Terrys Ausreden und die späte Einsicht

Was Chelsea-Captain John Terry zu seiner mit Rot bestraften Tätlichkeit gegen Barcelonas Stürmer Alexis Sanchez sagt – und warum ihm Trainer Roberto Di Matteo nicht böse ist.

John Terrys Tätlichkeit in der 37. Minute. Video: Youtube.

Alexander Kühn@alexkuehnzh

Als Fernando Torres in der Nachspielzeit das 2:2 erzielte und Chelseas Einzug in den Champions-League-Final besiegelte, stand der Captain der Londoner längst nicht mehr auf der Brücke. Seit dem Kniestich gegen Barça-Stürmer Alexis Sanchez und dem folgenden Platzverweis in der 37. Minute war John Terry nur noch ein hilfloser Zuschauer der heroischen Abwehrschlacht seiner Teamkollegen.

Und während die scharfen englischen Boulevardjournalisten schon darüber brüteten, wie sie Terry für seine Kurzschlussreaktion abstrafen sollten, versuchte der sonst untadelige Sportsmann noch, sich irgendwie aus der unangenehmen Affäre herauszureden. «Ich bin in der laufenden Champions-League-Saison zuvor noch nicht einmal verwarnt worden. Ich würde nie mit Absicht einen Spieler attackieren, das wäre Wahnsinn», so Terry. Nach dem Studium der Fernsehbilder krebste er dann aber zurück: «Ich habe den Platzverweis verdient. Ich wollte mich schützen und habe das Knie gehoben, doch ich verstehe, dass ich das nicht hätte tun sollen.»

«Ich habe die Jungs im Stich gelassen»

Terry, der von der heimischen Presse heute mit den Attributen «idiotisch» und «schändlich» bedacht wurde, entschuldigte sich bei den Fans des FC Chelsea, Trainer Roberto Di Matteo und der Mannschaft: «Ich habe die Jungs im Stich gelassen. Ich bin enttäuscht, aber auch begeistert von meinen Teamkollegen. Davon, wie sie hier zu zehnt dieses Resultat erkämpft haben.» Im Final am 19. Mai in München wird Terry erneut nur Zuschauer sein wie die mit einer Gelbsperre belegten Branislav Ivanovic, Ramires und Raul Meireles.

An Terrys Stelle wird Frank Lampard Chelsea in München aufs Feld führen. Und egal, ob der Gegner dann FC Bayern oder Real Madrid heissen wird, Lampard und Co. werden wegen der prominenten Ausfälle einen schweren Stand haben. Daran dachte der englische Internationale nach dem Wunder von Barcelona aber noch nicht, er war einfach nur glücklich und beeindruckt vom Geist der Mannschaft: «Ich weiss, dass die Leute schönen Fussball sehen wollen. Aber es ist stark, sich so zu verkaufen, wenn man über 50 Minuten in Unterzahl spielen muss und 0:2 zurückliegt. Was für ein Spirit, unglaublich.»

Chelseas überragende Effizienz

Chelsea sei für seine Entschlossenheit belohnt worden, erklärte Lampard. «Man bekommt, was man verdient.» Dies ist durchaus auch als kleine Spitze gegen Barça zu verstehen. Die Katalanen hatten zwar fünfmal so viel Ballbesitz wie die Gäste aus London, versagten aber im Abschluss erneut kläglich, so wie schon im Hinspiel und aus dem Spiel heraus gegen die AC Milan. Chelsea dagegen macht aus zwei Chancen zwei Tore. Auch das ist eine Qualität und wahrscheinlich sogar die wichtigste im modernen Fussball.

Eine weitere grosse Qualität des Chelsea-Kollektivs demonstrierte Trainer Di Matteo an der Pressekonferenz – die Geschlossenheit. Statt wie die Presse auf Terry loszugehen, nahm er den ohnehin schon Untröstlichen in Schutz: «Das war unser viertes Spiel innerhalb von neun Tagen, und jeder kann einmal einen Fehler machen. Wir arbeiten als Team und sind natürlich begeistert, dass wir weitergekommen sind.» Für den Final werde er trotz der zahlreichen Sperren eine schlagkräftige Equipe zusammenstellen. «Meine Spieler haben in diesem unglaublichen Spiel bewiesen, dass sie eine spezielle DNA besitzen.»

DerBund.ch/Newsnet

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