Zum Hauptinhalt springen

«Noch halte ich den Stift fest in der Hand»

Er schiesst Tor um Tor, erlebt im Herbst seiner Karriere seinen x-ten Frühling, und mit YB steht er vor seinem zweiten Meistertitel. Ein Gespräch mit Guillaume Hoarau über Heimat, das Karriereende und das Älterwerden.

Der Entertainer: Guillaume Hoarau ist der Top-Torjäger der Super League – und ein begnadeter Unterhalter neben dem Feld.
Der Entertainer: Guillaume Hoarau ist der Top-Torjäger der Super League – und ein begnadeter Unterhalter neben dem Feld.
Raphael Moser

Nach Ihrer Ankunft bei YB 2014 bekam man von Ihnen den Eindruck des Weltbürgers, des Reiselustigen. Jetzt stehen Sie vor Ihrer sechsten Saison in der Schweiz. Ist Guillaume Hoarau sesshaft geworden?

Ich bin sicher ruhiger geworden, das bringt das Alter (lacht). Aber ich war doch auch vier Jahre in Le Havre und noch einmal so lange in Paris. Okay, China war ein kurzes Abenteuer.

Und hier haben Sie nun etwas gefunden, das Sie vorher nicht hatten?

Der Reisende erlebt viel, er nimmt alles auf, trifft Leute. Aber es gibt Phasen im Leben, in denen man nicht viel unterwegs zu sein braucht und trotzdem interessante Leute aus aller Welt trifft. So geht es mir gerade in der Schweiz. Hier kommt alles zusammen: Erfolg im Beruf, meine Lust am Leben, Freunde, Familie. Bern ist ein Ort, der mir guttut.

Haben Sie sich denn verändert, seit Sie da sind?

Ich weiss heute, was ich will im Leben, ich weiss, was von mir erwartet wird und wie ich damit umgehen muss. YB und die Stadt haben mich vom ersten Tag an gut aufgenommen. Deswegen bin ich so glücklich, den Leuten hier etwas zurückgeben zu können.

Ihr Vertrag läuft bis 2020. Noch mindestens eine Saison, 30 bis 40 Spiele, noch einmal die Knochen hinhalten. Ist es immer nur der Spass am Spiel, der Sie im Fussball antreibt?

Ich stehe jeden Morgen auf, lege Musik auf, singe und komme mit Freude zum Training oder ans Spiel. Und wenn der Tag kommt, an dem ich nicht mehr singen mag, weiss ich, dass es vorüber ist. Ich werde mich zu nichts zwingen.

Die Herausforderung für den alternden Fussballer ist doch, dass er nur so gut sein kann, wie sein Körper es noch zulässt.

Ich bin spät Profi geworden, mit 22 erst durchgestartet. Kylian Mbappé ist mit 19 Weltmeister geworden, keiner fragt ihn, ob er dafür nicht zu jung sei. Im Fussball hat sich die Bedeutung des Alters enorm nach unten verschoben, den Jungen gehört nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart. Alles fängt früher an, die Jungen tragen viel mehr Verantwortung.

Das klingt, als hätten die Alten keinen Platz mehr.

Doch, jemand muss doch den Jungen auch zeigen, wie es geht (lacht). Aber eben, sobald ich für YB keine Verstärkung mehr bin, muss ich aufhören. Da muss man brutal ehrlich sein zueinander.

Wie empfinden Sie das Älterwerden?

Das kann einem schon Angst machen (schmunzelt). Du merkst es weniger an dir, sondern an den Menschen um dich herum, die ja auch älter werden, meine Eltern, mein Sohn. Es machte «paff!», und plötzlich war er 10! Es gibt schon Momente, in denen ich 35 als ziemlich alt empfinde (schmunzelt). Aber das ist ja nur, weil ich als Sportler mit so jungen Leuten arbeite.

«Jede Saison, die ich jetzt noch anhänge, ist auch eine Art Dank an dieses Spiel.»

Fussball ist ein Erfolgsgeschäft, es geht um Titel, um Auszeichnungen. Sie beschreiben das alles sehr locker, so unverkrampft.

Ich sehe einfach, was ich durch den Fussball alles erleben durfte, wo ich überall hingekommen bin. Das ist ein Privileg. Und jede Saison, die ich jetzt noch anhänge, ist auch eine Art Dank an dieses Spiel. Man muss es respektieren – und geniessen, auch wenn es längst zum grossen Geschäft geworden ist.

Aber Ihr nächster Vertrag wird kein Dreijahresvertrag sein?

Schwer zu sagen (schmunzelt). Wir warten ab. Ich habe mit YB Geschichte geschrieben und möchte das weiter tun. Noch habe ich den Stift fest in der Hand (zwinkert).

