Video, ich sehe

Fussballgott Grädel zu spontanen Rechteckgesten und zum Videobeweis.

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Vielleicht ist es irgendjemandem auch schon aufgefallen, dass der Videobeweis in vielen Schweizer Köpfen längst installiert ist, obwohl er, dieser VAR (Video Assistant Referee), erst nächste Saison eingeführt wird. Spieler und auch Trainer zeichnen diese Rechtecke in die Luft, obwohl vom Schiedsrichter (noch) gar nichts in Zeitlupe begutachtet werden kann. Grädel macht diese Rechteckgeste manchmal spontan im Büro. Als Denkanstoss, ob es Gerechtigkeit oder eben wieder einmal diese himmelschreiende Ungerechtigkeit gab.

Wie ist das zu interpretieren? Die Sehnsucht nach Klarheit oder das Verlieren der Fähigkeit, Unklares - ja auch Ungerechtigkeit! - zu ertragen. Müssen wir den Videobeweis nicht auch in der Schule einführen, und ein unabhängiges Schiedsgericht in Rümlang schaut sich die Unterrichtsszenen an und interveniert, wenn grobe Fehler passieren? Der Lehrer lässt das Kind nicht ausreden, eine Tätlichkeit von Sybille gegenüber Roman, vom Lehrer nicht geahndet. Der Lehrer hätte dann diesen Knopf im Ohr, dieses Gerät am Körper, wäre ständig verbunden mit der Kontrollbehörde (pensionierte, erfahrene Lehrerinnen und Lehrer). Ein Team gegen die Ungerechtigkeit. Grädel fragt sich gerade: Wo hört das auf?

Die Leute in der Stube sind schon lange der VAR - allerdings ohne Eingriffsmöglichkeit. Sie sehen sich Wiederholungen an, die Zeit ist gedehnt, sie sehen virtuelle weisse Linien auf dem Feld, Angreiferknie, die leicht ins Abseits schauen. Sie sehen oder meinen zu sehen, was die Wirklichkeit ist. Was ist die Wirklichkeit? Die Szene, die man nachträglich sieht? Ist sie näher an der Wirklichkeit als die originale Szene? Ist sie die Wirklichkeit, was hiesse, dass Grädel im Stadion immer weit weg wäre von ihr. Und so fühlt es sich manchmal tatsächlich auch an. Aber irgendwie auch nicht.

Grädels Frau sagt, es gebe zwei Wirklichkeiten, die unmittelbare und die nachträgliche. Sie will sich aber nicht entscheiden, welche die wirkliche Wirklichkeit ist. Das macht Sinn für Grädel. Im Stadion isst Grädel seine Bratwurst, trinkt dieses gelbe Getränk, sieht diese Szene,echauffiert sich, hat eine Meinung. Das fühlt sich sehr wirklich an. Und dann sofort das Bedürfnis, diese Wirklichkeit zu überprüfen. Manchmal kann sich Grädel dann für eine Wirklichkeit entscheiden, die ihm wirklicher erscheint als die andere. Manchmal bleibt er aber ratlos zurück. Es fehlt ihm dann etwas in der nachträglichen Wirklichkeit, irgendetwas, das nicht vorkommt, aber auch eine Rolle spielt. Grädel staunt dann und denkt, dass wir in unsicheren Zeiten leben.

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