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Marokko wittert ernsthafte WM-Chancen

Die Fussball-WM 2026 könnte im Juni diesen Jahres an Marokko vergeben werden. Nicht nur Donald Trump nimmt einer Kandidatur der USA mit Mexiko und Kanada den Wind aus den Segeln.

Die Trophäe der Fussball-WM: 2026 könnte sie in Marokko vergeben werden.
Die Trophäe der Fussball-WM: 2026 könnte sie in Marokko vergeben werden.
Getty Images

Die gute Laune in Marokkos Bewerberteam steigt täglich. Würden die 211 Nationalverbände des Fussball-Weltverbandes Fifa heute die WM 2026 vergeben, läge ein Sieg der Nordafrikaner in der Luft. Tatsächlich ist erst am 13. Juni Wahltag – aber dass es der Gegenkandidat und Favorit, das nordamerikanische Bewerberkonsortium USA/Kanada/Mexiko, bis zum entscheidenden Termin in Moskau noch schafft, die Stimmung in der Fussballbranche zu drehen, erscheint zunehmend zweifelhaft. Denn die WM-Vergabe verwandelt sich hinter den Fussballkulissen gerade in etwas ganz anderes: in ein weltpolitisches Referendum.

Auf 48 Teilnehmer stockt die Fifa das Turnier ab 2026 auf; der umstrittene neue Fifa-Boss Gianni Infantino hatte sich mit diesem Versprechen die Voten vieler kleinerer Länder für seine Wahl gesichert. Nur glaubten er und seine Gefolgsleute beim Amtsantritt vor zwei Jahren noch, so ein von 64 auf 80 Spiele aufgeblähtes Jedermann-Turnier würde automatisch mehr TV-Geld erwirken. Da wussten sie noch nicht, dass der frühere Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke bereits heimlich attraktive Teile der WM-Rechte 2026/2030 an vertraute Marketender veräussert hatte. Strafbehörden in der Schweiz und Frankreich ermitteln, sie halten die Deals für korrupt. Aber selbst ohne die interne Panne fragt sich, ob 16 zusätzliche Kicks der Marke Usbekistan vs. Honduras einen Wert darstellen, für den TV-Sender mehr bezahlen.

Der Dreierbund wankt

Die Fifa steht vor Herkules-Aufgaben. Auch deshalb schien das Turnier 2026 unter der Hand schon vergeben zu sein. Sunil Gulati, der Präsident des US-Verbandes USSF, hatte wichtige Wahlhilfe für Infantino geleistet, als dieser 2016 den Fifa-Thron eroberte. Seitdem stand die USA mit den Juniorpartnern Kanada und Mexiko im Ring, der Draht zu Infantino war so gut, dass das Dreigestirn sogar den Versuch unternahm, beim Fifa-Konvent 2017 eine Monopolklausel durchzuboxen: Vor April 2018 sollte gar kein Gegenkandidat erlaubt sein – und auch danach nur, falls der Dreierbund durch eine technische Prüfung fällt. Das steht in einem Papier, das die drei Verbandschefs der Bewerber-Koalition im März 2017 der Fifa geschickt hatten. Das hat die marokkanische Website Le Desk jetzt genüsslich publiziert.

Doch von Herbst 2017 an drehte sich die Sache. Marokko rief seine nun schon fünfte WM-Bewerbung aus, das galt zunächst als folkloristische Fussnote. Aber dann bekamen die Amerikaner Probleme. Die US-Auswahl scheiterte in der WM-Qualifikation für Russland 2018, Gulati räumte den USSF-Thron. Als einfaches Fifa-Ratsmitglied schwand indes sein Einfluss. Am Dienstag wurde er an der Spitze der Dreier-Bewerbung abgelöst; die amtierenden Verbandschefs rücken nach.

