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Klopps Taktik, Shaqiris Freiraum und ein Spruch zur CL-Auslosung

Wie der deutsche Coach Liverpool an die Spitze führte und jetzt von der Weihnachtsparty statt vom nächsten grossen Brocken spricht.

Sein erster Liverpool-Doppelpack und das gleich gegen den Erzrivalen: Xherdan Shaqiri glänzt in England. Video: NBC

Um seinen Jubel wie geplant vollziehen zu können, musste Xherdan Shaqiri beschleunigen. Hinter ihm hatten die Mitspieler schon die Verfolgung aufgenommen. An erster Stelle befand sich Roberto Firmino, aber als der Brasilianer freudig vor die Füsse des Torschützen grätschte, war der Schnappschuss bereits im Kasten. Mit verschränkten Armen posierte Shaqiri im Stile eines Geniessers vor den Fans, ruhig stehend liess er seinen Blick in den Himmel schweifen. So hatte sich Shaqiri das immer ausgemalt nach seinem Vereinswechsel zum FC Liverpool im Sommer. Das Solo-Foto lief rauf und runter auf den sozialen Medienkanälen des Offensivspielers, versehen mit Herzen und Feuerzeichen – sowie zwei Fussbällen, die seine beiden Tore repräsentieren sollten.

Als zweitem Spieler in der Historie des prestigeträchtigsten Duells der Premier League gelangen Shaqiri, 27, zwei Tore in seinem ersten Spiel für Liverpool gegen Manchester United. Bislang war das lediglich dem von Nottingham Forest verpflichteten Nigel Clough im Januar 1994 vorbehalten, der mit seinen beiden Toren damals ein Unentschieden einleitete, bei dem Liverpool mit drei Treffern zurückgelegen hatte.

Für seinen Doppelpack benötigte Shaqiri am Sonntag lediglich zehn Minuten: Auf seine Einwechslung folgte nach 143 Sekunden die Führung, weitere 472 Sekunden danach die Entscheidung. Beide Male wuchtete der Schweizer Nationalspieler mit Hilfe seiner Gegenspieler den Ball ins Ziel – erst fälschte Ashley Young seinen Schuss unhaltbar ab (73.), dann war es Eric Bailly (80.). Beim 2:1 musste sogar der eigene, viel besser postierte Mitspieler Nathaniel Clyne zur Seite weichen, um Platz zu schaffen für den 1,69 Meter grossen Muskelprotz.

Klopp hat nun gegen alle Premier-League-Klubs gewonnen

Dessen Initialen XS23 lesen sich wie das neueste Modell eines Geländewagens – der über alles hinweg walzt, was sich ihm in den Weg stellt. Das Bild eines Jeeps, der durch nichts und niemand aufzuhalten ist, passt zur gegenwärtigen Verfassung der Reds aus Liverpool, die vor nichts und niemandem Halt machen. Der ungeschlagene Tabellenführer der Premier League hat sich zu einem Kraftmeier entwickelt, dem die Energie bei keiner Gelegenheit auszugehen scheint.

Durch das 3:1 über Manchester United hat Jürgen Klopp in seiner drei Jahre andauernden Trainerzeit in Liverpool nun jeden der 26 Vereine mindestens einmal besiegt, auf die er in der Liga getroffen ist. Als verbliebene Bastion galt bis zum Schluss der englische Rekordmeister mit Trainer José Mourinho. Dem Portugiesen schien es stets zu gelingen, seine Spieler auf dem Platz zu einer Verteidigungsmauer zu verknüpfen, an der sich sogar Liverpool die Zähne ausbiss. Mit dem immer gleichen Vorgehen arbeiteten sich die Reds in den vorigen Begegnungen an United ab, bis sie nichts mehr nachlegen konnten.

Dem wilden Drauflosstürmen folgte in der ersten Halbzeit der Frontalangriff durch die Mitte und daraufhin das nüchterne Zurechtlegen des Gegners. Einen Angriff reihte Liverpool an den nächsten mit dem Selbstverständnis, dass irgendwann schon einer ins Ziel führen werde. Denn neben den Stürmern sind die Mittelfeldakteure und Verteidiger ebenso in der Lage, ein Tor zu schiessen – neuerdings auch die Einwechselspieler. Seit dieser Saison ist Liverpool restlos komplett ausgestattet, nicht nur mit dem für Klopp-Teams typischen Tatendrang, sondern auch mit: Spielern, Formationen, Strategien.

Die Schnäppchen werden zu Stammkräften

Zusätzlich zu den Rekordtransfers von Torhüter Alisson Becker und Abwehrchef Virgil van Dijk hat Liverpool seinen Spielraum im Kader erweitert, in dem der Klub mit Verpflichtungen aus der Nische der Konkurrenz vorgeführt hat, dass es nicht zwangsläufig eine hohe Ablöse benötigt, um sich zu verstärken. In jeder der drei vergangenen Spielzeiten überraschten die Reds mit Profis, die von Absteigern erworben wurden. Nach Georginio Wijnaldum (Newcastle United) holte Liverpool Linksverteidiger Andrew Robertson (Hull City) und nun Xherdan Shaqiri von Stoke City.

Den einstigen Flügelangreifer, der in seiner Zeit beim FC Bayern von 2012 bis 2015 die Champions League gewann, hat Klopp in Liverpool zu einem universell einsetzbaren Offensivspieler entwickelt. Auf welcher Position gerade Not ist, darf sich Shaqiri austoben, der seine Rolle ohne Aufbegehren ausfüllt. Die Harmonie bei Liverpool basiert auf der Menschenführung von Klopp, der sein eigenes Wohlempfinden in Liverpool auf das Team übertragen hat.

Das führt soweit, dass Klopp sogar bereit ist, sich aus der Position des Aussenseiters zu wagen. Auf die Auslosung in der Champions League angesprochen, kokettierte Klopp am Vorabend in der Haltung eines Favoriten: «Wann ist die denn? Wir haben heute Weihnachtsfeier. Es ist nicht sicher, dass wir da dann schon wach sind.»

Im Achtelfinal muss jetzt der FC Bayern schauen, ob er die roten Kraftmeier wirklich einbremsen kann.

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