Tuchels spannendes Experiment mit Neymar

Was hat sich bei den europäischen Spitzenvereinen im Sommer verändert? Wie heissen die neuen Hoffnungsträger? Der Transfer-Überblick.

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Die Reise beginnt beim FC Barcelona. Und mit Lionel Messi. Der Argentinier ist nach einer für ihn enttäuschenden WM auch im Club zum Captain aufgestiegen, als Nachfolger des nach Japan gewechselten Andres Iniesta. Und er ist seit ein paar Tagen und dem Gewinn des spanischen Supercups mit 33 Titeln neuer Rekordspieler seines Vereins – vor Iniesta (32 Titel).

Der FC Barcelona ist trotz Iniestas Abgang ausgezeichnet aufgestellt. Mit Arthur im Aufbau sowie Malcom am Flügel verstärken zwei sehr talentierte Brasilianer das Starensemble, dazu bringt der Chilene Arturo Vidal (von Bayern) kämpferische Elemente mit.

Die ohnehin herausragend besetzte Offensive wird nicht nur durch Malcoms Zuzug veredelt, auch der junge französische Weltmeister Ousmane Dembélé dürfte nach durchzogener Premierensaison seine Qualitäten vermehrt demonstrieren. Im Supercup gegen Sevilla erzielte der 21-Jährige mit einem herrlichen Schuss das 2:1-Siegtor. «Dembélé steht vor einer grossen Karriere», sagt sein Trainer Ernesto Valverde, «wir werden viel Freude an ihm haben.»

Geht auch noch Modric?

Barcelonas Konkurrent Real Madrid beginnt die Saison mal wieder als Champions-League-Titelverteidiger – hat aber einen markanten Umbruch vollzogen. Erfolgstrainer Zinédine Zidane ist nicht mehr da, Weltfussballer Cristiano Ronaldo ging zu Juventus. Der Club verzichtete bisher überraschenderweise auf die Verpflichtung eines Ronaldo-Nachfolgers.

Der neue Coach ­Julen Lopetegui schwärmt von seinem Team, er erhielt mit Thibaut Courtois einen Weltklassetorhüter und möchte die jungen Spanier wie Isco und Marco Asensio fördern. Zudem dürfte Gareth Bale ohne Ronaldo mehr Freiheiten erhalten. Im Sommer wurde zwar die gesamte Offensiv-Prominenz wie Neymar, Kylian Mbappé, Eden Hazard, Robert Lewandowski, Mauro Icardi und Harry Kane mit einem Transfer zu Real in Verbindung gebracht, doch es sieht danach aus, als ob der Verein noch keine neue Galionsfigur für den Sturm holt.

Und auch Luka Modric, an der WM als bester Spieler ausgezeichnet, drängt sanft auf einen Abgang, er möchte zu Inter Mailand wechseln. Doch in Italien schliesst das Transferfenster bereits am Freitag, die Zeit drängt. Real würde Modric wohl nur dann ziehen lassen, wenn ein valabler Ersatz wie Sergej Milinkovic-Savic oder gar Paul Pogba geholt werden könnte.

Reals Stadtrivale Atlético Madrid wiederum ist es zuzutrauen, in Liga und Champions League um den Titel zu kämpfen. Atlético musste keinen Leistungsträger abgeben, holte mit Thomas Lemar von Monaco eine starke Offensivkraft – und will mit der heiligen Leidenschaft des Trainers Diego Simeone nach zwei Finalniederlagen gegen Real in den letzten Jahren endlich die Königsklasse gewinnen. Das Endspiel findet passenderweise im eigenen ­Metropolitano-Stadion, eröffnet vor bald einem Jahr, statt.

Mit Topspielern gespickt

Auch Paris Saint-Germain träumt davon, in der Königsklasse endlich einmal zu reüssieren. Der schwerreiche Club holte mit Thomas Tuchel den vielleicht aufregendsten Konzepttrainer. Die Zusammenarbeit des ­akribischen deutschen Fussballlehrers mit Exzentriker Neymar ist ein hochinteressantes Experiment.

