Schöner schreiben mit den Young Boys

Der 2:0-Startsieg von YB gegen Basel ist ein kleines Meisterstück der Dramaturgie.

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Als Miralem Sulejmani diesen Kunstschuss abgab, waren alle Konflikte gelöst. Das kleine YB-Drama hatte sein Ende gefunden, die Bösen waren besiegt, die Heldenreise war bestanden – und das Berner Publikum verzückt.

Das 2:0 gegen Basel war nicht nur ein Auftakt nach Mass, nicht nur ein Sieg in Spiel 1 von 36. Als Sulejmani mit seinem Freistoss das Spiel entschied, war gegen den langjährigen, oft unerreichbaren Rivalen mehr gewonnen als nur drei Punkte. Die im mit 31 120 Zuschauern ausverkauften Stade de Suisse entfachte Euphorie könnte YB in den nächsten Tagen und Wochen weitertragen, zu einem Exploit in der Qualifikation zur Champions League gegen Dynamo Kiew, zu einem Erfolg bei GC, zu weiteren Heimsiegen. Vergangene Erfolge gegen den FCB waren oft vergleichsweise bedeutungslos, weil der Gegner schon weit enteilt, der Rahmen weniger bedeutsam war. Letzte Saison gelangen gar zwei Siege gegen den Serienmeister – vor Basel lagen die Young Boys trotzdem nie.

Dieses YB-Drama also war hervorragend durchdacht, und so stand an seinem Anfang eine vielversprechende Exposition mit bekannten Figuren: König Basel, ruhmreich, selbstbewusst. Und Thron-Aspirant YB, oft geliebt, teils verschmäht, aber immer bewegend. Der stolze Regent beim oft gescheiterten Herausforderer. Ein vorzüglicher Konflikt. Und wie im echten Theater wurde dieser Konflikt geschürt von vielen Unbekannten: Würde die junge YB-Mannschaft dem Druck standhalten? Wie gut ist der FCB, mit jungem Trainer, unter neuer Führung?

Zuerst Härte statt Spielkunst

Antworten gab es zunächst einmal gar keine. «Wir waren zu wenig mutig», gab YB-Trainer Hütter zu. «Ich kann nicht sagen, dass wir ein gutes Spiel gezeigt hätten», räumte Basel-Coach Wicky ein. Das Einzige, was beide von Beginn weg einbrachten, war eine aussergewöhnliche Härte. Ein blutender Hoarau, ein schmerzverzerrt blickender Steffen – es wurde kräftig ausgeteilt im Startspiel.

Mit der Aufstellung vermochte Adi Hütter bei YB nicht zu überraschen. Doch das vom Österreicher gewählte Konstrukt war stabil, Sanogo kaschierte die kleinen Aussetzer des noch etwas nervösen Youngsters Aebischer, vorne arbeitete Assalé neben dem für einmal etwas blassen Hoarau vorbildlich, und hinten lenkte Captain von Bergen neben dem aufmerksamen Nuhu.

YB vermochte zwar mit zunehmender Dauer des Spiels das Tempo etwas zu verschärfen – blieb aber dabei auch dramaturgisch am Ball. Denn die Handlung spitzte sich zu, weil es immer noch 0:0 stand, weil die Partie noch immer auf beide Seiten hätte kippen können, weil der so bedeutsame Auftakt noch immer mit einer Enttäuschung hätte enden können. «Man ist so hilflos als Trainer», stellte Neuling Wicky später fest.

Vorhang auf mit Ravet

Doch jetzt stieg YB in den nächsten Akt. 50. Minute, Vorhang auf zur Klimax, mit Hauptdarsteller Yoric Ravet. Der Franzose liess Zuffi aussteigen, mit einem Trick, der fast älter als die antike Dramaturgie ist, an der sich YB ja gerade versuchte: Ball rechts, Mann links. Sekunden später schlug Ravets Schuss ein, 1:0, Ekstase beim Publikum. Doch die Young Boys wären nicht grossartige Dramaturgen, hätten sie bei diesem Stück nicht noch ein retardierendes Moment nach klassischem Vorbild eingebaut. Dem Basler Druck, der weiterhin zu keinen klaren Torchancen führte, begegnete YB mit Kontern. Darin gefiel vor allem Mbabu, der super-offensive Aussenverteidiger. Butterweich flankte er auf den eingewechselten Sow, der sah sich in vorzüglicher Position, wartete aber zu lange (78.).

Die Glücksgefühle beim Berner Anhang wurden an diesem Abend perfekt gesteuert. Weil es dem einen oder anderen beim Stand von 1:0 um YB noch etwas bange war. Und weil dann eben Sulejmani seinen grossen Auftritt hatte und einen Freistoss trat, so schön, dass man darunter schreiben müsste: Leder auf Kunstgrün, Miralem Sulejmani, 2017.

Zu einer gesunden Euphorie gehört ja immer auch die unbedingte Demut der Hauptdarsteller. Und da enttäuschte Trainer Hütter keineswegs. Der blieb seiner Linie treu, eng steckte er das Feld, zu dem er Fragen beantwortete, und was darüber hinaus zielte, ignorierte er gekonnt. «Das war ein 2:0 gegen den amtierenden Meister. So etwas gibt natürlich Selbstvertrauen und das ist nebst den drei Punkten das, was wir aus dem Spiel mitnehmen.» Kein Wort zur Meisterschaft, keins zum FCB.

Bereits am Dienstag fliegen die Young Boys von Belp nach Kiew, am Mittwoch (18.30 Uhr) treten sie im Olympiastadion gegen Dynamo an. Auch die Ukrainer gewannen am Wochenende ihren Klassiker gegen Schachtar Donezk, mit 1:0 dank einem Kopfball des kräftigen Mbokani. Sportchef Christoph Spycher sagt: «Das wird allein schon physische eine noch grössere Herausforderung.»

Daran dachte am Samstagabend rund ums Stade de Suisse noch niemand. 2:0 gegen Basel, der Vorhang war gefallen, der letzte Akt vorbei und bei der Nachbesprechung des mitreissenden Stücks liess sich das Berner Theater-, pardon, Fussballpublikum noch bis spät in die Nacht Zeit. Auch der Regen setzte erst um Mitternacht ein – als hätten die YB-Regisseure sogar das irgendwie veranlasst. (Der Bund)

Erstellt: 23.07.2017, 20:58 Uhr

Super League

36. Runde

02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
02.06.FC Lugano - FC Luzern0 : 1
02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

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