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«Respekt, Leute, Respekt!»

José Mourinho ist der schillernde Trainer von Manchester United – am Mittwoch gibt er sich in Bern gegen YB die Ehre.

Egomanisch, charismatisch: José Mourinho.
Egomanisch, charismatisch: José Mourinho.
Martin Ricket, Keystone

Auf einmal ist er nicht mehr Mr. Hyde, sondern Dr. Jekyll. Auf dem Gesicht des Rabauken beginnt sich eine seltene Wärme breitzumachen. José Mourinho verliert die harten Züge, als ihm die Reporterin der BBC berichtet: «Romelu Lukaku hat mir gesagt, dass Sie auf dem Trainingsplatz eine völlig andere Person seien.»

«Ich?», fragt er leicht verblüfft. – «Ja, auf eine gute Art», sagt sie. Er kratzt sich an der linken Backe und beginnt sich zu entspannen: «Die Leute, die mich kennen, mögen mich normalerweise. Aber die Journalisten mögen mich nicht, weil sie mich nicht kennen.» Die Reporterin entgegnet, das gelte für sie nicht. «Gut, für die Mehrheit von ihnen», sagt Mourinho, meint damit nochmals die Journalisten und beginnt fein zu lachen.

Zwei Wochen ist das jetzt her, es hat sich an dem Sonntag zugetragen, als Manchester United in Burnley 2:0 gewinnt und der zweifache Torschütze Lukaku über seinen Trainer sogar noch sagt: «Er ist ein wirklich guter Typ.»

Ein Sieg in Burnley kann für einen Weltclub wie die United nichts Aufregendes sein, aber er tut gut zu einer Zeit, als Mourinho von seinen Lieblingsfeinden unter den englischen Journalisten wieder einmal angezählt wird. ­Ihnen genügt bereits eine Niederlage, das 2:3 im zweiten Spiel diese Saison in Brighton, um wie der «Daily Telegraph» von Krise zu schreiben und von einem Kader, das sein Vertrauen in den Trainer verliere. Mourinho zahlt es ihnen zurück, indem er bei der Medienkonferenz vor dem folgenden Spiel gegen Tottenham eine halbe Stunde zu früh erscheint und sie nach vier Minuten wieder beendet.

0:3 verliert es die United daheim gegen Tottenham. Mourinho ist deshalb gereizt, wie er das gerne ist, und hält vor den Journalisten drei Finger hoch. «Wissen Sie, was das bedeutet?», fragt er, «drei Premier-League-Titel. Ich gewann mehr Titel als alle anderen 19 Trainer zusammen. Drei für mich, zwei für sie.» Pep Guardiola und sein Vorgänger bei Manchester City, Manuel Pellegrini, kommen auf je einen. «Also», herrscht Mourinho die Runde an, «Respekt, Leute, Respekt, Respekt!»

José Mourinho bittet um Respekt und verlässt die Pressekonferenz. Video: AFP

Eine Frage umweht Mourinho: Hat er seinen Zauber verloren?

55 ist Mourinho inzwischen, aber nicht mehr annähernd so erfolgreich wie bei Porto, Chelsea, Inter Mailand oder Real Madrid. Derzeit umweht ihn die Frage: Hat der Egomane seinen Zauber verloren, seine Erfolgsformel?

Im Sommer 2016, ein halbes Jahr nach seiner Entlassung bei Chelsea, kam er in Manchester an. Er hatte einen Auftrag: die United wieder zu der Grösse zu machen wie zu Sir Alex Fergusons Zeiten. David Moyes und Louis van Gaal waren zwischenzeitlich daran ­gescheitert. Aber er? Mourinho? Scheitern kommt zumindest in seinem Vokabular nicht vor.

Er kam und sagte: «Mit allem Respekt für alle anderen Trainer in diesem Land: Ich bin der Trainer von Manchester United, dem grössten Club in England.» Die Ausgangslage war reizvoll, weil City als Stadtrivale ebenfalls einen neuen Trainer vorstellte: Das war Pep Guardiola, ausgerechnet. Nach gemeinsamen Jahren in Barcelona als Assistenztrainer und Spieler waren Mourinho und Guardiola zu erbitterten Gegnern geworden.

In der ersten Saison bei der United gewann Mourinho die Europa League und den Ligacup, aber nicht die Meisterschaft. Da wurde er nur Sechster, 24 Punkte hinter Chelsea. Im zweiten Jahr gab es keinen Titel mehr, aber wenigstens den 2. Platz in der Liga, dummerweise 19 Punkte hinter Guardiolas begeisterndem City. Guardiola wurde für seinen Fussball gefeiert, Mourinho dagegen als Verlierer behandelt.

