen. Statt «4» steht etwa «7 minus 3». Mit dieser Idee soll die hohe Schulabbrecher-Quote von 18 Prozent bekämpft werden - und es kann kein Zufall sein, dass Burleanu die Initiative ergriffen hat. Er ist Hochschulabsolvent, seit zwei Jahren der Präsident des Verbandes – und noch keine 32 Jahre alt.

Er bittet im Grand Hotel Italia von Cluj in ein Sitzungszimmer, schlägt die Beine übereinander, schaut durch eine Brille mit feinen Rändern und legt das iPad vor sich auf den Tisch. Er ist ständig online, ständig erreichbar, er pflegt die moderne Kommunikation auf allen Kanälen. Daheim zieht er nicht den Stecker, sondern informiert sich weiter, liest weiter, «das ist meine Pflicht», sagt er. Gestresst wirkt er nicht im Ansatz.

«Du hast keine Chance»

31 also erst. Und schon Chef mit einem Hundertprozentpensum. Er wirkt wie ein krasses Kontrastprogramm zu vielen Amtskollegen, er verkörpert auch etwas Revolutionäres im rumänischen Fussball. Er gibt sich unerschrocken und nahbar, ohne in Jovialität abzudriften. Seinen Bildungsrucksack hat er in beeindruckendem Tempo gefüllt, an der Universität Bukarest Politikwissenschaften studiert und nach mehreren Masterstudiengängen mit einer Doktorarbeit abgeschlossen. Die Grundlage wäre geschaffen, um in die Politik zu gehen, aber ihn hat der Sport angezogen.

Erst 31, aber schon zwei Jahre Verbandspräsident und voller Ideen für eine bessere Zukunft: Razvan Burleanu. Foto: Dan Tautan.
Erst 31, aber schon zwei Jahre Verbandspräsident und voller Ideen für eine bessere Zukunft: Razvan Burleanu. Foto: Dan Tautan.

Bevor er sich entschloss, in den Wahlkampf einzusteigen, fragte er seinen Vater: «Was hältst du davon?» Gheorghe Burleanu, ein ehemaliger Profi mit mehr als 350 Spielen in der ersten Liga, antwortete: «Du hast keine Chance. Das System ist korrupt, also lass die Finger davon!» Der Sohn sagte: «Das wollte ich hören. Jetzt muss ich Präsident werden.»

jüngster Präsident der Geschichte

Er hatte selber bis 19 gespielt, in Bacau im Nordosten, wo er aufwuchs. Er träumte von der Champions League, ihm hatten es Barcelona und Real Madrid besonders angetan. Burleanu junior hatte vielleicht nicht das Talent von Burleanu senior, aber das Auge, und er sah damit auch Spieler in seinem Alter, die trotz Qualitäten nie gefördert wurden, «und da merkte ich erstmals, wie das Ganze lief und dass noch andere Faktoren einen Einfluss hatten, ob einer gut genug war für eine Nationalmannschaft».

Anfang März 2014 wurde Burleanu mit 29 Jahren tatsächlich jüngster Verbandspräsident der rumänischen Fussballgeschichte. Und lange brauchte er nicht, um zu merken, wie recht sein Vater hatte. Er schaute in die Bücher, entdeckte ein Minus von 5,5 Millionen Euro, stellte fest, dass von Strukturen keine Rede sein konnte, die Nachwuchsarbeit sträflich vernachlässigt war, dass eine Marketingabteilung so wenig existierte wie ein Archiv. Schnell kam er zur Einsicht: «Wir müssen alles neu aufbauen und starten nicht bei null. Sondern bei unter null.»

Er wechselte die Belegschaft aus und besetzte wichtige Ämter mit gut ausgebildeten Leuten, denen Begriffe wie Leistungskultur und Integrität nicht fremd waren. Ihm war es wichtig, die Seilschaften und Vetternwirtschaft kontinuierlich zu eliminieren. Er stopfte Löcher, in denen jahrelang Unsummen versickert waren, und erreichte Ende 2015 ein erstes Etappenziel: die Gewinnzone. Der Verband wählte eine Vorwärtsstrategie, investierte 300 000 Euro in eine neue Jugend-Eliteliga, gleich viel in zwei Nachwuchsakademien und denselben Betrag auch in den Schulfussball.

Verschwundene Glaubwürdigkeit

108 000 Lizenzierte im Land entsprechen bloss rund 0,5 Prozent der Bevölkerung - und sind Burleanu viel zu wenig: «Der Schnitt in Europa liegt bei 2,5 Prozent. Wir müssen den Fussball allen zugänglich machen.» Und 100 000 Euro flossen ins Scouting - mit dem Ergebnis, dass innert 15 Monaten und verstreut über ganz Europa 40 Spieler für Auswahlen verschiedener Altersklassen gefunden wurden, die bis dahin nicht erfasst waren.

