Ohne Führerschein auf der Überholspur

Vor exakt drei Monaten ist der Stern von Jordan Lotomba mit seinem umjubelten Treffer gegen Dynamo Kiew aufgegangen. In der Zwischenzeit ist YB zum Spitzenteam gereift.

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(Bild: Keystone Peter Klaunzer)

Er ging als Erster voran und hüpfte, seine Teamkollegen rannten ihm nach und hüpften, die Leute auf den Rängen, sie hüpften, kurzum: Es war eine einzige grosse gelb-schwarze Hüpfburg am Abend jenes 2. August. Jordan Lotomba hatte gerade sein erstes Tor für die Young Boys erzielt, fünf Minuten nach seiner Einwechslung. Nicht irgendeines, sondern das entscheidende 2:0 gegen Dynamo Kiew, dank dem die Berner im Playoff um die Champions League spielen durften. «Eine grossartige Erinnerung – das waren meine ersten Minuten im Stade de Suisse», sagt ein lächelnder Lotomba heute. Drei Monate später ruft er sich die Szene gerne wieder in Erinnerung.

Die Sterne der Königsklasse hat YB dann bekanntlich verpasst. Doch der Stern von Jordan Lotomba ging an diesem Abend auf – und seither nicht mehr unter. Seit sechs Wochen ist der Romand 19 Jahre alt, er ist bei YB noch immer der Jüngste in der Startaufstellung. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, weist der junge Mann doch mit «Baujahr» 1998 einen nach wie vor ungewöhnlichen Jahrgang im Schweizer Fussball vor. Doch den Status des Kükens, das sich alles erst einmal behutsam anschauen darf, den hat er bei den Young Boys schnell abgelegt – auch weil starke Leistungen verpflichten.

Der Aufstieg bleibt erstaunlich

Denn seit seinem grossen Auftritt damals gegen Kiew zählt der Schweizer mit Wurzeln im Kongo und in Angola zum Stammpersonal von Trainer Adi Hütter. In der Liga hat er nur ein Spiel verpasst, beim Startsieg gegen Basel kam er noch nicht zum Einsatz. Seither aber ist er einer der Dauerbrenner des Teams und hat die letzten sechs Meisterschaftsspiele allesamt durchgespielt. «Damit durfte ich nicht rechnen», sagt Lotomba, «ich war auf Geduld eingestellt, das hatte ich auch mit meinen Leuten besprochen.»

Mit seinen Leuten meint er vor allem YB-Ausbildungschef Gérard Castella, seinen Mentor und Förderer. «Lotomba ist mit seiner Klasse und vor allem seiner Einstellung ein Glücksfall für YB», schwärmt der Genfer von ihm. Die beiden kennen sich seit drei Jahren, haben schon in der U-19-Nationalmannschaft zusammengearbeitet. Als Castella dann im Sommer bei YB anheuerte, half er mit, Lotomba nachzuholen. Der Aufstieg des Youngsters ist zwar mustergültig herbeigeführt, er bleibt dennoch erstaunlich. Gekommen ist er aus Lausanne, als bereits Super-League-erprobter Rechtsverteidiger, eingeschlagen hat er bei YB aber auf der anderen Seite. Auch weil sich Loris Benito zwischenzeitlich verletzte, vor allem aber, weil Lotomba ideale Attribute für die Position des Aussenverteidigers mit ins Spiel der Young Boys bringt. Für einen Fussballer seines Alters agiert er zum einen erstaunlich abgeklärt. Zum andern weiss er seinen 1,77 Meter grossen Körper optimal einzusetzen. Und schliesslich hat Lotomba, ähnlich seinem Pendant Mbabu auf der rechten Seite, den für Aussenspieler unverzichtbaren Punch, die Kraft im Spiel nach vorne. «Vitesse», Geschwindigkeit, ist das Wort, das Lotomba am meisten benutzt, wenn er versucht, sein Spiel selber zu beschreiben.

Und so ist heute, wenn YB in der Europa League zum vierten Mal diese Saison auf Dynamo Kiew trifft, für Jordan Lotomba nicht mehr alles, sondern nur noch einiges neu. Noch immer lernt er dazu, «im Deutschunterricht eher peu à peu», sagt er lachend, auf dem Weg zum Führerschein dann schon schneller. Mit all den Spielen unter der Woche und den Reisen im Europacup ist es für ihn zurzeit schwierig, die angestrebte wöchentliche Fahrstunde zu besuchen. Lotomba ist beim gleichen Fahrlehrer, der auch schon Denis Zakaria, Roman Bürki und Seydou Doumbia unterrichtet hat. Langsam, aber sicher möchte sich Lotomba für die Prüfung anmelden, «aber ich brauche noch ein paar Lektionen», erklärt er selbstkritisch. Wirklich angewiesen aufs Auto ist er sowieso nicht: Der Waadtländer wohnt im Breitenrain und kommt meist zu Fuss ins Training, «ab und zu mal bin ich zu faul, dann nehme ich das Tram». Ein Velo hat er sich noch nicht angeschafft, «jetzt kommt erst mal die Fahrprüfung», sagt er und lacht. Immerhin: Die Theorieprüfung hat er bereits in der Tasche. Und die Überholspur kennt er ja vom Fussballplatz.

Der Bund

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