Das wäre zu verschmerzen, gäbe es da nicht einen, der in steten Intervallen die Aktien Marokkos antreibt: Donald Trump. Unlängst führte der US-Präsident eine neue Ländergattung für die Dritte Welt ein: «shithole states», Drecksloch-Staaten. Angesprochen fühlten sich neben den 54 Staaten Afrikas, die vergeblich eine Entschuldigung forderten, viele Staaten Asiens, und nicht wenige in Osteuropa, Lateinamerika und der Karibik; namentlich hob Trump Haiti und El Salvador hervor. Letztlich fallen aber auch Länder wie Mexiko darunter, das Trump bekanntlich mit einer Mauer von den USA abgrenzen will. Trotz gemeinsamer WM-Bewerbung.

Die Kontinental-Allianz

Marokko verschaffte all das Getrampel im Weissen Haus nun eine mächtige Kontinental-Allianz. Ahmad Ahmad, der Präsident des Afrika-Verbands Caf, erklärte am Montag bei einem Symposium in Marrakesch: «Afrika unterstützt voller Stolz die Bewerbung Marokkos.» Er bat auch gleich die Caf-Partner in Europa und Asien dazu. Das ist ein Schlag nicht nur für das Amerika-Trio, sondern auch für deren Unterstützer Infantino. Der Fifa-Boss hatte, obwohl er zu strikter Neutralität verpflichtet ist, im Vorjahr kräftig mitgeholfen, Ahmad an die Caf-Spitze zu hieven. Und nun das!

Dieser Afrika-Pakt ist von richtungsweisender Bedeutung. Am 13. Juni stimmt ja erstmals der gesamte Fifa-Kongress über den WM-Gastgeber ab: also nicht nur der Vorstand, wie bisher, sondern alle Verbände. Vom Niger über Kongo, Haiti und Bhutan, bis zur Mongolei. Die Frage ist, ob dann nur über eine WM abgestimmt wird, oder auch über Trumps Weltpolitik.

Zugleich treiben Trumps Exzesse tiefe Risse ins eigene Konsortium. Im Zuge seiner Welthandels-Vendetta um Stahl und Aluminium bedroht Trump auch Kanada und Mexiko. Strafzölle träfen Kanada besonders hart, das Land ist der grösste Exporteur von Stahl und Aluminium in die USA und nannte die Attacke bereits «inakzeptabel». Mexiko denkt über Gegenmassnahmen nach; es soll ja überdies Milliarden für Trumps Mauer rausrücken. Inmitten solcher Verwerfungen wirken die frömmelnden Statements des Bewerber-Trios wie Aprilscherze: «Wir wollen zeigen, dass uns Fussball in schwierigen Zeiten an gemeinsame Werte und Ideale – Menschlichkeit, Freundschaft, Respekt – erinnert, die uns als Mitmenschen vereinen!»

US-Dominanz passt Mexiko nicht

Im Bewerber-Dreigestirn herrscht Aufruhr, offenbar wird sogar über die Gesamtkonstruktion nachgedacht. Zu deutlich ist Kanadiern und Mexikanern die Dominanz der USA, die 60 der 80 Spiele erhalten sollen, während den Partnern nur je zehn Partien bleiben. Vor allem in Mexiko, dem dominierenden Fussballland der Hemisphäre und stolzen Allein-Ausrichter der Turniere 1970 und '86, wächst der Groll über das Ungleichgewicht. Auch zeigt dieses aller Welt, dass hier ein USA-Turnier zur Wahl steht, dem aus Imagegründen zwei Sympathieträger beigemischt wurden. Nun könnte zumindest in der Verteilungs-Frage noch umgeschichtet werden.

Kanada hat andere Sorgen. Montreals Bürgermeisterin erklärte jüngst, sie wolle der Region durch die WM kein «finanzielles Fiasko» aufhalsen. Valérie Plante wurde erst im November gewählt, ihre Skepsis nähren Schätzungen von Radio Canada, nach denen nur für die Dachrenovierung des Olympiastadions sowie für die Sicherheit bis zu einer Viertelmilliarde US-Dollar nötig seien. Montreal hat Erfahrung mit Finanzdesastern des Sports: Jahrzehntelang zahlten Kanadas Bürger per Sondersteuer eine Milliarde Dollar Schulden für die Olympischen Sommerspiele 1976 ab.

Wahlkampfhilfe von Trump

Zweifel regt sich auch in den USA. Just die Sport-Stadt Los Angeles scheut die von der Fifa geforderten Garantien im Sicherheits- und Dienstleistungsbereich. Im Februar schickten 44 Senatoren einen Brief an Trump, in dem sie zwar für die WM warben, zugleich aber ein giftiges Argument für Marokko einwebten: Die Amerika-WM würde «auf ein erfolgreiches Vermächtnis unserer drei Nationen aufbauen, die insgesamt schon 13 Fifa-Turniere ausgerichtet haben». Das klingt, als bräuchte man ein 14. Fifa-Turnier nicht unbedingt. Auch bitten die Betreiber der Initiative Trump zu mehr Diplomatie, er möge positive Zeichen in all die Wahlländer aussenden. Vorzeichen leiser Panik? Kurz zuvor hatte Gulati die Verschärfung der Vergabeverfahren für US-Visa und Arbeitsgenehmigungen gerügt: Die Fifa schreibe WM-Bewerbern das genaue Gegenteil vor.

Hinter Trumps Wahlkampfhilfe kann Marokko allerlei technische Defizite verbergen: Die Klub-WM 2013 in Agadir und Marrakesch offenbarte schon bei sieben Teilnehmern manches Organisationsproblem, was bei Fifa-Voten aber traditionell kaum eine Rolle spielt. Und echte Vorteile hat das Königreich ja auch zu bieten: attraktive Touristenziele, kurze Reisezeiten für Fans aus Europa, aber auch zwischen den WM-Städten. Und: Marokko hat dieselbe Zeitzone wie Europa; dort erlöst die Fifa das Gros ihrer TV-Einnahmen.

Blatter und Putin haben Einfluss

Und die Sportpolitik? Infantinos Vorgänger Sepp Blatter ist bei der Russland-WM im Sommer Wladimir Putins Ehrengast. Dort fällt die Entscheidung. Blatter, der in der Fussballwelt noch Einfluss hat, trommelt offen für Marokko. Und Putin will den Amerikanern keinen WM-Triumph in Sichtweite des Kreml bereiten. Schon, weil der in die USA geflohene Dopingkronzeuge Grigorij Rodtschenkow auch Russlands Nationalkickern schwere Betrugsvorwürfe macht. Bemerkenswert wäre ein Sieg Marokkos dennoch: Weil ja schon die WM 2022 nur ein paar muslimische Länder weiter stattfindet. In Katar.

Da überwiegen die Probleme, auch jenseits der allgegenwärtigen Menschenrechts-Fragen. Für das Turnier im Winter 2022 müssen überall die Spielkalender umgestellt werden. Und Katars Fussballaktivitäten haben global Ermittlungen ausgelöst, seit der WM-Vergabe 2010 ist das Korruptionsgeraune deutlich angeschwollen. Indizien für Bestechung gibt es viele. Sollten konkrete Belege folgen, müsste die Fifa reagieren: Sie ist selbst in die US-Ermittlungen nach dem Anti-Mafia-Gesetz Rico verstrickt. Dort hat sie einen wackeligen Status als «Opfer» inne, als Geschädigte von Funktionärs-Gaunereien. Wird dies in den Täter-Status geändert, wäre sie erledigt: Die mutmassliche Geldstrafe allein könnte ihre Rücklagen übersteigen. Das muss sie verhindern. Um jeden Preis.

Geriete Katar also in handfesten Korruptionsverdacht, käme die Fifa kaum umhin, eine Neuvergabe der WM zu verfügen. Nachrücker wäre dann wohl ausgerechnet das Land, das 2010 eine krachende Wahlblamage gegen das Emirat erlebt hatte: die USA. Das wäre für Katar desaströs, würde im Fussball aber viele Probleme lösen.

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