Nur braucht es dafür aber nicht nur eine Infrastruktur, sondern auch Glaubwürdigkeit. Und die hat über die Jahre nicht nur gelitten, sondern ist verschwunden, und Burleanu erklärt schonungslos offen: «Tag für Tag kommt immer mehr zum Vorschein, wie korrupt das Land war und wie viel Zeit wir verloren haben, um nach dem Niedergang der Diktatur die Ordnung wiederherzustellen.»

Er schildert ein Beispiel – und schüttelt fortwährend den Kopf. Die Städte Pitesti und Sibiu trennen 150 Kilometer. «Aber verbunden sind sie immer noch nicht mit einer Autobahn», sagt er, «dabei wären Firmen wie Renault oder Ford in dieser Region darauf angewiesen. Wir müssen nichts beschönigen: 25 Jahre lang hat Rumänien nicht so funktioniert, wie es hätte funktionieren müssen.» Hoffnung setzt er in die neue Regierung, die im November 2015 gewählt worden ist. Probleme gibt es zuhauf zu lösen. Die Entwicklung der Gesamtbevölkerung ist rückläufig: 2004 lebten 21,64 Millionen Menschen in Rumänien, nun sind es noch rund 19,8 Millionen. Eine Belastung ist auch die Jugendarbeitslosigkeit von über 20 Prozent.

Hilfe aus Griechenland und Holland

Was gesellschaftlich nicht klappte, hatte auch für den Fussball Gültigkeit, was für Razvan Burleanu aber keine Überraschung ist. Die Korruption wucherte in der Gesellschaft, «da kann der Fussball unmöglich sauber sein». Die Präsidenten der Clubs scheuten sich nicht, die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. Sie rochen das schnelle Geld, versprachen irrsinnige Löhne und landeten am Ende hinter Gittern. Es fällt leichter, jene aufzuzählen, die noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Viele Vereine waren oder sind nicht mehr fähig, die Abmachungen einzuhalten, sind insolvent und verleihen dem Fussball in Rumänien einen miserablen Ruf. Geht wieder ein Verein in Konkurs, hält Burleanu das nicht für einen Rückfall, sondern für ein Zeichen, dass Gaunereien nicht mehr geduldet werden.

«Wir stehen immer noch am Anfang», sagt er, «aber wir können erste Erfolge vorweisen.» Der Verband verfügt nun über ein Ressort Kommunikation, über eine medizinische Abteilung, zur Schulung der Unparteiischen ist der frühere Fifa-Schiedsrichter Kyros Vassaras aus Griechenland verpflichtet worden, und Tipps, wie Fans ins Stadion geholt werden können, erhalten die Rumänen von den holländischen Verbandskollegen. Geht es um die Basisarbeit, schaut man nach Dänemark, «dort wird generell ausgezeichnete Arbeit in der Jugendförderung geleistet».

Was die eigenen Clubs angeht, sollen in Zukunft Businesspläne erstellt werden, und die Verantwortlichen dürfen erst dann ein Amt übernehmen, wenn sie zuvor eine Lizenz erworben haben - sie müssen beim Verband eine entsprechende Ausbildung absolvieren.

Wann wieder CL?

Burleanu ist getrieben von Kreativität und dem Ehrgeiz, einem ramponierten Bild zu neuem Glanz zu verhelfen. Zu seinen Kernaufgaben zählt er auch, dass der Hooliganismus unter Kontrolle gebracht wird. Wobei er auch die verbale Gewalt verbannen möchte. «Manche Leute glauben, sie dürfen alles sagen und schreien, wenn sie sich in einem Stadion aufhalten. Das hat erschreckende Formen angenommen und hält viele Eltern davon ab, mit ihren Kindern Spiele zu besuchen.»

So vieles hat Burleanu vor, so vieles tönt gut, nach Aufbruch, auch sein Bestreben mit der Infrastruktur. 2020 sollen vier neue Stadien in Bukarest stehen, Rumänien soll sich an der EM in seinem schönsten Kleid präsentieren. Aber ist all das, was er umsetzen will, auch realistisch? Oder sind es nicht mehr als nett formulierte Träume?

Der Weg führt ins Zentrum von Cluj ins Restaurant Club Italia, im Lokal ist Cristian Trif einer der Kellner. Nichts interessiert den 39-Jährigen in seiner Freizeit mehr als Fussball. Nun erzählt er, wie sein Bub ihn neulich fragte, wann sie in der Stadt wieder einmal Champions-League-Spiele sehen. «In 20 Jahren. Vielleicht auch später», antwortete er ihm.