Das Pariser Team ist mit weiteren Topspielern wie Mbappé, Edinson Cavani und Thiago Silva gespickt, zudem hat Tuchel bereits bewiesen, wie er sich in der ­starken Nachwuchsabteilung des Vereins zu bedienen gedenkt. So überzeugte Timothy Weah, Jahrgang 2000 und Sohn von Sturmlegende George Weah, in den letzten Wochen. Tuchels Schlüsselspieler aber ist Neymar.

«Er ist einer der Besten der Welt», sagt der Trainer, «einem derart talentierten Fussballer muss man Freiheiten geben.» Neymar scheint, so die ersten Eindrücke der neuen Saison, nach einer für ihn bitteren WM bereit zur Rehabilitation zu sein. «Ich habe mich manchmal zu theatralisch verhalten», sagt Neymar. Es würde nicht überraschen, wenn er 2019 mit einem Jahr Verspätung als Ronaldo-Nachfolger zu Real gehen würde.

Das Land elektrisiert

Cristiano Ronaldo wiederum hat nicht nur Juventus, sondern ganz Fussballitalien elektrisiert. Die Serie A gab in diesem Sommer am zweitmeisten Geld für neue Fussballer aus, rund 1,2 Milliarden Franken. Napoli, Roma, Milan und vor allem Inter Mailand könnten Juventus näher rücken. Die Turiner dürften jedenfalls nicht wieder zum Titel spazieren.


Video: Cristiano Ronaldo legt los

So war Ronaldos erster Arbeitstag bei Juventus Turin. Video: Tamedia/Twitter


In Deutschland dagegen ist die Frage nicht, ob Bayern mit dem neuen Coach Niko Kovac Meister wird – sondern wann. Im Supercup demontierte der personell fast unveränderte Serienchampion am Sonntagabend Pokalsieger Frankfurt gleich 5:0. Für die Bayern zählt vor allem die zuletzt von Real Madrid dominierte Champions League.

Das gilt auch für die Topvereine der Premier League. Sie steht wirtschaftlich mehr denn je über allen anderen Ligen, in diesem Sommer investierten die 20 Vereine etwa 1,6 Milliarden Franken auf dem Transfermarkt – fast gleich viel wie La Liga (850 Millionen), Bundesliga (500 Millionen) und Ligue 1 (450 Millionen) bisher zusammen.

Meister Manchester City hielt sich nach dem Kaufrausch vor einem Jahr für seine Verhältnisse zurück, Riyad Mahrez verstärkt die Weltauswahl von Trainer Pep Guardiola.

Nachbar Manchester United blickt dagegen weniger optimistisch in die nahe Zukunft. José Mourinho ist unzufrieden über die zurückhaltende Transferpolitik seines Vereins, verbreitet schlechte Stimmung – und hat sich mit seinem Mittelfeldantreiber Paul Pogba zerstritten.

Bei Arsenal übernahm derweil nach 22 Jahren unter Arsène Wenger mit dem Spanier Unai Emery tatsächlich ein neuer Trainer das Zepter. Die Stimmung ist aber nicht wirklich gut. Der Start missglückte mit dem 0:2 gegen ein stabiles Manchester City, die Fans sind sauer, weil der unbeliebte US-Investor Stan Kroenke vor der Komplettübernahme des Vereins steht.

Der teuerste Goalie

Liverpool, der letztjährige Champions-League-Finalist, hat mit dem Brasilianer Alisson endlich einen überragenden Torhüter, dazu wurden mit Fabinho und vor allem Naby Keita zwei Akteure gekauft, um das zentrale Mittelfeld zu stabilisieren.

Wie Arsenal wird derweil auch Chelsea mit Maurizio Sarri von einem neuen Trainer dirigiert. Die Londoner haben mit dem 23-jährigen Kepa Arrizabalaga von Bilbao den teuerster Torhüter der Geschichte gekauft – Chelsea gab für den noch relativ unbekannten Keeper rund 85 Millionen Franken aus.

Königstransfer könnte derweil mit dem defensiven Aufbauer Jorginho ebenfalls einer sein, der selten im Rampenlicht steht. ­Sarri kennt ihn: Bereits bei ­Napoli schätzte er die taktische Flexibilität des gebürtigen ­Brasilianers, der für die Squadra azzurra spielt.


Bilder: Die Transfers der Premier League

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2018, 09:45 Uhr

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