Schärs Weg raus aus der Abstellhalle

In La Coruña versucht Fabian Schär nach einem verkorksten Jahr den Neuanfang – samt Häuschen am Meer.

In Galicien merkte Fabian Schär wieder, dass ihm sein Beruf ja eigentlich richtig Spass macht. Foto: Getty Images

In Galicien merkte Fabian Schär wieder, dass ihm sein Beruf ja eigentlich richtig Spass macht. Foto: Getty Images

Florian Raz@razinger

Gestern war es endlich so weit. Fabian Schär packte seine Schachteln aus, ­platzierte seine Möbel, die zuvor bloss zwischengelagert waren. Und irgendwie muss es sich für den 25-Jährigen angefühlt haben, als sei er dabei, sein ganzes Leben frisch aufzustellen. Zumindest seine Karriere als Fussballer drohte ­zuletzt ja in einer Abstellhalle in der badischen Provinz zu verstauben.

Fürs Erste ist er da mal raus. Er hat die TSG Hoffenheim 1899 hinter sich gelassen und ein Häuschen bei La Coruña bezogen: «Direkt am Meer, sehr schön gelegen.» Es ist etwas ausserhalb, aber nah genug, dass er schnell in der Hafenstadt mit ihren rund 250 000 Einwohnern ist. Schär klingt zufrieden.

Aber natürlich ist er nicht in den Nordwesten Spaniens gezogen, weil er schon immer mal am Strand wohnen wollte. Er hat einen Neustart gesucht. Und den hat ihm Deportivo angeboten, ein Club, der die letzten drei Saisons in der höchsten spanischen Liga auf den Rängen 17, 16 und noch einmal 16 abgeschlossen hat. Auch diese Saison wird es primär darum gehen, den Fall in die Zweitklassigkeit zu verhindern.

Doch das kann den Schweizer Nationalverteidiger nicht abschrecken: ­«Abstiegskampf kenne ich ja schon aus meiner ersten Saison in Hoffenheim.» Und ausserdem ist schlicht alles besser als das, was er im letzten Halbjahr in Deutschland erleben musste. Nicht eine Minute ist er in der vergangenen Rückrunde in einem Ernstkampf eingesetzt worden. Wenn er nach den Trainings ­jeweils nach Hause kam, rasten ihm die Gedanken durch den Kopf. Zweifel mag er es zwar nicht gleich nennen: «Aber du hinterfragst einiges. Und gewisse Dinge, die geschahen, habe ich immer noch nicht richtig verstanden.»

Er akzeptierte sein Schicksal

Zum Beispiel, warum ihn der Club in der Winterpause nicht ziehen lassen wollte, als sich die Gelegenheit bot. Oder warum ihm stets versichert wurde, er liefere gute Trainingsleistungen ab, ­Julian Nagelsmann aber trotzdem immer auf andere setzte. Doch schliesslich waren die Resultate des Teams so gut, dass Schär selbst einsah: «Es wird schwierig für den Trainer, jetzt etwas zu wechseln.» Das war dann auch der Moment, in dem er bemerkte, dass es ihm hilft, vorerst sein Schicksal zu akzeptieren. Anstatt ständig die Situation verstehen zu wollen, konzentrierte er sich auf sich, trainierte, um bereit zu sein für den nächsten Schritt: «Als Investition in meine Zukunft.»

Die liegt für ihn in Galicien. Bei einem Club, der ihn schon auf dem Radar hatte, als er noch beim FC Basel spielte. Doch damals entrückte Schär schnell den beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Nordspanier. Einst hat ­Deportivo zwar die Halbfinals der Champions League erreicht; das war 2004. Doch ­danach folgte ein schleichender Abstieg, der sogar zum zwischenzeitlichen ­Absturz in die zweite Liga führte. Noch heute zahlt der Club Schulden ab, die er sich mit einem Schuss Grössenwahnsinn eingehandelt hat. Entsprechend bescheiden tritt er auf dem Transfermarkt auf. In der Gehaltsrangliste von La Liga belegt La Coruña einen der letzten fünf Plätze.

Da ist es ein Zeichen der Wertschätzung, dass die klammen Galicier Geld in die Hand genommen haben, um Schär von Hoffenheim loszueisen. Rund zwei Millionen Euro sollen geflossen sein. Das ist zwar viermal weniger, als 2015 nach Basel überwiesen wurde. Aber der Schweizer ist einer von nur drei Zuzügen dieses Sommers, für die La Coruña überhaupt etwas ausgab. Und als sich der Transfer in die Länge zog, spürte er, wie fest der Club ihn wollte. Immer wieder erhielt er Anrufe: «Sie haben mir ver­sichert, dass sie alles tun, um mich zu verpflichten. So war schnell klar, dass La Coruña meine Priorität Nummer 1 ist.»

Mit Füssen – und Händen

Noch ist er sich nicht ganz sicher, wo er in der teaminternen Hierarchie wirklich steht. Was auch daran liegen mag, dass er sich noch häufig mit Händen und Füssen behelfen muss, wenn er sich mit den Kollegen verständigt. Zwar kann Trainer Pepe Mel Englisch. Aber von den Spielern sind es nur drei, vier. Also büffelt Schär fleissig Spanisch. Und dass er in den letzten beiden Testspielen vor dem Ligastart von Anfang spielte, gibt ihm Zuversicht: «Ich war ganz zufrieden mit meinen Leistungen.»

Richtig los geht es diesen Sonntag. Und wie! Real Madrid kommt ins Estadio Riazor. Vom unbeachteten Tribünengast in Hoffenheim zum Häuschen am Meer und einem ­Duell mit dem Starensemble aus Madrid – das klingt alles schon recht gut. Vor allem aber hat Schär in La Coruña festgestellt, dass ihm sein Beruf ja eigentlich richtig Spass macht. Das hatte er in Hoffenheim schon fast vergessen.

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