Ist der Titel des Torschützenkönigs Ihr letztes grosses Ziel?

Das kommt an zweiter Stelle, hinter dem Wohl der Mannschaft. Aber ich bin gut drauf, die Chance ist da. Und es wäre schon eine grosse Befriedigung, nachdem ich das nun einige Male verpasst habe.

Welche Saison ist eigentlich verrückter – die aktuelle oder die vergangene?

Schwer zu sagen. Aktuell profitieren wir einfach von allem, was wir letzte Saison erreicht haben. Wir haben über diese Monate hinweg ständig mehr Vertrauen in uns gewonnen und uns verbessert. Spieler wie Kevin Mbabu oder Djibril Sow haben eine enorme Entwicklung durchgemacht. Es schien uns ja zuletzt von aussen vieles sehr leicht zu fallen. Aber das ist alles Teil dieser Entwicklung. Ohne vordere Saison kein aktueller Höhenflug.

Und – wenn es dann auch diese Saison so weit ist – welcher Titel war schwieriger?

Grosse Teams erzählen alle vom gleichen: Nach oben kommen ist schwierig, oben bleiben noch viel schwieriger. Auch wenn es anders wirkt: Der Erfolg in dieser Saison war enorm harte Arbeit.

Im Sommer steht ein Umbruch an, Captain Steve von Bergen tritt zurück, die Jungen wechseln, neue werden kommen. Sie als Routinier werden noch mehr gefordert sein.

Ein Haus braucht ein solides Fundament. Aber im Fussball musst du ständig umbauen. Das fordert auch uns heraus. Doch weil die Spieler heute so früh gefördert werden, haben sie im jungen Alter oft auch schon viel Erfahrung. Eine Mannschaft ist wie eine Familie: Es braucht die Eltern – und diese Rolle nehme ich gern an (schmunzelt).

Als Sie nach Bern kamen, im Sommer 2014, hätten Sie da gedacht, dass Sie mit YB noch einmal Champions League spielen?

Ja! Als ich die Liga in der Schweiz genauer betrachtete und feststellte, dass zwei Clubs die Chance darauf bekommen, dachte ich mir: Das packen wir! Sowieso war die Champions League für mich auch eine Art Versöhnung.

Warum?

Es gab auch Interesse aus Lyon, damals eine fixe Grösse in der Königsklasse. Aber ich entschied mich für die Schweiz.

«Als ich mich für die Schweiz entschied, musste ich den Leuten in Frankreich ständig etwas beweisen.»

Bereuen Sie manchmal, es nicht noch einmal in der Ligue 1 versucht zu haben?

Fussball ist ein Abenteuer, eine lange Reise. Und als ich von diesem Abenteuer China zurück war, hatte ich zunächst einmal das Verlangen nach Ruhe, nach Stabilität. Als ich mich dann für die Schweiz entschied, musste ich den Leuten in Frankreich ständig etwas beweisen.

Und zwar?

Dass ich nicht hier bin, um die Ruhe zu geniessen, sondern dass ich auch Erfolg haben will.

Und welchen Ruf geniessen Sie heute in Frankreich?

Das weiss ich nicht. Aber mich freut, dass sich die Leute dort noch immer für mich interessieren. Ich bin regelmässig zu Gast im Fernsehen, nach dem Sieg über Juventus in der Champions League erhielt ich viele Gratulationen aus der Heimat. Das zeigt mir: Der Beweis ist erbracht.

Jetzt spielen Sie erst einmal weiter Fussball. Und dann?

Ich lande dort, wo der Wind mich hinträgt (lächelt). Im Moment geht es mir sehr gut hier. Aber ich habe auch eine Familie und Freunde, die mein Leben mitbestimmen.

Sind Sie der Trainertyp, der später einmal junge Fussballer besser machen will?

Kommt darauf an. Im Moment wäre ich dafür nicht bereit. Ich denke, ich werde Zeit brauchen, auch für mich selbst. Als Fussballer kann man nicht immer machen, was man will. Das werde ich nach meiner Karriere erst einmal tun.

Die wenigsten Fussballer können es sich finanziell leisten, nach der Karriere den Ruhestand anzutreten.

Ich auch nicht, niemals. Und ich werde mir auf jeden Fall eine Aufgabe suchen. Ich habe Respekt vor dem Karriereende.

Warum?

Es gibt viele Spieler, die nach ihrer Karriere in eine Depression verfallen. Plötzlich ist die Aufmerksamkeit weg, der Druck. Und trotzdem musst du in Bewegung bleiben. Aber dafür sorgt bei mir schon allein die Musik, meine zweite Leidenschaft.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch