Pasta in München, Dosengetränk in Leipzig

Morgen startet die deutsche Bundesliga in ihre 54. Saison. Ein Vorgeschmack in sechs Kapiteln.

Wird RB Leipzig mit Youngstern wie Poulsen zur neuen Kraft? Foto: Imago

Wird RB Leipzig mit Youngstern wie Poulsen zur neuen Kraft? Foto: Imago

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schweizer (Ex-)Captains
Bröckelnde Fraktion

Vor einem Jahr in Berlin: Captain Fabian Lustenberger. In Hoffenheim: Captain Pirmin Schwegler. In Wolfsburg: Captain Diego Benaglio. In Hamburg: Captain ­Johan Djourou. Heute in Berlin: Lustenberger abgesetzt. In Hoffenheim: Schwegler abgesetzt. In Wolfsburg: ­Benaglio im Amt bestätigt, sportlich aber degradiert. In Hamburg: Djourou noch nicht bestätigt, aber mit Aussicht auf einen Stammplatz. ­Granit Xhaka, der im September bei Gladbach zum Chef befördert worden war und die Zahl der Schweizer Bundesliga-Captains auf fünf erhöhte, ist zu Arsenal gezogen.

Die Schweizer stellen mit 24 Spielern die grösste Fremdarbeiter-Fraktion in der Bundesliga. Ihre Captain-Fraktion aber bricht auseinander. ­Dabei ist es noch nicht lange her, da lobte Trainer Dardai in Berlin Lustenberger als seinen verlängerten Arm, und er bekräftigte vor ein paar Wochen: «Lusti bleibt mein Captain.» Seit 2007 ist der Luzerner bereits in der Hauptstadt, im März hat er seinen Vertrag um weitere drei Jahre verlängert und stets betont: «Ich will keinen neuen Club, ich bin glücklich in Berlin.» Nun droht ihm eine Saison als Reservist.

Eine treue Seele ist auch Benaglio, seit 2008 steht er in Diensten des VfL Wolfsburg. Jetzt hat ihm Trainer ­Hecking mitgeteilt, dass er ab sofort nicht mehr die Nummer 1 im Tor ist. ­Benaglio aber trötzelt nicht. Offenbar steht er gar davor, seinen Ende Saison aus­laufenden Vertrag noch einmal um zwei Jahre zu verlängern. Schwegler hat in ­Hoffenheim immerhin die Aussicht, nicht auf die Bank verbannt zu werden. In der ersten Pokalrunde stand er auf dem Platz – an seiner Seite seine Landsleute Fabian Schär und Steven Zuber.

Carlo Ancelotti
Das pralle Leben nach Pep

Zu Pep Guardiola haben alle eine Meinung. Es muss ja nicht immer die gleiche sein. Fussball-Prophet? Nervender ­Asket? Und weil sich der Katalane so ungern selbst erklärt, wurde in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern München jede Geste analysiert. Gibt er Befehl zum nächsten taktischen Schachzug – oder kratzt er sich bloss an der Nase?

Nun ist er nach drei Jahren mit gleich vielen Meistertiteln weg, zu Manchester City. Stellt sich die Frage: Gibt es ein ­Leben nach Pep? Stimmt nur die Hälfte davon, was über Nachfolger Carlo Ancelotti erzählt wird, dann ist es sogar das pralle Leben. Der Italiener steht dazu, lieber einen Teller Pasta zu viel als einen zu wenig zu essen. Paolo Maldini, unter ihm Captain der AC Milan, sagt: «Er isst, trinkt. Dann isst und trinkt er noch ein bisschen mehr.» Und in der Kabine? Da liebt ihn sogar einer wie Zlatan Ibrahimovic, der Guardiola nachrief: «Er hat keine Eier.»

Die Bayern mit Eiern und Pasta und einem Coach, den die teuersten Spieler der Liga lieben: Das deutet auf ein ödes Titelrennen hin. Wobei in München ­sowieso nur interessiert: Holt Ancelotti die Champions League? Er wäre der erste Trainer, der den Titel viermal gewinnt – ­Guardiola steht bei zwei Triumphen.

Borussia Dortmund
Bayern- und Schnäppchenjäger

Alle Thuner Sportchefs und Präsidenten der Grasshoppers kurz weglesen: Dafür, dass sich Dortmund als erster Verfolger der Münchner sieht, hat sich die Borussia nicht nur wie ein Bayern-, sondern auch wie ein Schnäppchenjäger bewegt. Der FCB hat sich für 77 Millionen Franken bloss zwei Spieler geleistet: Portugals Wunderknaben Renato Sanches und den nun ehemaligen Dortmunder Abwehrchef Mats Hummels. Der BVB hat zwar noch etwas mehr Geld in die Hand genommen: 120 Millionen. Dafür sind aber gleich acht Neue gekommen.

Wobei die grösste Aufregung um einen herrscht, der ein Alter ist: Mario Götze, vor drei Jahren unter Getöse nach München gezogen, kehrt als geläuterter Sohn zurück. Wird er auch sonst wieder der Alte, könnte sich manch ein Dortmunder sein zweites Götze-Shirt kaufen. Im Sommer 2013 sind ja einige davon in der Hitze des Gefechts in Flammen aufgegangen.

Englische Vorwahl
Bei Anruf Jackpot

Christian Heidel ist erst seit Sommer ­Manager bei Schalke 04. Möglich, dass er deswegen noch etwas offener vom Transfermarkt erzählt. Etwa davon, worauf alle Sportdirektoren derzeit warten: dass die englische Vorwahl auf dem Handy aufleuchtet: «Wenn man ausserhalb von England mit Clubs spricht, hört man: Wir müssen noch ein bisschen warten, es könnte ja die 0044 anrufen.» Was dann passiert, hat er selbst erlebt. Rund 55 Millionen Franken soll Manchester City für Leroy Sané aufgeworfen haben. Für einen 20-Jährigen mit 47 Einsätzen in der Bundesliga.

Deutschland ist ein hochpreisiger ­Zwischenmarkt geworden, auf dem die Premier League für horrende Summen einkauft. Heidel selbst hat die Ablöse für Sané unter anderem dazu genutzt, um Breel Embolo nach Gelsenkirchen zu ­holen. Gegen 25 Millionen Franken sollen für den Schweizer Nationalstürmer an den FC Basel fliessen. Mit der Hoffnung im Hinterkopf, dass auch wegen Embolo dereinst die Nummer für den Jackpot auf dem Display aufleuchtet: 0044.

Ostprojekt
Angst vor Neureichen

In der Bundesliga gilt, dass die Clubs an ihrer AG die Mehrheit halten müssen. Trotzdem gibt es immer mehr Teams, die von einzelnen Firmen oder Personen beherrscht werden: Wolfsburg (VW), Leverkusen (Bayer), Hoffenheim (Dietmar Hopp); dazu ist Audi bei Ingolstadt beteiligt. Jetzt also RB Leipzig, ein Projekt vom Reissbrett, 2009 in Liga 5 gestartet. Offiziell steht RB für RasenBallsport, was schön erfunden ist, weil alle wissen, dass dahinter Red Bull steckt, ­Erfinder klebriger Dosengetränke. Angst und Abscheu vor den Neureichen sind im restlichen Land gross, die Anfeindungen heftig: Im Pokal warfen Dresdner Fans einen echten Bullenkopf (ohne Stier). Vergessen geht dabei: Seit 2009 war Ostdeutschland in der Bundesliga nicht mehr vertreten. Und ohne Dosenkicker hätte sich daran auch kaum etwas geändert.

SC Freiburg
Streich ist zurück

Der Abstieg war bitter, und zu sehen, wie die Spieler reihenweise gingen, genauso. Aber Trainer Christian Streich blieb und stellte sich der Verantwortung. Der 51-Jährige baute den SC Freiburg zwangsläufig um. Schaffte souverän als Erster der 2. Liga die Rückkehr in die Bundesliga. Und bewies, was beim SC schon lange gilt: Rauf geht es immer wieder. 2001/02: 1. Bundesliga. 02/03: 2. Bundesliga. 03/04: 1. Liga. 05/06: 2. Liga. 09/10: 1. Liga. 15/16: 2. Liga. 16/17: 1. Liga.

Zurück ist also das Gegenstück von RB Leipzig, zurück ist Streich. Er kann so herrlich emotional an der Seitenlinie sein oder aus Pressekonferenzen besuchenswerte Anlässe machen – wenn er Themen in aller Knappheit abhandelt wie die neuen Medien («gut, Arbeitsplätze», Ende der Durchsage). Oder wenn er ohne Scheu politisch Stellung bezieht und fordert, junge Flüchtlinge in Deutschland arbeiten zu lassen: «Wenn man mich mit 30 Jahren nicht hätte arbeiten lassen und mich eingesperrt hätte in ein Haus und ich mit ganz vielen anderen Menschen zusammengewohnt hätte, und ich hätte über Jahre nicht arbeiten dürfen, dann wüsste ich nicht, was ich getan hätte.»

Und Streich nimmt sich nicht zu wichtig. «Wer bin ich, dass ich sagen könnte: Ich muss vor 50'000 bis 80'000 Leuten an der Seitenlinie stehen. Erstens kommen sie nicht meinetwegen. Und zweitens geht es mir ums Spiel an sich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2016, 15:26 Uhr

Artikel zum Thema

«Ribéry ist eine tickende Zeitbombe»

Ab Freitag rollt in der Bundesliga der Ball wieder. Bayerns französischer Stürmerstar hat sich im Vorfeld gar keinen Gefallen getan. Was alles vorgefallen ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Rente oder Kapital? Eine komplexe Entscheidung

Zum Runden Leder Treffender Ersthelfer

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...