Verbietet Leihgeschäfte!

Leihweise Transfers helfen Grossclubs, ihren Besitzstand zu wahren, und verleiten dazu, Teenager wie Aktien zu behandeln.

Leihgeschäfte ermöglichen auch immer Transfertricks: Kylian Mbappés 180-Millionen-Wechsel muss so erst im Sommer verbucht werden. Foto: Patrick Hertzog (AFP Photo)

Leihgeschäfte ermöglichen auch immer Transfertricks: Kylian Mbappés 180-Millionen-Wechsel muss so erst im Sommer verbucht werden. Foto: Patrick Hertzog (AFP Photo)

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Wenn das keine Geschichte fürs Gemüt ist: Seit letztem Mittwoch darf sich Cedric Itten endlich als vollwertiges Mitglied seines Herzensclubs fühlen. Schon am Sonntag schiesst er Basel zum Sieg in Chiasso. Wunderbar. Stellt sich bloss die Frage, ob sie sich in Luzern auch gefreut haben. Dort spielte der 20-jährige Stürmer bis vor einer Woche, aber nur leihweise. Darum war es für die Basler keine Zauberei, ihn wieder zurück in den Schoss der Familie zu beordern. Für die Luzerner fiel ein anderer Leihspieler ab: Dereck Kutesa, mit 101 Minuten Erfahrung in der Super League.

Leihgeschäfte sind schädlich, nicht nur wegen solcher Rückkehr-Transfers, die schnell einen Wettbewerb verzerren können. Das Verleihen von Fussballern gehört von den Verbänden verboten, weil es nur die Grossen stärkt, die Kleineren zu Empfängern von Brosamen verkommen lässt – und zudem dazu verleitet, mit den Träumen junger Menschen zu spielen.

Vermeintlich erfolgreich

Natürlich gibt es Beispiele, die vordergründig als erfolgreiche Leihgeschäfte durchgehen. Toni Kroos etwa, den Bayern München bei Leverkusen spielen liess und der jetzt bei Real Madrid ist. Oder der heutige Schweizer Nationalgoalie Yann Sommer, der nach Vaduz und zu GC ausgeliehen wurde, ehe er in Basel zur Nummer 1 wurde.

Profitiert haben in diesen Fällen sicher auch die jungen Spieler. Vor allem aber waren es die grossen ­Vereine. Die liessen ihre Talente anderswo reifen, um dann die Früchte in Form ausgebildeter Spieler und hoher Transfersummen zu ernten. Lukrativ sind solche Geschäfte nur für den Geberclub. Die Abnehmer mögen kurz von den Fähigkeiten der Leihspieler profitieren. Doch wie soll nachhaltig geschäftet werden, wenn die Fussballer nach einer Saison wieder weg sind, ohne dass für sie eine Transfersumme verlangt werden kann?

Sechs Leihclubs in fünf Jahren

Und natürlich ist längst nicht jeder Leihspieler ein Kroos oder ein Sommer. Stattdessen kommt es zu Karrieren wie jene von Wellington Silva. Der Brasilianer wechselte mit 18 von Fluminense nach London zu Arsenal. Danach wurde er der Reihe nach an Levante, Alcoyano, Ponferradina, Murcia, Almeria und Bolton verliehen. Sechs Leihclubs in fünf Jahren, ehe er 2016 zurück zu Fluminense ging, ohne eine Sekunde für Arsenal gespielt zu haben.

Sein Weg ist nicht aussergewöhnlich. Wellington steht für das klassische Vorgehen europäischer Grossclubs. Ihr Verhalten ist besonders schädlich für den Fussball. Riesen wie Chelsea, Manchester City oder Juventus Turin nutzen ihre finanziellen Vorteile, um möglichst viele Talente zu binden. Sie grasen den Markt ab, verdrängen sogar Clubs aus den grossen fünf Ligen und sichern sich frühzeitig die vielversprechendsten Jugendlichen.

Sie zementieren damit nicht nur ihre durch TV- und Champions-League-Gelder sowieso schon gefestigte Vormachtstellung. Sozusagen im Vorbeigehen sorgen sie auch noch dafür, dass kleinere Clubs kaum mehr Chancen haben, ihren Fans die besten Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zu präsentieren. Die sind ja schon abgeworben, bevor sie alt genug wären für die erste Mannschaft. Bereits 14-Jährige werden heute aggressiv umworben. Identifikationsfiguren mit lokalem Bezug wachsen so nicht mehr heran.

Die Grossen handeln mit Teenagern wie mit Aktien. Um das Risiko klein zu halten, streuen sie ihre Einsätze breit. Fällt ein Talent durch, haben sie für ihre Verhältnisse wenig Geld in Ablöse und Lohn investiert. Entwickelt es sich ansprechend, nehmen sie den Gewinn mit – oder sie haben günstig einen Star für ihre erste Mannschaft erhalten.

Es gibt Clubs, die diese Politik bis zum Exzess betreiben. In Brasilien hat Palmeiras derzeit 59 Spieler verliehen, in Europa sind Bergamo (55) und Juve (53) führend. Dahinter kommt mit Chelsea (34) einer der aggressivsten Player auf dem weltweiten Markt. Die Politik zahlt sich für die Londoner aus, auch wenn die Mehrheit ihrer jung verpflichteten Spieler irgendwo im Nirgendwo landet. Aber Chelsea hat nette Gewinne eingestrichen mit Spielern wie Kevin de Bruyne oder Romelu Lukaku. Und auch Stamm­goalie Thibaut Courtois wurde jung und günstig verpflichtet, um sich dann bei ­Atlético Madrid zu entfalten.

Fussballer auf Vorrat gekauft

Was Chelsea oben vormacht, setzt sich in der Nahrungskette des Fussballs fort. Bis in die Schweiz, wo die Clubs der Super League ebenfalls Spieler auf Vorrat kaufen. Wie den eben nach Luzern ausgeliehenen Kutesa, den Basel im Januar 2016 verpflichtet hat, ohne bisher Verwendung für ihn zu finden. Ohne solche Hamsterkäufe hätten kleinere Clubs viel eher die Chance, auch einmal einen Spieler für mehr als ein paar Hunderttausend Franken abgeben zu können.

Das ist inzwischen auch dem Präsidenten des Europäischen Fussballverbandes Uefa aufgefallen. Der NZZ sagte Aleksander Ceferin kürzlich, es könne nicht sein, dass gewisse Clubs bis zu 100 Spieler unter Vertrag hätten. Und er hatte auch eine Idee, wie dem zu begegnen sei: «Wir könnten Leihgeschäfte einschränken oder gar verbieten.» Er ist auf der richtigen Spur.

Fast nebenbei würde er ja auch ein paar miese Transfertricks verunmöglichen. Wie jenen, den Paris beim Zuzug von Kylian Mbappé von Monaco versucht. Da sollen plumpe Klauseln den Deal wie eine Leihe aussehen lassen, um die Ablösesumme von 180 Millionen Euro erst nächste Saison abbuchen zu müssen. Das beleidigt die Intelligenz des Publikums und ist nur ein weiteres Argument, Leihgeschäfte zu verbieten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2017, 22:53 Uhr

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