Mailand träumt wieder – auch wegen Rodriguez

Nach Jahren der sportlichen und wirtschaftlichen Krise drängen die Mailänder Clubs zurück an die Spitze. Vor allem die AC Milan sorgte in den letzten Wochen für Aufsehen.

Kam für 18 Millionen Euro aus Wolfsburg zur AC Milan: Ricardo Rodriguez, Aussenverteidiger des Schweizer Nationalteams.

Kam für 18 Millionen Euro aus Wolfsburg zur AC Milan: Ricardo Rodriguez, Aussenverteidiger des Schweizer Nationalteams.

(Bild: Keystone)

AC Milan: letzter Meistertitel 2011, letztes Champions-League-Spiel 2014. Inter: letzter Meistertitel 2010, letztes Champions-League-Spiel 2012. Der Fussball in Mailand darbte in den vergangenen Jahren. Statt um den Scudetto spielten die beiden Clubs, die zusammen 36 Meistertitel holten und zehnmal die Champions League gewannen, um die Europa-League-Plätze. Bestenfalls. Der Tiefpunkt kam 2015 mit den Klassierungen 8 für Inter und 10 für Milan. In der letzten Saison war es nur geringfügig besser: Milan wurde Sechster, Inter Siebter.

Der schrittweise Ausstieg der beiden Clubpatriarchen Silvio Berlusconi und Massimo Moratti stand am Ursprung der Krise. Kolossale sportliche Fehleinschätzungen und Fehlplanungen besiegelten das Fiasko. Rettung kommt für beide Vereine nun aus China. Wer die Übernahme als eine chinesische Propagandalüge ansah, sieht sich widerlegt. Den Milan-Statthaltern wurde ein Transfer-Budget von weit über 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Elektrounternehmen Suning zog bei Inter mit Verzögerung nach, es wird wohl auch ein dreistelliger Millionenbetrag.

Während Inters Chinesen schon seit einem Jahr am Ruder sitzen, besass das neue Milan in diesem Jahr fast ein Monopol auf die Schlagzeilen. Keine Woche verging, ohne dass Geschäftsführer Marco Fassone undSportchef Max Mirabelli nicht einen Hochkaräter präsentierten: die Italiener Leonardo Bonucci und Andrea Conti, den Schweizer Ricardo Rodriguez, den Ivorer Franck Kessié, die Argentinier Mateo Musacchio und Lucas Biglia, den Deutsch-Türken Hakan Calhanoglu, den Portugiese André Silva, um nur einige zu nennen

Doch wer bezahlt das alles, in Wirklichkeit? Auf den ersten Blick die chinesischen Investoren um den Clubpräsidenten Li Yonghong. Genau genommen aber eigentlich der amerikanische Hedgefonds Elliott, der den Chinesen zunächst Geld für die letzte Rate des Cluberwerbs, danach für die Tilgung der Schulden aus der letzten Saison und zum Schluss noch für die Sommertransfers lieh. Diese Leihgeschäfte wurden nötig, weil die chinesische Regierung seit einigen Monaten Auslandszahlungen blockiert. Insgesamt geht es um rund 500 Millionen Euro, welche bis in 24 Monaten samt horrenden Zinsen in Höhe von bis zu 11 Prozent zurückgezahlt sein sollten.

Vorderhand drückt die Uefa betreffend Financial Fairplay beide Augen zu. Den Businessplan mit grossen Marketingumsätzen in Ostasien und baldigen Einnahmen aus Champions-League-Teilnahmen erachten die Analysten in Nyon offenbar als seriös. Doch ist die neu zusammengestellte Milan-Squadra zum Erfolg verdammt. Mindestens Platz 4 und damit die Qualifikation für die Champions League 2018/19 muss Montella mit dem Team erreichen. Elliott spekuliert mit einem weiteren Ansteigen des Marktwertes der Mannschaft, wenn sie in der Champions League spielt. Schon jetzt wurde durch die Transfers der Wert des Kaders um mehr als 50 Prozent gesteigert.

Während einige wenige Beobachter aus der Finanzwelt die Geschäfte rund um Milan kritisch beäugen, hat die Tifosi eine Welle der Euphorie erfasst, welche mit den ersten Jahren der Ära von Berlusconi in den Achtzogern und frühen Neunzigern verglichen wird. Nach jahrelanger Magerkost lechzen die Milan-Fans nach Champagner-Fussball. Für das erste Pflicht-Heimspiel, das Rückspiel in der Europa-League-Qualifikation gegen Uni Craiova, strömten 65'763 Zuschauer ins San Siro. Der Verkauf an Saisonkarten steht derzeit bei knapp 32'000 - mehr als doppelt so viele wie im letzten Jahr.

Das erinnert tatsächlich ans Ende der Achtziger, als das legendäre Milan von Arrigo Sacchi Spiel für Spiel mehr als 70'000 Fans im Stadio Giuseppe Meazza begrüsste. Als damals Berlusconi Präsident wurde, dauerte es zwei Jahre bis zum ersten Meistertitel und drei Jahre bis zum Gewinn des Meistercups. Nun wollen sich die neuen Protagonisten etwas mehr Zeit lassen. Verteidiger Bonucci sagte: «In vier Jahren wollen wir die Champions League gewinnen.» Spätestens in diesem Falle hätten die Chinesen ihre Schulden bei Elliott samt Zins und Zinseszins wohl getilgt.

sda

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