Zum Hauptinhalt springen

Top Ten

Fussballgott Grädel spricht über Tabus: Er findet sie in der Zeitung, im Stadion aber auch unter dem Sofa.

Natürlich liest Grädel in der Zeitung nicht nur den Sportteil. Letzten Freitag blieb ihm eine andere Kolumne in diesem Blatt in besonderer Erinnerung: die Sprachlupe von Daniel Goldstein. Diesmal ging es da nicht um grammatikalische Fallgruben, sondern um die verschiedenen Gattungen der Tabus. Tabu ist nicht gleich Tabu, das hat Grädel aus dieser «Sprachlupe» jedenfalls gelernt. Falls Sie es nicht gelesen haben (was schade wäre): Herr Goldstein zählte die verschiedenen Spielarten des Tabus auf.

Jenes etwa, in der Öffentlichkeit über solche zu reden; aber auch über das Phänomen, etwas als Tabu zu deklarieren, um es erst richtig interessant zu machen. Grädel kennt das vor allem von deutschen Privatfernsehsendern, in deren spätabendlichen Sendegefässen man schauen kann, wie quasi ganz Deutschland seine intimen Fantasien beim Partnertausch in schummrigen Kellerlokalen auslebt. Zugegeben, Grädel wirft manchmal vor dem Schlafengehen auch gerne noch rasch einen Blick unters Sofa der Gesellschaft. Und ein paar Mal sind er und seine Frau beim Durchzappen sogar schon im Dschungelcamp hängen geblieben.

Grädel begann dann spontan, eine Liste jener Themen zu erstellen, welche bei ihm in gewissen Lebenslagen unmittelbar leichtes Seelenhusten auslösen können. Erstens: die letzten zwei Cupfinals mit Berner Beteiligung. Es tut immer noch weh. Zweitens: überhaupt alle Endspiele mit Beteiligung von YB nach 1987. Drittens: der Gedanke an das nächste Cupspiel bei einem «unterklassigen» Gegner. Viertens: das «Bier» im Wankdorfstadion. Grädel kriegt davon immer Kopfweh, vergisst diese Nebenwirkung aber dummerweise im Zweiwochenrhythmus.Eigentlich wollte Grädel die Liste noch bis Punkt zehn weiterführen, denn so Top-Ten-Listen hat er schon gemocht, bevor Nick Hornby sie in «High Fidelity» so richtig populär machte. Aus Gründen des Selbstschutzes und der seelischen Unversehrtheit bleibt diese Aufzählung nun aber unvollständig. Grädel könnte sie aber jederzeit ergänzen oder - was er mit Freuden tun würde - gewisse Punkte daraus streichen.Am Sonntag war Grädel im Stadion. YB hat mittelmässig gespielt und trotzdem gewonnen, weil der Gegner noch mittelmässiger agierte. Aus dem Publikum gab es Pfiffe für das Heimteam.

Grädel schüttelte den Kopf. Den Sieger auszupfeifen, das ist ihm bislang noch nie in den Sinn gekommen. Man muss heutzutage offenbar nicht mehr in einen Swingerclub gehen, um ein Tabu zu brechen. Das kann man ebenso gut auch im Fussballstadion tun.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch