Schon wieder etliches Geschirr zerbrochen

Die teure Vorwärtsstrategie der Young Boys war im ersten Monat ein Rohrkrepierer.

Brille auf für den besseren Durchblick: YB-Sportchef Fredy Bickel hat bei der Suche nach dem neuen Trainer in- und ausländische Kandidaten im Visier.

Brille auf für den besseren Durchblick: YB-Sportchef Fredy Bickel hat bei der Suche nach dem neuen Trainer in- und ausländische Kandidaten im Visier.

(Bild: Keystone Marcel Bieri)

Ruedi Kunz

Was hatten sich die Young Boys nicht alles vorgenommen vor der Saison 2015/16: Sie wollten einen Titel gewinnen, dem FC Basel auf den Füssen herumstehen, sich auf europäischer Ebene mindestens für die Gruppenphase der Europa League qualifizieren, mit attraktivem Fussball Zuschauer ins Stade de Suisse zurückholen.

So verkündete es die Clubführung, bevor am 19. Juli die erste Meisterschaftspartie angepfiffen wurde. Keine vier Wochen später befinden sich die gleichen Leute bereits im Erklärungsnotstand, weil das fussballspielende Personal bisher überhaupt nicht in die Gänge gekommen ist. In der Qualifikation zur ­Champions League hatte das Team gegen Monaco nicht den Hauch einer Chance, in der Super League hat es eine einzige von fünf Begegnungen gegen ­zumeist mediokre Gegner gewinnen können.

Zuletzt setzte es vor eigenem Publikum gegen Aufsteiger Lugano nach einer ganz schwachen Darbietung eine peinliche 0:1-Niederlage ab. Noch schwächer war der Auftritt in Monaco, der mit einer 0:4-Schlappe ­endete. Worauf sich die sportliche Leitung gemüssigt sah, Trainer Uli Forte freizustellen und temporär durch den langjährigen Assistenten Harald Gämperle zu ersetzen.

Zu wenig Leader, kein Regisseur

Der Effekt des Trainerwechsels verpuffte schnell. Sehr schnell. Gämperle probierte gegen Lugano einiges – und scheiterte auf der ganzen Linie. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie fragil das Konstrukt YB ohne die Leistungsträger Guillaume Hoarau, Sékou Sanogo, Alexander Gerndt (alle verletzt) und Renato Steffen (krank) ist, so lieferte ihn dieser Match.

Die Berner mögen fast zwei Dutzend gut bis sehr gut bezahlte Spieler im Kader haben, doch die Führungsfiguren sind rar geblieben. Miralem Sulejmani und Loris Benito, die für viel Geld Benfica Lissabon abgekauft wurden, sind in ihrer momentanen Verfassung meilenweit davon entfernt, eine tragende Rolle zu übernehmen. Noch ist es zu früh, die beiden als Fehltransfers zu bezeichnen.

Dennoch stellt sich die Frage: War es wirklich klug, für zwei Reservisten rund sechs Millionen auszugeben? Nimmt man die ersten Wochen als Massstab, lautet die Antwort Nein. Die bisherigen Wettbewerbsspiele verfestigten nämlich den Eindruck, dass sich die grösste Baustelle bei YB im zentralen Mittelfeld befindet.

Dort fehlt ein Mann, der das offensive Spiel steuert und gestaltet, wie es Matias Delgado bei Basel und Carlitos bei Sion tun. Blerim Dzemaili könnte diese Rolle übernehmen, obwohl er kein klassischer Spielmacher ist. Nach den publik gewordenen Verhandlungen um einen mehrjährigen Spieler- und Funktionärsvertrag ist seine Verpflichtung jedoch eher unwahrscheinlich geworden.

Der Blick über die Landesgrenze

Nun steht YB vor wegweisenden Tagen. Das Weiterkommen in der 1. Hauptrunde des Schweizer Cups gegen Kriens und in den Europa-League-Playoffs gegen Karabach sind eine Notwendigkeit, damit beim ambitionierten Club Ruhe einkehrt.

Was sich die Berner unter gar keinen Umständen erlauben können, ist eine weitere Blamage im Cup. Eine solche würde ein mittleres Erdbeben auslösen. Sportchef Fredy Bickel müsste die externe Trainersuche vorantreiben, da Gämperle für diesen Posten definitiv nicht mehr infrage käme.

Da die Zahl der valablen Schweizer Kandidaten verschwindend klein ist, schadet ein Blick ins nördliche Nachbarland sicher nicht. Dort gibt es einige jüngere Übungsleiter, denen zuzutrauen ist, dass sie sich in der Schweiz zurechtfinden, auch wenn sie mit den Verhältnissen der Super League nicht vertraut sind.

Wie auch immer der neue Chefcoach heissen wird: Er muss YB möglichst rasch auf die Erfolgsspur zurückführen. Ansonsten gerät der einflussreiche und bestens vernetzte Bickel mächtig unter Druck. Denn die Zielsetzung lautet trotz Fehlstart unverändert: einen Titel holen.

Der Bund

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