Macht die Fifa Katar zu einem WM-Favoriten?

Fussballer könnten bald schon das Nationalteam wechseln. Die Fifa prüft einen entsprechenden Antrag – fünf Jahre vor der WM im Emirat.

Dürfte nach Handballregeln bereits für Katar spielen: Welt- und Europameister Xavi (rechts).

Dürfte nach Handballregeln bereits für Katar spielen: Welt- und Europameister Xavi (rechts).

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Die Liste der Weltmeisterschaften in Katar ist lang: 2012 Squash, 2015 Handball, 2016 Rad, 2017 Turnen, 2019 Leichtathletik und als Höhepunkt 2022 Fussball. Mit aller Macht versucht das Emirat, im Spitzensport Fuss zu fassen. Bei der Handball-WM kam das mit Legionären gespickte Nationalteam sogar bis in den Final. Im Fussball scheint die Chance auf einen Exploit von Katar sehr weit entfernt. Vielleicht könnte sie jedoch bald ein Stück näher rücken. Dank Kap Verde – und der Fifa.

Die Funktionäre vom afrikanischen Inselstaat haben beim Weltfussballverband einen Vorstoss eingereicht, wonach Fussballnationalspieler die Landesauswahl wechseln könnten. Aktuell ist dies nicht mehr möglich, sobald der Spieler mindestens ein Qualifikations- oder Endrundenspiel für sein Land absolviert hat.

Auch Cristiano Ronaldo wäre betroffen

Sollte dieser Passus wegfallen, so stünden den Kapverden plötzlich Fussballer wie Nani, Nelson Semedo, Edimilson Fernandes oder Renato Sanches zur Verfügung. Sogar Cristiano Ronaldo soll eine Grossmutter haben, die aus dem ehemals portugiesischen Kolonialstaat stammt – gemäss Fifa-Statuten muss ein Fussballer mindestens zwei Jahre im Land gelebt haben oder Vorfahren vorweisen, die von dort stammen.

So gesehen, scheint nur logisch, dass Kap Verde sich für eine Auflockerung der bisherigen Fifa-Regelung einsetzt. Allerdings spielten auch schon früher Stars mit kapverdischer Herkunft wie Patrick Vieira oder Henrik Larsson für andere Länder. Ausserdem ist nicht davon auszugehen, dass Cristiano Ronaldo plötzlich den Drang verspüren wird, Kap Verde zum Weltmeistertitel zu schiessen.

Deshalb wirkt es zumindest komisch, dass der Antrag ausgerechnet fünf Jahre vor der WM in Katar eingereicht wird – umso mehr, dass die Fifa diesen gründlich prüfen wird, obwohl der Inselstaat beim Weltverband nicht die ganz grosse Lobby geniesst. Weil im kapverdischen Fussballverband Chaos herrscht, sitzt aktuell kein einziger Vertreter des Landes in den Ausschüssen der Fifa.

Verdächtiger Zeitpunkt

Es kann also nur darüber spekuliert werden, wieso Fifa-Vizepräsident Victor Montagliani den Vorschlag sorgfältig anschauen wird und dazu begründet: «Die Welt verändert sich. Die Immigration verändert sich. Es gibt Probleme mit der Nationalität, überall auf dem Planeten.» Am stärksten betroffen seien afrikanische und asiatische Länder, sagt der Kanadier. Es könnte Zufall sein, dass eine Regeländerung Katar in die Karten spielen würde, das somit zum ähnlichen Angriff blasen könnte wie schon im Handball. Dort darf man für mehrere Länder spielen, sofern drei Jahre Pause zwischen den Spielen für die beiden Länder liegen. Als Motivation für die Länderspielpause von Handballstars wie Goalie Danijel Saric dienten unter anderem 600'000 Euro Handgeld – und 100'000 Euro Prämie für jeden Sieg.

Weitere Nutzniesser der Regeländerung wären die Boulevardmedien, die dann wieder aufgeregt spekulieren könnten: Spielen Granit Xhaka oder Xherdan Shaqiri bald für ein Land, für das sie sich schon vor fünf Jahren hätten entscheiden können? Der Ball liegt jetzt bei der Fifa, die sich die Reform überlegt, sofern «die Integrität des Fussballs nicht gefährdet wird». Gut, dann hat der romantische Fussballfan ja nichts zu befürchten. (fas)

Erstellt: 27.10.2017, 15:13 Uhr

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