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Morddrohungen vor Gericht - oder doch Juckreiz?

Perus ehemaliger Verbandschef Manuel Burga soll beim Fifa-Prozess in New York per Geste Alejandro Burzaco, der ihn wegen Schmiergeldzahlungen belastet, mit dem Tod gedroht haben.

Manuel Burga (li.): Hat öfter mal die Hand am Hals
Manuel Burga (li.): Hat öfter mal die Hand am Hals
Reuters

Eigentlich ist es bedauerlich, dass beim New Yorker Fifagate-Prozess keine Kameras zugelassen sind. Die Abläufe dort nähern sich rasant dem Kriminalfilm-Genre an, das man sonst ja nur im Fernsehsessel erlebt – im Fifa-Verfahren aber setzt die Realität den gruseligen Akzent. Die jüngste Folge der Mafia-Saga des Weltfussballs dreht sich um Todesandrohungen gegen einen Zeugen der Anklage, die letzte trug sich offenbar am Mittwoch im Gerichtssaal von Brooklyn zu. Richterin Pamela Chen lässt nun die Bilder der hausinternen Saalkameras nach einer international gebräuchlichen Geste absuchen. Eine schnell über die Kehle schneidende Hand - bedeutet: Du bist ein toter Mann.

Im Fokus dieser Vorgänge stehen der Angeklagte Manuel Burga aus Peru sowie der Rechtehändler Alejandro Burzaco. Der Argentinier hat eingeräumt, über seine Firma Torneos y Competencias mehr als ein Jahrzehnt lang Schmiergelder für TV-Rechte an Spitzenfunktionäre im Südamerika-Verband Conmebol gezahlt zu haben. Und er hat sich, wohl im Gegenzug für Straferleichterungen, als Zeuge zur Verfügung gestellt. Denn wer wahrheitsgemäss umfassend und weitreichend aussagt, kann Vergünstigungen aushandeln.

Viele haben sich schon schuldig bekannt

Ein Beben hatte Burzaco, 53, schon am Dienstag verursacht, als er von gekauften Stimmen für die WM 2022 in Katar berichtete, auf der Grundlage eigener Erlebnisse. Ob bei der WM-Vergabe am 2. Dezember 2010 durch den Fifa-Vorstand tatsächlich Voten gekauft wurden - ein langjähriger Verdacht, den Katar strikt bestreitet - ist damit nicht bewiesen. Jedoch liefern detaillierte Schilderungen wie die Burzacos, unter Eid im Schwurgerichtssaal, den Strafbehörden konkrete Handhabe für weitere Ermittlungen.

Alejandro Burzaco hat aber viel mehr berichtet; insbesondere über langjährige, wie Gehaltszahlungen gestaltete Schmiergelder an Südamerikas Fussball-Topfunktionäre. Es geht allein in diesem Prozess um eine dreistellige Millionensumme. Viele haben sich schon schuldig bekannt, drei ehemalige Verbandsbosse aber tun das nicht und sitzen nun in Brooklyn vor Richterin Pamela Chen. Der Peruaner Burga sowie José Maria Marin (Brasilien) und Angel Napout (Paraguay). Sie behaupten, sie hätten nichts Unrechtes getan.

Dieser Eindruck ist nun erschüttert. Burzaco bezeugte einen fürstlichen Geldsegen, den er den drei Angeklagten über die Jahre beschert habe: 4,5 Millionen Dollar für Napout, 2,7 Millionen für Marin, und Sportkamerad Burga sei mit 3,6 Millionen Dollar dabei gewesen. Zudem seien weitere Schmiergelder zugesagt gewesen, deren Auszahlung aber durch all die Festnahmen der Justiz ab Mai 2015 vereitelt worden seien: 9,7 Millionen an Napout, 5,9 an Marin sowie drei Millionen für Burga.

Seit zwei Jahren checkt die US-Bundespolizei FBI Burzacos Aussagen. Erste Resultate liegen vor, etwa zu dessen Vortrag, er habe sich am Rande eines Zürcher Fifa-Meetings im März 2013 mit Managern der Sender Televisa (Mexiko) und O Globo (Brasilien) getroffen, mit ihnen die Vergabe der WM-Rechte 2026/2030 ausgehandelt und dafür auch eine Schmiergeldzahlung an Julio Grondona vereinbart. Der Argentinier, genannt Don Julio, war bis zum Tode 2014 Finanzchef der Fifa und Nummer zwei hinter Sepp Blatter. 15 Millionen Dollar sollen sofort über die Julius-Bär-Bank geflossen sein: Dichtung oder Wahrheit? Im Juni bekannte sich ein Ex-Banker von Julius Bär schuldig, Burzaco geholfen zu haben, Zahlungen an Don Julio zu verschleiern. Die Sender bestreiten die Vorwürfe ebenso wie der US-Medienriese Fox Sports, der von Burzaco ebenfalls beschuldigt wird.

Verteidiger Bruce Udolf mit interessanter These

Burga aber soll es nicht beim Dementieren belassen haben. Am Mittwoch, Tag zwei der Burzaco-Auftritte, erlebten Prozessbeobachter turbulente Szenen. Erst kamen Burzaco im Zeugenstand die Tränen, er verliess zwischenzeitlich den Gerichtssaal. Zuvor hatte er von Todesdrohungen berichtet, die er erhalten habe. Burzaco hatte sich Mitte 2015, angesichts der Justiz- Zugriffe in Südamerika und Europa, nach Italien abgesetzt. Dort habe ihn sein Bruder Eugenio gewarnt, dass ihn Angehörige der Provinzpolizei von Buenos Aires töten wollten. Und Eugenio Burzaco ist nicht irgendwer, sondern Sicherheits-Staatssekretär von Argentinien. Während solcher Aussagen fuhr sich nun Burga nach Beobachtung der Staatsanwälte mit der Hand über die Kehle, wie bereits tags zuvor; dabei habe er Burzaco fixiert. Deshalb beantragten die Ankläger, den auf Kaution gesetzten Burga sofort wieder verhaften zu lassen.

Verteidiger Bruce Udolf hielt interessante Thesen dagegen, etwa die New Yorker Luft: Von der habe Burga Dermatitis und sich nur an der Kehle gekratzt. Und für Burzacos Tränen vermutete er eine weit tragischere Ursache. Der Zeuge hatte ja tags zuvor neben vielen anderen auch den argentinischen Anwalt Jorge Delhon der Schmiergeld-Annahme bezichtigt. Stunden später beging Delhon Selbstmord; im Abschiedsbrief nahm er Bezug auf diese Vorwürfe.

In Sachen Burga lässt Richterin Chen nun die Videoaufzeichnung auswerten, bis dahin wählt sie einen Mittelweg: Sie verordnete dem Peruaner extremen Hausarrest, eine «Wegsperrung» ohne Zugang zu Telefon und Internet. Die Staatsanwälte kündigten ein neues Verfahren gegen Burga an. Wegen Behinderung der Justiz.

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