Schön überraschend

Die Grasshoppers haben das letzte Spiel vor der Winterpause in Lugano 1:4 verloren. Doch der letzte Eindruck täuscht.

Ballett im Cornaredo: GC-Aufbauer Basic (links), Luganos Culina (Mitte) und der Zürcher Shani Tarashaj. Foto: Samuel Golay (Keystone)

Ballett im Cornaredo: GC-Aufbauer Basic (links), Luganos Culina (Mitte) und der Zürcher Shani Tarashaj. Foto: Samuel Golay (Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Der letzte Eindruck: GC hat verloren. Und wie! 1:4 bei Lugano. 60 Minuten in Unterzahl nach einer Notbremse von Pnishi, die auch noch mit einem Pe­nal­ty und dem 1:1 bestraft wurde. Drei Gegentore in der zweiten Halbzeit nach teilweise schwachem Abwehrverhalten.

Der Match hat gezeigt, wie schmal der Grat für die Grasshoppers ist. Wenn sie sich nicht an ihrem Leistungslimit bewegen, sondern sich Unzulänglichkeiten leisten wie gestern – es gab davon auch neben Pnishis Foul genug –, wird es schwierig. Dann ist der Glanz schnell verblasst und der geschaffene Ruf zügig verspielt.

Ein Aussetzer allein aber genügt nicht, um in der Zwischenbilanz alles weniger schön zu sehen. GC steht bei Meisterschaftshalbzeit auf Rang 2. «Wer hätte das gedacht?», sagt Geschäfts­führer und Sportchef Manuel Huber, «ich jedenfalls nicht.»

Vor neun Monaten war GC noch in akuter Abstiegsgefahr gewesen und wurde von (Führungs-)Krisen immer wieder durchgeschüttelt. Die Wende kam mit vier Personalentscheiden.

Im Januar verpflichtete der Club Trainer Pierluigi Tami als Nachfolger des geflüchteten Skibbe. Im Mai setzte die Führung den erst 28-jährigen Huber als Ersatz für den entlassenen Sportchef Thoma ein. Im Juni verpflichtete GC den 33-jährigen schwedischen Mittelfeldspieler Kim Källström. Und im August liess es den 10 Jahre jüngeren Mittelstürmer Munas Dabbur nicht zu Palermo ziehen.

Der 54-jährige Tessiner Tami steht über allem. Er hat in elf Monaten so vieles besser gemacht, weil er so vieles mitbringt an Qualitäten: Fachwissen, pädagogisches Wissen, Durchsetzungskraft, Ernst und Gelassenheit, Humor, Empathie. Mit ihm ist die gute Stimmung in die Kabine zurückgekehrt. Das Team spielt offensiv. Natürlich profitiert es von nichts mehr als der Autorität Källströms und den Abschlussqualitäten Dabburs. Aber es gibt auch Caio, den sicheren Wert. Marko Basic, Yoric Ravet oder Shani Tarashaj, die sich unter Tami alle enorm verbessert haben. Oder die vielen jungen Debütanten. Was alles gut war, hat die Schwächen überdeckt: das Defensivspiel, die Goalieprobleme.

Tami hat neue Methoden eingeführt: die Selbstbeurteilung nach jedem Match und den täglichen Fragebogen. Er weiss, wie die Spieler geschlafen haben, wie es ihnen körperlich geht, ob sie mit ihrem Leben gerade zufrieden sind, ihnen der Arbeitstag gefallen hat. Er hat Spieler schon vor Trainingsbeginn nach Hause geschickt, wenn er das Gefühl hatte, sie hätten den Kopf nicht frei. Seine Überzeugung ist: Wer (privat) unzufrieden ist, kann nicht gut arbeiten.

Sein Vertrag läuft im Sommer aus. GC möchte ihn langfristig binden. Auch Tami hat die Verlängerung zu seiner Priorität erklärt, obwohl er Anfragen aus der Bundesliga habe. Die Parteien dürften sich einig werden. Tami weiss, was er an GC hat. Es ist das, was er möchte. Einen ambitionierten Club, der zur Ruhe gefunden hat und «langfristig vorwärtskommen will», wie Huber sagt.

Das ist klug gedacht. Aber schwierig gemacht. Der zuletzt immer wieder klamme Club steht gemäss Huber zwar nicht unter unmittelbarem Verkaufsdruck. Aber doch unter dem Zwang, seine besten Spieler immer wieder gewinnbringend weiterzugeben. In den nächsten Wochen wird sich vieles um Dabbur drehen. In den vergangenen Monaten ist sein Marktwert massiv gestiegen und dürfte jetzt bei 8, 9 Millionen Franken liegen. Nach England verkaufen kann GC den Israeli nicht, ihm fehlen die Spiele mit dem Nationalteam, um auf der Insel eine Arbeitsbewilligung zu erhalten. Der Transfermarkt kann trotzdem schnell in Wallung geraten. Dann wird es schwierig sein, ihn zu halten. Und einen nächsten Dabbur zu finden.

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