Das tat dem Portugiesen weh: er, ein Verlierer? Nichts kann ihn mehr kränken als dieser Vorwurf.

Mourinho ist der Enkel eines Schiffskochs und der Sohn eines früheren Goalies von Vitoria Setubal. Er ist der Junge, der selbst zu wenig Talent hatte, um seinem Vater nachzueifern, und darum Trainer geworden ist. Er begann seinen Weg als Assistent und Dolmetscher von Bobby Robson bei Sporting Lissabon, beim FC Porto und bei Barcelona, bevor er Anfang 2002 Cheftrainer bei Porto wurde und innert zweieinhalb Jahren zweimal die Meisterschaft, den nationalen Cup, den Uefa-Cup und die Champions League gewann.

«Ich hatte grossen Erfolg. Das wollen sie nicht anerkennen»

Der Oligarch Roman Abramowitsch holte ihn im Sommer 2004 zu Chelsea. Zur Begrüssung sprach Mourinho die Worte, die legendär geworden sind: «Chelsea hat eine Topmannschaft. Und, entschuldigen Sie, wenn das arrogant klingt, Chelsea hat vor allem einen Toptrainer.» Er bezeichnete sich als der «special one», der Besondere.

Gut 14 Jahre sind seither vergangen. Mourinhos Haar ist längst grau geworden. Immerhin ist die Titelsammlung so gewachsen, dass er heute sagen kann: «Ich gewann acht Meisterschaften. Ich bin der einzige Trainer der Welt, der in Italien, Spanien und England Meisterschaften gewann.» Es gibt auch nicht viele Trainer, die mit zwei verschiedenen Clubs die Champions League holten. Ihm gelang das mit Porto (2004) und Inter (2010). In seinem Palmarès führt er 25 Titel.

Aber was ist nun mit der verpassten Premier League in der letzten Saison? Diesem 2. Platz hinter Guardiola eben? Mourinho behauptet: «Ich hatte grossen Erfolg. Das ist das, was die Journalisten nicht anerkennen wollen. Es ist wichtiger, was ich denke, als was sie denken. Die letzte Saison ist eine meiner grössten Leistungen.» Im Sommer wollte er neue Spieler, vor allem einen neuen Innenverteidiger. Er dachte an Raphäel Varane von Real, Harry Maguire von Leicester, Toby Alderweireld von Tottenham und Jérôme Boateng von Bayern München. Bekommen hat er keinen, sie waren zu teuer, wie der mit 100 Millionen Franken masslos überbewertete Maguire, oder schon gar nicht erst interessiert.

Mourinho jammert deshalb. So ist er halt und vergisst, dass er in zwei Jahren Spieler für 480 Millionen bekam. Unter ihnen sind nicht nur Paul Pogba oder Romelu Lukaku, sondern auch Victor Lindelöf und Eric Bailly. Das sind die beiden Innenverteidiger, die Mourinho für zusammen 80 Millionen unbedingt wollte und mit denen er inzwischen nicht mehr viel anfangen kann.

Mourinhos Fussball passt nicht zum Erbe von Alex Ferguson

Es bleibt Spekulation, warum er jetzt nicht die Spieler erhielt, die er wollte. An der Finanzkraft des Clubs liegt es nicht. «Die sportliche Leistung hat keinen bedeutsamen Einfluss auf unsere kommerziellen Möglichkeiten», sagte Ed Woodward, als er im Frühjahr den Umsatz von 178 Millionen für das erste Quartal 2018 bekannt gab. Der Geschäftsführer hat die Zahl der Sponsoren innert fünf Jahren von 10 auf fast 80 erhöht. Seit 2005 gehört die United den Glazers, einer amerikanischen Familie. Bis heute haben sie 1,3 Milliarden an Dividenden und Aktienverkäufen aus dem Unternehmen abgezogen.

Mourinho braucht deshalb nicht zu darben. Sein bis 2020 laufender Vertrag mit der United bringt ihm 1,3 Millionen Franken ein – Monat für Monat. Weitere 1,1 Millionen nimmt er dank seiner Werbeverträge mit Heineken, Hublot, Adidas oder Jaguar ein – ebenfalls Monat für Monat. Im Jahr macht das 28 Millionen.

Das befreit Mourinho nicht von der Kritik an seinem Fussball, diesem mechanischen, berechnenden Fussball. Der passt nicht zum Erbe von Alex Ferguson, der seinen Teams Sturm und Drang predigte. Mourinho will nur gewinnen, egal wie. Und wenn er nicht gewinnt, bleibt bei seinen Spielen nicht mehr viel übrig, das man mögen kann. Egal, was dann Romelu Lukaku über ihn sagt.

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