Zum Hauptinhalt springen

Textilvergehen

Fussballgott Grädel möchte einmal für 90 Minuten Guillaume Hoarau sein.

Grädel steckt seit Jahren in keiner anderen als seiner eigenen Haut und aus der kommt er so schnell auch nicht raus. Nacktwandern ist ein inzwischen einigermassen akzeptiertes Hobby, aber seinen Körper grad ganz zu verlassen, das ist sogar für stark esoterisch Angehauchte eine schwierige Übung. Es braucht wohl die Einnahme bewusstseinserweiternder Substanzen, um seine eigene leibliche Hülle einmal von aussen anschauen zu können. Bei älteren Semestern wie Grädel, bei denen die Schwerkraft schon lange über die Schönheit gesiegt hat, wäre so ein Ausflug optisch eventuell gar nicht so erbauend.

In einen fremden Körper zu schlüpfen, könnte hingegen durchaus seinen Reiz haben, gerade wenn dieser noch in einigermassen jugendlichem und optimalem Funktionszustand wäre. Nur einmal für 90 Minuten Guillaume Hoarau sein, das wünschte sich Grädel grad letzten Sonntag wieder. Auch wenn die Nummer neunundneunzig bei weitem nicht mehr der Jüngste ist – alles sieht so federleicht aus. Einfach mal rasch drei Kisten reinhauen, als wäre es nur ein lockerer Feierabendkick irgendwo auf einem Schulhausplatz.

Apropos, Grädel hat gesehen, wie Hoarau letzte Woche zu einem Fantalk im Breitenrain in einer mit mannigfaltigen Aufnähern verzierten Camouflage-Jacke auftauchte. Um Himmelsgottswillen, diese Vierfrucht-Kleider will doch spätestens nach dem letzten Diensttag fürs Vaterland niemand mehr tragen müssen. Aber der heilige Gui setzte sich einfach cool in diesem diskutablen Designerstück vors Publikum, dabei steht ihm Gelb doch viel besser. Just aus seinem schönen gelben Trikot wollte er nach seinem dritten Treffer gegen St. Gallen unbedingt raus und nahm dafür sogar eine Verwarnung in Kauf. Verstehe das, wer wolle.

Es war ohnehin der Sonntag, an dem die Hüllen fielen, daran war nicht nur das Wetter schuld. St. Gallens Trainer Peter Zeidler warf ob des Penaltypfiffs sein Jackett zu Boden und wanderte dafür auf die Tribüne. Zeidler gab sich nach dem Match reuig und einsichtig, dass der Penalty nicht ungerechtfertigt war, und entschuldigte sich für seinen Aussetzer. Ein wirklich sympathischer Zeitgenosse, dem man einfach nicht böse sein kann.

Möchte Grädel nun lieber Peter Zeidler oder Guillaume Hoarau sein? Schwierige Frage, aber seine leibliche Hülle nur kurz mal zu verlassen, ist – wie oben gesagt – kein leichtes Unterfangen. Sich seiner textilen Hüllen zu entledigen, kann zwischendurch immerhin eine passable Ersatzhandlung sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch