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Paolo Tramezzani, der Strassenbauer

Der neue Sion-Trainer fordert von den Spielern Flexibilität – und wünscht sich, dass er in einem Jahr stolz auf seine Arbeit im Wallis sein kann.

Er kam aus dem Tessin: Der ehemalige Lugano-Trainer Paolo Tramezzani hat mit dem FC Sion viel vor.
Er kam aus dem Tessin: Der ehemalige Lugano-Trainer Paolo Tramezzani hat mit dem FC Sion viel vor.
Cyril Zingaro, Keystone

Der Chef hat eine Schwäche für alles Italienische. Er fährt lieber Ferrari als Porsche, zieht Pasta der Bratwurst vor, die Mode aus dem südlichen Nachbarland hält er sowieso für unübertrefflich. Wenn es um Fussball geht, zieht es ihn deutlich stärker zu ­Juventus oder den Mailänder Clubs als zu Dortmund oder Bayern. Und darum hat Christian Constantin nun wieder einmal ein gutes Gefühl, wenn es um seinen FC Sion geht – weil er einen italienischen Trainer verpflichtet hat, der ihm Eindruck macht.

«Paolo ist fleissig, und er ist fähig, das, was er denkt, den Spielern zu vermitteln», sagt der Präsident. Und: «Er gibt den Ersatz­leuten das Gefühl, dass sie genauso wichtig sind wie jene, die gerade spielen. Oder sogar noch wichtiger. Damit fördert er ein gutes Klima im Kader.»

Nun ist es ja nicht so, dass Constantin zum ersten Mal einen leitenden Angestellten mit netten Worten empfängt. Aber in diesem Fall hat er sich ein ziemlich teures Paket geleistet: einen Trainer, dem er einen Zweijahresvertrag gibt und dazu die Freiheit lässt, zwei Assistenten und einen Videoanalysten mitzubringen. Das drückt Hoffnung aus. Bloss: Warum eigentlich soll alles anders, besser werden, Christian Constantin? «Es gibt viele Trainer, die fleissig sind, die es aber nicht schaffen, ihre Ideen den Spielern zu erklären. Paolo kann das. Er bringt alles mit, um ein ­bedeutender Trainer zu werden.»

Bergkamp, der Künstler – und daneben Tramezzani, der Arbeiter

Martigny, Porte d’Octodure, Zentrale des FC Sion. Pünktlich biegt Tramezzani um die Ecke, gesund die Gesichtsfarbe, er trägt Shorts und bringt die gute Laune mit. Zu beanstanden hat er nichts, «ich bin wunschlos glücklich», sagt der bald 47-Jährige, als er sich an die Sonne setzt. Nur ein halbes Jahr hat er gebraucht, um das Interesse an seiner Person zu steigern, ein halbes Jahr, in dem er den FC Lugano auf den 3. Platz und in die Europa League geführt hat.

Der Norditaliener aus der Emilia-Romagna hat viele seiner Prinzipien, die er heute als Trainer anwendet, als Spieler gelernt. Er war zwar begabt genug, um es in die Serie A und kurz auch in die Premier League (unter Christian Gross bei Tottenham) zu schaffen, um sich insgesamt 20 Jahre als Profi im Geschäft zu halten. «Aber ein Meister war ich nie», sagt er. Dennis Bergkamp, ein Teamkollege bei Inter, entzückte die Massen mit Kunst am Ball; Tramezzani hingegen stand für solides Handwerk auf der linken Abwehrseite: «Ich musste jeden Tag mehr Aufwand betreiben als die andern.»

Das Ende seiner Karriere zögerte er hinaus, weil er sich keinen schöneren Beruf vorstellen konnte. Erst mit 38 machte er Schluss und fing mit der ­Trainerausbildung an. Und Ausbildung hiess nicht nur, Kurse zu besuchen und Diplome zu sammeln. Nein, Tramezzani wollte sehen, wie in Deutschland und England, in Holland, Kroatien oder Slowenien gespielt und trainiert wird.

Er reiste nach Australien und Brasilien, auch nach Kanada. «Ich glaubte, fast alles zu wissen. Und merkte: Es gibt überall Neues, das mich inspirieren kann.» Ihm war es ein Bedürfnis, alles so ­intensiv wie möglich aufzusaugen, ­taktische Finessen, Trainingsmethoden, ­Organisatorisches, und das auf Profistufe wie im Nachwuchsbereich.

Trapattoni, Lippi, Ventura – das Trio, das Tramezzani inspiriert hat

Seine profunden Kenntnisse verbunden mit seiner rhetorischen Gabe verhalfen ihm zu einem Expertenjob bei RAI: Während neun Jahren trat er ­regelmässig in der Sendung «Domenica Sportiva» neben Schwergewichten wie Zdenek Zeman oder Giovanni ­Trapattoni auf. Einer seiner Grund­sätze: «Auf dem Fussballplatz ist es wie im richtigen Leben: Du musst in jeder noch so heiklen Situation eine Lösung finden.» Also: «Wenn plötzlich die Strasse aufhört, musst du fähig sein, dir den weiteren Weg zu bahnen. Wer diese ­Flexibilität nicht aufbringt, hat keine Chance.» Die italienischen Grössen Trapattoni, Marcello Lippi und der aktuelle Nationalcoach Gian Piero Ventura lehrten ihn, was den guten vom gewöhnlichen Trainer unterscheidet: «Der Gute bringt es fertig, allein mit taktischen Massnahmen ein Spiel erfolgreich zu beeinflussen.»

Tramezzani hat von 2011 bis 2016 als Assistent von Gianni De Biasi in der albanischen Nationalmannschaft seinen Beitrag zum Höhenflug geleistet. Er hat in Lugano sechs erfolgreiche ­Monate erlebt. Und nun soll er in Sitten Ideenlieferant sein – und eben auch Strassenbauer, wenn es nicht weitergeht. Bei all seinem Tun bemüht er sich um Volksnähe.

In Lugano besuchte er mit seinem Team einmal an einem frühen Morgen eine Fabrik, um aufzuzeigen, wie die Leute für ihren Lohn schuften müssen – und wie er und die Fussballer «einen Job mit enorm vielen ­Privilegien» haben: «Ich lebte früher auch unter dieser Glasglocke. Ich genoss es, fotografiert zu werden und Autogramme zu geben, und ja, ich verdiente gut. Wer all das hat, denkt irgendwann: Das ist normal. Aber das ist es nicht. Neben dieser künstlichen Welt existiert immer noch eine reale, zu der wir den Bezug nie verlieren sollten.»

Luganos Präsident Renzetti will kein Geld

Der Neue ist auch jemand, der behauptet, Geld sei nicht der Antrieb gewesen. Deshalb habe er sich für Sion und gegen Offerten aus China, Kasachstan oder Dubai entschieden. «In zwei Minuten waren wir uns einig», versichert Tramezzani. Dabei hätte er in Lugano noch einen Vertrag gehabt. Dazu sagt er: «Ich habe meine Gründe, warum ich wegwollte.» Gesprächiger ist da Angelo ­Renzetti. Der Präsident des FC Lugano behauptet: «Paolo verdient bei Sion das Doppelte, das ist der Punkt.»

Und wie ist es mit der Ablösesumme aus dem Wallis? «Ich bin zufrieden, dass er gegangen ist, weil er nicht den Mut hatte, mir von Sions Angebot etwas zu sagen. Paolo ist ein guter Trainer, aber was die Persönlichkeit angeht, habe ich meine Zweifel.» Dann fragt er: «Was passiert, wenn er zweimal in Folge verliert?»

Tramezzani mag darauf nicht kontern. Dafür beantwortet er die Frage: Was möchten Sie in einem Jahr rückblickend sagen können? «Dass ich stolz auf meine Arbeit beim FC Sion bin.»

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