Null Tore bringen ganz viel Freude

Der FC Sion sucht und findet gegen den FC Liverpool ein 0:0 und überwintert erstmals seit 1987 europäisch.

Didier Tholot lernt das Fliegen: In der Liga wirkt Sion manchmal etwas lustlos. Aber in der Europa League beweist das Team Leidenschaft.

Didier Tholot lernt das Fliegen: In der Liga wirkt Sion manchmal etwas lustlos. Aber in der Europa League beweist das Team Leidenschaft. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Unten warfen die Spieler des FC Sion ­ihren Trainer Didier Tholot hoch in die Luft. Oben auf der Tribüne reckte Präsident Christian Constantin den Daumen in die Höhe, ehe er sich zur Mannschaft zum Jubelsitzen auf dem Rasen vor der Fankurve gesellte. Und 10 000 Zuschauer im ausverkauften Tourbillon machten rundum so viel Lärm, dass klar war: Es muss so etwas wie ein Cup-Abend sein, der sich da dem Ende zuneigt.

In der Liga, da stottert der Walliser Motor ab und an. Fast wirkt es, als ob es dem Team zu mühselig sei, seiner Arbeit jedes Wochenende mit voller Konzentration nachzugehen. Aber wenn es um die speziellen Spiele geht, um Wettbewerbe, in denen eine Partie allein über Wohl und Wehe entscheiden kann, dann ist auf den FC Sion meist Verlass.

Genau so eine Partie war es, die ­gestern im Wallis ausgetragen wurde. Einen Punkt brauchten die Sittener gegen den FC Liverpool, um die Gruppenphase der Europa League aus eigener Kraft zu überstehen. Und sie verfolgten dieses Ziel mit einer bemerkenswerten Leidenschaft und Ernsthaftigkeit.

«Natürlich eine Sensation»

Der Lohn für den Aufwand: Der Einzug in die Sechzehntelfinals, 500 000 Euro an Prämien und die Aussicht, am Montag einen Gegner wie Manchester United, den FC Porto oder Bayer Leverkusen zugelost zu erhalten. Erstmals seit 1987 ist Sion auch nach der Winterpause noch in einem europäischen Wettbewerb vertreten. Wobei der Weg damals etwas kürzer war. Nach Siegen gegen Aberdeen und Katowice stand Sion schon im Viertelfinal des Cups der Cupsieger, wo Leipzig Endstation war.

Da scheint die Aufgabe, die Sion 2015 zu lösen hatte, um einiges kniffliger. Verteidiger Reto Ziegler war sich nach dem Schlusspfiff mit Blick auf die Gegner ­Liverpool, Bordeaux und Kasan gar ­sicher: «Natürlich ist es eine Sensation, dass wir weiterkommen. Damit hat bei dieser Gruppe niemand gerechnet.» Und Tholot befand: «Es ist aussergewöhnlich, dass dieses Abenteuer weiter geht.»

Klopp wechselt einmal durch

Weil Rubin Kasan im zweiten Spiel in Bordeaux nicht gewinnen konnte, hätte Sion auch verlieren dürfen. Doch die Sittener verdienten sich dieses 0:0, das sie von Anfang an mit einer tief stehenden, auf Konter spekulierenden Aufstellung gesucht hatten. Sie profitierten dabei auch davon, dass die Partie für Liverpool nicht höchste Priorität genoss. Jürgen Klopp stellte seine Mannschaft im Vergleich zum letzten Ligaspiel auf sechs Positionen um, auf ein Training im Tourbillon hatten die Engländer verzichtet.

Irgendwann nach einer Stunde des Spiels dann sahen die dringlichsten Aufgaben der beiden Teams so aus: Die Liverpooler versuchten, sich auf dem teilweise gefrorenen Rasen möglichst nicht zu verletzen. Und die ­Sittener waren darauf bedacht, die eigene Fehlerquote so tief als möglich zu halten.

Das war nicht sonderlich aufregend anzuschauen. Einmal ­rettete Sions Goalie Andris Vanins vor ­Divock Origi. Sion selber erspielte sich nicht eine Torchance. Aber um Spektakel ging es an diesem Abend auch nicht. Sondern darum, mit solidarischem Spiel ein hohes Ziel zu erreichen. Das gelang Sion. Und Ziegler meinte: «Wir sind zuletzt kritisiert worden. Heute aber haben wir gezeigt, was für ein Team wir wirklich sind.»

Diesen Beweis können sie in diesem Jahr noch einmal antreten. Gut für sie: Es ist ein Cupspiel, das am Sonntag auf dem Programm steht: die Neuauflage des Finals 2015 gegen den FC Basel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2015, 23:02 Uhr

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