Er klingt nicht desillusioniert, und es käme ihm auch nie in den Sinn, seine Leidenschaft ruhen zu lassen. Fan ist und bleibt er von Steaua Bukarest, 1986 ist diese Liebe mit dem Gewinn des Europacups der Meister aufgeflammt. «Alles kann man auswechseln, das Auto, den Job, den Partner, aber nicht seinen Club», sagt er. Nun lebt er nicht in Bukarest, sondern in Cluj und geht darum zu Spielen von CFR. Im Fernsehen schaut er alles, was ihm vorgesetzt wird. Und mit Feuer verfolgt er Inter Mailand, das ist seine Mannschaft im Ausland.

Trif hat zwei Söhne, beide kicken, und da fängt es für ihn mit der Problematik an. 50 Euro muss er pro Monat bezahlen, damit sie im Club mitmachen dürfen. Das ist ein stolzer Betrag für einen, der es im Monat auf 400 Euro bringt, auf 500 vielleicht, wenn im Sommer die Terrasse des Lokals gut gefüllt ist. Er fragt sich, ob der Verband endlich etwas für den Nachwuchs unternimmt, und sagt, er könne nur hoffen, dass der neue Präsident Reformen anstosse: «Er muss die Clubs dazu zwingen, den Nachwuchs zu fördern.»

Steiler Aufstieg – und aufgelöst

Er schämt sich für das Gebaren von Figuren, die Clubs in Verruf brachten oder an die Wand fuhren. Es macht ihn wütend, wenn Geld zweckentfremdet wird und das leere Stadien zur Folge hat, weil die Leute keine Lust mehr auf Fussball haben. Bei kaum einem Präsidenten erkennt er eine Vision, «die meisten haben nur eines vor: möglichst schnell möglichst viel Erfolg haben und so möglichst viel Geld verdienen». Das Vorgehen kennt vor allem ein Muster: Spieler aus dem Ausland holen und auf schnellen Gewinn hoffen - und wenn alles schiefgeht, tauchen die ab, die das Schlamassel zu verantworten haben. Manchmal endet es ganz bös wie mit Unirea Urziceni. 2009/10 nahm der Verein noch stolz an der Champions League teil, 2011 wurde er aufgelöst.

Das alles will so gar nicht zu dem passen, was Verbandspräsident Razvan Burleanu proklamiert. Dass Rumänien im südosteuropäischen Raum führend werden soll, was die Entwicklung des Fussballs angeht, wie der Markt gesichtet und bearbeitet wird. Cristian Trif dagegen tut sich schwer mit solchen Versprechen, weil er sich am Ist-Zustand orientiert, und das Hauptproblem besteht für ihn darin, dass sich seriöse Geldgeber abwenden: «Ein Skandal reiht sich an den nächsten, die Sponsoren zeigen kein Interesse, Geld zu investieren und ihren Ruf zu riskieren.»

Dabei wünscht sich Trif nichts sehnlicher, als dass Normalität einkehrt in die Liga Rumäniens und er niemals den Spass daran verliert. In seinem Restaurant ist der Fussball ein Dauerthema, der Chef des Hauses ist Juventus-Fan, Bilder und Trikots von Carlos Tevez oder Alvaro Morata an der Wand zeugen davon. Trif saugt alles auf, was er an Informationen bekommen kann, was in welcher Liga gerade los ist. Und er schafft es mühelos, zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu pendeln, zwischen Problemen von heute und seinem Idol von früher, Ilie Dumitrescu, dem zweifachen Torschützen gegen Argentinien im WM-Achtelfinal 1994.

Wiedersehen mit der Schweiz

Die Nationalmannschaft von damals bestand für Trif noch aus Helden. Und heute? Er zuckt mit den Schultern. «Ich glaube nicht, dass es etwas wird in Frankreich», sagt er, «Frankreich ist vor uns, die Schweiz ganz sicher auch. Und wir haben kaum Spieler, die bei einem grossen Verein im Ausland unter Vertrag stehen.» Den Gedanken, trotz allem nach Frankreich zu reisen, hat er einmal gehabt, aber schnell wieder verworfen, als er rechnete. «Keine Chance. Wenn ich 1400 Euro verdienen würde, dann wäre ich gegangen. Aber so . . . Ich sitze vor dem Fernseher.»

Cristian Trif ist ein Beispiel, das Razvan Burleanu zeigt, wie tief die Probleme liegen. Es treibt ihn auch an, noch stärker Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Nationalteam, angeführt von Coach Anghel Iordanescu und seinem Assistenten Viorel Moldovan, sieht er als Lokomotive, die EM 2016 als perfekte Bühne. Bleibt darum noch eine Frage: Glaubt er eigentlich an eine späte Revanche für das 1:4 gegen die Schweiz an der WM 1994? «Ich war damals neun . . .», fängt er an, dann steht ihm Pressesprecher Razvan Mitroi zur Seite: «Ganz sicher! Wir gewinnen.» Burleanu ist zufrieden: «Gut, wenn er das sagt . . . Einverstanden!»

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