Tor oder nicht?

Heftig wird im Fussball gestritten, wenn der Schiri falsch entscheidet. Damit ist nun Schluss – so zumindest die Hoffnung.

In Köln wird der Videoschiedsrichter alle Bundesligapartien im Auge haben. Video: Reuters

Vor kurzem wurde Diego Maradona ­gebeten, ein Statement zum Videobeweis abzugeben. Sein erster Gedanke war, dass er an der WM 1986 von der heutigen Technik überlistet worden wäre, als er sein legendäres Handstor erzielte. Sein zweiter Gedanke war dann schon etwas bedachtsamer: «Früher wurde immer gesagt, dass wir viel Zeit verlieren und sich die Leute darüber aufregen würden. Aber das ist nicht der Fall: Die Leute regen sich auf, wenn sie für etwas bestraft werden, was sie nicht falsch gemacht haben. Beispielsweise wenn ein reguläres Tor aberkannt wird.» Der Fussball werde durch den Videobeweis fairer, so Maradonas Konklusion. Und weil das manche europäische Ligen auch so sehen, implementieren sie ihn nun in ihren Alltag.

Da wäre zum einen die Bundesliga. Eine Umfrage des Sport-Informations- Dienstes ergab, dass Ende letzter Saison 90 Prozent der deutschen Fussballfans für die Einführung des Videobeweises waren. Diesem Wunsch kam die Liga entgegen. An allen Spieltagen sitzen künftig pro Spiel ein Video-Assistent und ein bis zwei Supervisoren in einem Studio in Köln. Es sind ­alles aktuelle und ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter.

17 verschiedene Kamera-Perspektiven stehen ihnen für die Beurteilung der Szenen zur Verfügung. Kommen sie zum Schluss, dass eine ­Situation in einem Stadion falsch eingeschätzt wurde, wird der betroffene Schiedsrichter informiert. Er kann dann entscheiden, ob er die Korrektur annehmen will oder nicht. Theoretisch kann er sich die Bilder auch am Spielfeldrand ansehen. Dem Spielfluss zuliebe versucht man das aber zu vermeiden. Der Schiedsrichter soll dem Video-Assistenten vertrauen.

77 von 104 Fehlern vermeidbar

104 spielrelevante Fehlentscheidungen soll es in der vergangenen Bundesliga-Saison gegeben haben. Hellmut Krug, Schiedsrichter-Manager beim DFB, glaubt, dass mit dem Videobeweis 77 Fehler hätten korrigiert werden können. Krug blickt der Einführung zwar optimistisch entgegen, sagte dem «Kicker» aber: «Wir sind uns im Klaren, dass nicht alles reibungslos ablaufen wird. Wir befinden uns noch auf dem Lernweg.»

Video: Der Fehlentscheid:

Bei diesem Spiel Milan gegen Juve in der Serie A im Jahr 2012 hätte der Videobeweis geholfen. (Youtube)

Dass Krug auch Skepsis spürt, liegt vor allem am Confed Cup, wo der Videobeweis nicht nur Unklarheiten schürte, sondern auch ziemlich lange Spielunterbrüche verursachte. «Da haben die Rädchen nicht ineinandergegriffen», so Krug. Auch, weil den Confed-Cup- Schiedsrichtern lediglich zehn Tage eingeräumt wurden, um sich mit der neuen Technik anzufreunden. Zum Vergleich: Die Bundesliga-Referees üben den Umgang mit dem Videobeweis nun seit einem Jahr.

Davon können die Schiedsrichter in Italien und Portugal nur träumen. Die Serie A und die Primeira Liga führen den Videobeweis zum Saisonstart ein. Doch die Testphase war ziemlich kurz. Komplikationen scheinen vorprogrammiert. Unangenehm wird das vor allem für die Unparteiischen.

Zwei Dinge sind aber in allen Ligen gleich: 1. Der Videobeweis darf nur bei einem Tor, einer Penaltysituation, einem Platzverweis oder einer Spielerverwechslung herangezogen werden. 2. In erster Linie geht es überall darum, Erfahrungen zu sammeln. Seit einem Jahr führt das International Football Association Board (IFAB) in verschiedenen Ländern Versuche mit dem Videobeweis durch.

Video: Auch schon bei grossen Turnieren ausprobiert

Die Fifa testete den Videobeweis an der U-20-WM. Video: Tamedia

Das Gremium, dessen Hauptfunktion es ist, Fussballregeln zu beraten und zu beschliessen, soll frühestens in einem Jahr aufzeigen, wie der Videobeweis optimal ins Spiel eingebettet werden kann. Bis dahin verzichtet die englische Premier League auf die Unterstützung. Obwohl diese bereits im Hintergrund getestet wurde und auch weitere Testrunden anstehen. Vorerst lassen auch Frankreich und Spanien den Videobeweis weg. Auch hier die Devise: testen, testen, testen.

Tests für über eine halbe Million

Anders in der Schweiz. Da würde die Liga gerne testen, zumal innerhalb der Swiss Football League wohl Einigkeit besteht, dass es den Videobeweis braucht. Nur ist das eben ein finanzieller Kraftakt. Schon die Tests dürften sehr teuer sein. Im Moment laufen Abklärungen, wie es weitergehen soll.

Vor kurzem reisten deshalb Ligavertreter an einen Workshop, um sich mit Delegationen anderer Ligen über den Videobeweis auszutauschen. Es ging um Umsetzungs- und Kostenfragen. Aber auch darum, ob alle Video-Schiedsrichter zentral in einem Übertragungszentrum oder direkt vor Ort in den Stadion eingesetzt werden sollen. Es sind Fragen, die Liga-CEO Claudius Schäfer noch nicht beantworten kann. Sollte die Einführung aber dereinst ein Thema sein, so brauche es mindestens ein Jahr Vorlaufzeit. Wann also kommt der Videobeweis in die Schweiz? «Frühestens zum Beginn der Saison 2019/20», sagt Schäfer.

Tages-Anzeiger

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