Nach der HSV-Odyssee die grosse Leere

Sékou Sanogo stand kurz an der Schwelle zur Bundesliga. Nach der ungewollten Rückkehr zu YB hat der Trainer kaum mehr Verwendung für ihn.

So dynamisch möchte er wieder auftreten: Sékou Sanogo im Mittelfeld von YB.

So dynamisch möchte er wieder auftreten: Sékou Sanogo im Mittelfeld von YB.

(Bild: Keystone)

Ruedi Kunz

Das ansteckende Lachen ist geblieben, auch wenn es Sékou Sanogo schon eine ganze Weile nicht besonders gut geht. Das Wissen, schuldlos zwischen Stuhl und Bank gefallen zu sein, belastet den 26-jährigen Afrikaner. «Das ist bestimmt nicht das, was ich mir gewünscht habe», sagt er. Ein einziges Mal berief ihn Coach Adi Hütter in der Rückrunde in die Start­formation – für die Auswärtspartie in ­Vaduz, in der sich die Young Boys nicht mit Ruhm bekleckerten (1:1). Danach wurde er ohne Begründung auf die Ersatzbank beordert. Die Siegesserie, die YB in den darauffolgenden Wochen hinlegte, war für die Reservisten nicht dienlich.

Die Rolle des Ergänzungsspielers ist für Sanogo eine neue Erfahrung. Bei Thun, bei Lausanne-Sport und im ersten Jahr bei YB hatte der zentrale Mittelfeldspieler zu den Fixstartern gehört – sofern er gesund war. Trainer und Mitspieler rühmten ihn für seine Zweikampfstärke, Willenskraft und Zähigkeit. Von diesen Qualitäten hat er nichts eingebüsst – und doch stehen ihm in dieser Saison plötzlich andere vor der Sonne. An erster Stelle steht Denis Zakaria, das 19-jährige Riesentalent aus Genf; um den zweiten Platz balgen sich Milan Gajic und Leonardo Bertone – mit leichten Vorteilen für den Serben. «Ich muss ­akzeptieren, dass der Trainer auf andere Spieler setzt, zumal ich ja schon fast weg war», sagt Sanogo.

Opfer eines Transfertheaters

Womit wir bei der tragischen Geschichte wären, die Anfang Februar auf dem ­Buckel des unschuldigen Sanogo ausgetragen wurde. Sie geht folgendermassen: YB und der HSV sind sich in den Grundzügen einig, wie der Transfer des Ivorers ablaufen soll. Da die Zeit drängt, fliegt Sanogo subito nach Hamburg, um den medizinischen Check zu machen. Er besteht die Tests problemlos und steht nun an der Schwelle zu seinem grossen Traum, der Bundesliga. Doch dann wird ihm unvermittelt die Türe vor der Nase zugeknallt. YB und der HSV haben sich in Details verloren, als es darum ging, das Paket endgültig zu schnüren.

Die gegenseitigen Schuldzuweisungen sind kein Ruhmesblatt und tragen wenig zur Klärung des Sachverhalts bei. Der grosse Leidtragende ist Sanogo, der wohl oder übel an den alten Arbeitsplatz zurückkehren muss. Sportchef Fredy Bickel versucht ihm das Vorgefallene plausibel zu machen. Der Spieler hört aufmerksam zu und macht sich seine Gedanken. Öffentlich preisgeben will er sie aus verständlichen Gründen nicht. Polemik oder Kritik an seinem Arbeitgeber würden ihn unweigerlich ins Abseits drängen. Ein bisschen Fatalismus schwingt mit, wenn er sagt: «Ich muss akzeptieren, was passiert ist, auch wenn es unschön ist.»

Seuchensaison

Es ist fürwahr nicht die Saison des Sékou Sanogo. Noch bevor die Meisterschaft angepfiffen wurde, verletzte er sich an den Adduktoren. Da die Ärzte Entwarnung gaben und Belastungstests positiv ausfielen, meldete er sich bei erster ­Gelegenheit zum Mannschaftstraining zurück. Die Eile hatte auch damit zu tun, dass der erste Saisonhöhepunkt, das Heimspiel in der Champions-League-Qualifikation gegen Monaco, bevorstand. «In dieser Vitrine wollte ich mich unbedingt zeigen», erinnert sich Sanogo. Es war kein weiser Entscheid, die Warnsignale des angeschlagenen Körpers zu ignorieren. Noch bevor die erste Halbzeit vorüber war, zog sich der ­Spieler im Adduktorenbereich einen Muskelteilriss zu, der ihn mehrere ­Wochen vom Fussballplatz verbannte.

Als er wieder fit war, hatte er es mit einem neuen Chef zu tun. Sein Pech war, dass Hütter auf Zakaria und Bertone setzte, mit denen er in den ersten Arbeitswochen gute Erfahrungen gemacht hatte. Dennoch gelang es dem Ivorer, sich gegen Ende der Vorrunde in die Startelf zurückzukämpfen. Lange konnte er nicht von dem Bonus zehren. Vor der Winterpause liess Sanogos ­Berater YB wissen, deutsche Vereine interessierten sich für seinen Klienten. In der Vorbereitung auf die Rückrunde hatte Hütter gedanklich bereits umdisponiert, weil er davon ausging, den kräftigen ­Mittelfeldspieler bald zu verlieren.

Fredy Bickel hat Verständnis für ­Sanogos Frust: «In seinem Fall ist in den letzten Monaten etwas gar viel unglücklich gelaufen.» Nach dem missglückten Transfer habe dieser «quasi nochmals bei null beginnen müssen». Sollten die Perspektiven nicht besser werden in den nächsten Wochen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass der Unglücksrabe im ­Sommer den Wechsel vollzieht, den er bereits im Winter machen wollte.

Der Bund

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