Lieber Seydou

Fussballgott Grädel schreibt dem Fussballer einen Brief.

hero image

Ganz ehrlich, als Grädel das Bild von dir sah, wie du da standest, ein rotes Trikot vor dich haltend, flankiert von einem Walliser Architekten und seinem Sohn, da hat ihn so ein Schmerz erfasst, mitten in Herz und Seele. Es fühlte sich an wie ein Blitzeinschlag, wie ein Flashback in Grädels frühste Jugend, als die schöne Moni ihm ständig schöne Augen machte, um dann doch lieber mit dem Küenzi Fredu zu gehen. Ausgerechnet mit dem Küenzi Fredu! Kaum einen geraden Satz formulieren können, aber immer einen halben Topf Gelatine in den Haaren und sein Puch Maxi nicht minder aufwendig frisiert. Ja, etwa so fühlte sich das neulich an, Seydou, auch wenn du den Fredu natürlich nie gekannt hast.

Was Grädel an dir immer so geliebt hat: dass du urplötzlich an Orten auftauchen konntest, wo dich niemand erwartet hätte. Ein Haken hier, einer dort. Der Schrecken der Sechzehner, der Albtraum aller Verteidiger. Dass die Berner Bühne für dich irgendwann zu klein sein würde, haben nur die allerhoffnungslosesten Fussballromantiker verdrängen können. Dass deine Karriere ihre Fortsetzung in Russland finden sollte, war dann doch eher erstaunlich. Immerhin, die Fans haben dich auch in Moskau geliebt und verehrt, was beachtlich ist in einem Land, in dem jede Hautfarbe ausser weiss tendenziell ein Problem ist. Dann hat deine Laufbahn plötzlich Finten ausgepackt, welche selbst du dir nicht hättest ausdenken können – du gingst nach Rom, wieder zurück nach Moskau, landetest plötzlich in Nordengland und fandest dich sogar in Basel wieder. Das Bild von dir mit dem Meisterpokal: auch das ein Stich in Grädels Herz. Am Rhein wollte man dich aber auch nicht behalten, also zogst du weiter, um in Lissabon und Girona beinahe in der Versenkung zu verschwinden.

Und jetzt tauchst du ausgerechnet im Wallis wieder auf! Ja, das ist für den Marktwert sicher besser, als auf dem Sofa Däumchen zu drehen. Aber seis drum. Das mit der Moni tat Grädel damals übrigens eine Weile lang weh, aber nach ein paar Jährchen hat Grädel die beste Frau der Welt getroffen und geheiratet. Sie ist sonst die Einzige, die von Grädel noch Briefe erhält. Et puis voilà quoi, weiterhin alles Gute, lieber Seydou!

Dein Max Grädel

PS: Deinen Platz in Grädels Herzen besetzt inzwischen ein schon etwas reiferer Franzose, der aber immer noch weiss, wo das Tor steht, und der inzwischen in einem Alter ist, in dem er keine komischen Transferkapriolen mehr macht. Sei bitte nicht eifersüchtig.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt