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Mario Götze: Voll belastbar und gereift

Vor knapp einem Jahr lief der 25-Jährige zum letzten Mal für die Nationalmannschaft auf. Die Veröffentlichung seiner Stoffwechselerkrankung wirkte auf ihn befreiend.

Siegtorschütze für immer: Mario Götze verwaltet bei der deutschen Nationalmannschaft sein eigenes Erbe von 2014.
Siegtorschütze für immer: Mario Götze verwaltet bei der deutschen Nationalmannschaft sein eigenes Erbe von 2014.
Keystone

Mario Götze drehte den Kopf ein wenig weg. Man musste kein Experte in Sachen Körpersprache sein, um zu erahnen, dass ihm die Situation ein wenig unangenehm war. Götze, 25, sass in einem komplett verglasten Raum in Berlin, die Werbewand mit dem Logo von DFB-Sponsoren im Rücken, den Pressesprecher des Verbandes zu seiner rechten, Bayern Münchens Abwehrspieler Niklas Süle zu seiner linken Seite. Der Moment, als Götze den Kopf zur Seite und dazu leicht schräg nach unten neigte, war, als Süle gefragt wurde, wo er denn damals gewesen sei.

Damals, das hiess: am 13. Juli 2014, als Götze im WM-Final von Rio de Janeiro eingewechselt wurde, einen Pass von André Schürrle erlief, den Ball ins Tor spitzelte, Deutschland durch diesen Treffer Weltmeister und Götze unsterblich wurde, in den Massstäben des Fussballs. Er ist seitdem und für immer ein WM-Finalsiegtorschütze – wie Helmut Rahn (1954), Gerd Müller (1974) oder Andreas Brehme (1990).

Süle, heute so alt wie Götze damals, erzählte, dass er die Szene, wenig überraschend, zusammen mit Freunden gesehen hatte, «als grosser Fan komplett ausgerastet» sei, ehe er konstatierte, dass es «ein Riesengänsehautmoment fürs ganze Land» gewesen sei, den Götze da fabriziert hatte. Götze versteckte seine Betretenheit hinter einem Lächeln.

Als er selbst nach dem Tor von Rio gefragt wurde, zum wahrscheinlich trillionsten Mal, sagte er: «Es ist ein ausschliesslich positives Erlebnis für mich gewesen.» Er erinnere sich auch gern daran, fühle sich aber der Zukunft verpflichtet: «Jetzt ist 2017, und 2018 steht vor der Tür – mit einer Weltmeisterschaft.»

Ungeahnte Herzlichkeit

Fast ein Jahr ist es her, dass Götze letztmals bei der Nationalelf dabei war, vor rund 360 Tagen spielte er gegen Italien mit, und das Verblüffende daran ist: Es kommt einem noch viel länger vor. Nach dem Tor von Rio hatte er eine schwierige Zeit beim FC Bayern unter Pep Guardiola, an die sich eine schwierige Zeit unter Thomas Tuchel bei Borussia Dortmund nahtlos anschloss. Im Frühjahr zog er sich zurück, aufgrund einer Stoffwechselerkrankung. Diese war insofern befreiend, wie DFB-Teammanager Oliver Bierhoff berichtete, als Götze damit endlich gewusst habe, dass er ein konkretes Gesundheitsproblem bekämpfen könne.

«Natürlich belastet dich das, wenn du mal richtig marschieren und sprinten willst und dann merkst: Irgendwo kommt das Benzin nicht richtig durch», schilderte Bierhoff. Tempi passati, sagte Götze. Er sei «voller Vorfreude» auf das Comeback im DFB-Team. Vor allem sagte er, sich vor den Testspielen in England und gegen Frankreich in Köln «bei hundert Prozent» zu fühlen. Grössere Orientierungsprobleme hatte er nicht nach der langen Absenz, «ich habe alle wiedererkannt», scherzte er. Umgekehrt erfuhr er viel Herzlichkeit, die nur von jener getoppt worden sein dürfte, die dem Dauerpatienten Ilkay Gündogan (Manchester City) entgegenschlug. «Es ist einfach ein gutes Erlebnis, wieder dabei zu sein nach all der Zeit», sagte Götze.

Zumal, da die Zeit zuletzt nicht gerade stehen geblieben war. Im Gegenteil: Süle sass, wenn man so will, stellvertretend für jene Spieler auf dem Podium, die seit der WM 2014 nicht bloss ins Blickfeld von Bundestrainer Joachim Löw gerückt sind, sondern beim Confederations Cup 2017 in Russland Wettkampf- und Finalsiegerfahrungen sammelten. Im DFB-Kreis muten die Preise für die WM-Tickets teurer an denn je; und die DFB-Verantwortlichen halten diese Art der Inflation für grandios, weil sie Selbstgerechtigkeit vorbeugt. Und dennoch: Dass Manager Bierhoff in Berlin einen dramatisch klingenden Appell ausstiess – «Wir müssen alle 100 Prozent abrufen, dürfen keinen Prozentpunkt, keinen Zentimeter nachlassen. Wir sind die Gejagten!» –, wirkte ein wenig für die Galerie. Beim DFB freut man sich, dass keiner der Spieler eine Auszeit erbetteln wollte, als sie Löws Ruf für die Partien gegen England und Frankreich ereilte.

Nachdenken über das eigene Spiel

Schon gar nicht Götze, den man immer noch im Aufbau wähnt, weil er so lang weg war. Aber auch, weil er noch lange nicht wieder dort zu sein scheint, wo er vor sieben Jahren war, als er sein Nationalmannschaftsdebüt feierte und als das grösste Versprechen galt. Er habe «wie jeder andere eine gewisse Entwicklung» genommen, «man reift, macht Erfahrungen, war bei den Turnieren dabei ...», reflektierte Götze am Mittwoch über diese lange Zeitspanne, und verriet, dass er jüngst, während der Zwangspause, auch viel über den eigenen Spielstil nachgedacht habe und zu einer wenig überraschenden Schlussfolgerung gekommen sei: «Meine Lieblingsposition ist im Zentrum. Egal ob auf der Acht oder der Zehn. Da fühle ich mich wohl», sagte er.

Entscheidender aber ist wohl sein Gemütszustand: «Ich sehe ihn wieder mit grosser Freude und Liebe für den Fussball», sagte Bierhoff, man konnte das in Berlin auf dem Trainingsplatz durchaus sehen. Für die deutsche Nationalelf ist das nicht die schlechteste aller Nachrichten.

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