Mein Vater, das Genie

Seit Kindesbeinen lastet auf Enzo Zidane ein speziell grosser Druck. Die Ruhe bei Lausanne-Sport kommt ihm ganz gelegen.

Einfach nur Enzo sein: Zidanes ältester Sohn Enzo (22) 
im Training  mit seinem neuen Club Lausanne.

Einfach nur Enzo sein: Zidanes ältester Sohn Enzo (22) im Training mit seinem neuen Club Lausanne. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt sie, diese Momente. Man zuckt dann unweigerlich zusammen, auf dem Lausanner Trainingsplatz. Weil diese Anflüge von Grandezza so wenig zur Szenerie passen, weil an diesem Fe­bruarmorgen im Waadtland das einzige Geräusch die schmatzenden Stollen auf dem tiefen Terrain sind. Und weil langgezogene Vokale des Staunens nur in der Erinnerung des Betrachters mitklingen, wenn er diese Bewegungen am Ball sieht und unweigerlich an ihn denkt: Zinédine Zidane.

Den Namen hören sie nicht so gern in Lausanne. Seit Zidanes Sohn Enzo Anfang Jahr als Zugang vorgestellt wurde, kommen viele, um zu fragen: Wie ist es denn so, als Sohn eines Genies? Und: Wie ist er denn so, der Sohn des Genies? Nun, er ist zunächst einmal: unauffällig. In etwa gleich gross wie sein Vater, nicht besonders kräftig, nicht wirklich schmächtig, auf den ersten Blick nicht besonders schnell, nicht wirklich schwerfällig. Und eben, ab und zu sieht man in ihm den Vater. Dieser kurz schleppende, dann schnelle Antritt. Die leicht gebückte Haltung, die lang greifenden Schritte. Die minimalistische Ballbehandlung. Der ­gedankliche Vorsprung. So viel Ähnlichkeit Enzo Zidane mit seinem Vater hat – die Geschichte als Fussballer ist mit der seines Erzeugers nicht zu vergleichen.

Der steinige Weg von klein Yazid

Marseille, 1982. Yazid kickt Bälle gegen eine Wand, stundenlang. Seine Augen leuchten, als sein Vater, ein algerischer Einwanderer, ihn eines Tages in den 12er Renault Kombi packt und mit ihm zu seinem ersten Training fährt. Endlich raus aus dem berühmt-berüchtigten Viertel La Castellane. So steht es in «Le roman d’une victoire», dem ersten Buch über Zidane, der als Kind überall nur Yazid hiess, eigentlich Zinédine, bald nannten sie ihn «Zizou». Mit 22, im heutigen Alter von Enzo, war er einer der Besten bei Bordeaux. Zwei Jahre später ging er zu Juventus Turin. Der Rest ist Fussballgeschichte, und zwar die ganz grossen Kapitel.

In Lausanne ist Pause im Trainingsspiel. Enzo trägt ein rotes Leibchen, er ist einer von zwei Spielmachern in der Übungspartie. Pässe für beide Teams, denken für zwei. Ball annehmen, Ball abspielen, schnell handeln.

Die Nachkommen guter Sportler haben zunächst einmal Vorteile. In der Regel haben sie ­ähnliche physische Merkmale wie ihre Eltern, und mit dem direkten Vorbild und der Verankerung in der Sportwelt ist der Weg fürs Erste ganz gut geebnet. Bereits 2011 unter José Mourinho trainierte Enzo bei den Profis von Real Madrid mit, drei Jahre später rückte er dann unter seinem Vater als Cheftrainer ins Team.

Ähnliche Anlagen, anderer Weg: Papa Zidane (r.) mit Enzo. Bild: Getty Images

Doch als Enzo Zidane die grosse Fussballbühne betritt, ist es mit den Vorteilen bald einmal vorbei. Sein Name wird zur Last. Da ist fortan ein Druck, ein unsichtbares Etikett über ihm, auf dem steht: Weltfussballer. Zidane selber sagte dazu einmal: «Es ist nicht zweimal so schwer für meine Söhne. Sie haben es zehnmal so schwer.»

Hysterie in Clairefontaine

Bis heute hat Enzo kein Spiel für eine A-Nationalmannschaft absolviert, doch auch seine kurzen Erfahrungen in der U-19 Frankreichs gaben ihm eine Vorstellung davon, was es heisst, den ­Namen Zidane in die Welt hinauszutragen. Bei einem Freundschaftsspiel im März 2014 schrieb «Le Monde» von der Operation «Fort Knox». Einer Festung glich das Trainingszentrum in Clairefontaine, jenem Ort, von dem aus 16 Jahre zuvor Zinédine Zidane und seine Mitstreiter ihr WM-Märchen schrieben. Die Medien verfielen in Hysterie, das Testspiel wurde zur Nebensache.

Und so erstaunt es nicht, hat sich Enzo Zidane über die Jahre eine zurückhaltende Art angelegt. Im Training verliert er nicht viele Worte, mit Journalisten reden mag er nicht. Später, beim Jonglierwettbewerb, da blüht er auf, strahlt und macht Faxen. Nach seinem Debüt für Real in einem Pokalspiel Ende 2016 hat er erfahren, was in der Fussballstadt Madrid über einen hereinbrechen kann. Nun muss sich der Club am Léman wie eine Oase der Ruhe anfühlen. In Lausanne, da möchte er mehr denn je einfach Enzo sein.

Und in Lausanne, da ist Enzo vor allem wegen Fabio Celestini. Er und Zidane sind Freunde, seit der einstige Schweizer Nationalspieler bei Getafe gespielt und in Madrid in der Nähe der Zidanes gewohnt hat. Das war vor zwölf Jahren, der Kontakt ist geblieben. Als Enzo nach seinem Wechsel zu Deportivo Alavés den Anschluss nicht findet, kommt man ins Geschäft. Zahlen musste Lausanne einzig eine Abfindung an Alavés, wo der Kontrakt nach nur vier Einsätzen aufgelöst wurde.

Vielleicht denkt er an Niguez

Auch Trainer Celestini mag nicht lange über seinen prominenten Schützling reden. «Er ist ein Zugang wie die anderen auch. Er muss dazulernen wie andere in seinem Alter auch.» Die Millionen des Chemiekonzerns Ineos erlauben Lausanne, grösser zu denken. Ein Transfer wie der von Zidane passt zum neuen Horizont der Waadtländer. Auch wenn Celestini sagt: «Enzo hat vor allem bei Reals Reserven gespielt. Wir bieten ihm mit der Super League eine grosse Chance.»

Vielleicht denkt Enzo jetzt manchmal an Madrid, an Atleticos Saul Niguez, an Reals Marco Asensio, in seinem Alter und schon grosse Figuren. Beim 1:2 in Luzern durfte Enzo in den Schlussminuten ran. Eine sehenswerte Ballannahme, eine Torchance. Es gibt sie, diese ­Momente. (Der Bund)

Erstellt: 09.02.2018, 16:19 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir sind alle schuld, allen voran ich»

Real Madrid hat 16 Punkte Rückstand auf den FC Barcelona. Da verliert Trainer Zinédine Zidane auf einer Pressekonferenz die Fassung. Mehr...

Zidanes Sohn unterschreibt bei Lausanne-Sport

Jetzt ist es offiziell: Enzo Fernández, der Sohn des Weltfussballers Zinédine Zidane, läuft neu für den FC Lausanne-Sport auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Kulturbeutel 34/18

Politblog Arnold Koller und der Zuchtziegenbock

Abo

Jetzt von 20% auf alle Digitalabos profitieren

Mit dem Gutscheincode DIGITAL20 erhalten Sie 20% Rabatt auf alle nicht-rabattierten Digitalabos.
Jetzt einlösen!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...