Königliche Krisenherde

Die Stimmung bei Real Madrid ist irrwitzig schlecht. Da hilft nicht, dass am Sonntag das Duell mit Barça ansteht.

Nur selbstverliebt oder der Cristiano Ronaldo der Zukunft? Gareth Bale. Foto: Pixathlon

Nur selbstverliebt oder der Cristiano Ronaldo der Zukunft? Gareth Bale. Foto: Pixathlon

Manchmal würde man doch gerne Antworten auf hochspekulative Fragen ­haben. Zum Beispiel: Ob nicht vielleicht der Blutdruck von Real Madrids Trainer Carlo Ancelotti ins Bodenlose sackte, als er am Mittwoch die formidable Vorstellung von Lionel Messi bei Barcelonas Champions-League-Sieg gegen Manches­ter City sah. Oder ob Reals Präsident Florentino Pérez sich nach den Möglichkeiten erkundigte, kurzfristig den gleichfalls formidablen Torhüter der Citizens, Joe Hart, zu verpflichten, der im Camp Nou ein Debakel verhindert hatte?

Ebendort muss Spaniens Rekordmeister Real Madrid am Sonntag (21 Uhr) antreten. Das ist schon per se ein Grund zur Angst – erst recht aber, wenn Barcelona in Hochform ist. «Es wäre anmassend, wenn wir uns als Favoriten sehen würden», sagte Barcelonas Trainer Luis Enrique zwar. Doch auch er weiss, dass die meisten der 20 Millionen Euro, die in Spanien durch den Clásico auf dem Online-Wettmarkt umgesetzt werden, auf sein Barcelona gesetzt werden.

Der verlorene Spielfluss

Noch zum Jahreswechsel hätte man derartige Verhältnisse für unmöglich gehalten. Mit national unübertroffenen 22 Siegen in Serie hatte Real Madrid das Kalenderjahr 2014 abgeschlossen und überdies die Club-WM gewonnen. Und als es dann zu ersten Madrider Ausrutschern kam, stolperte auch Barcelona. Mittlerweile liegt Real nach 27 Spieltagen einen Punkt hinter Tabellenführer Barcelona. Denn Real hat in diesem Jahr bereits drei Ligaspiele verloren und eins unentschieden gespielt, zudem unterlag die Mannschaft gegen Schalke im Achtelfinal der Champions League 3:4 und bewegte sich nach einem 2:0-Hinspielsieg am Rande des Ausscheidens. Das Ergebnis: eine irrwitzig schlechte Stimmung.

Denn es sind ja nicht nur die Ergebnisse – es ist vor allem der völlig verloren gegangene Spielfluss, der die Madridistas verstört. Ebenso die Fehlleistungen des weiterhin kritisierten Stammtor­hüters Iker Casillas. Zuletzt wurde sogar Madrids Trainer Ancelotti infrage gestellt. Er gilt nun als zu zurückhaltend und ruhig – was insofern kurios ist, als er noch vor ein paar Monaten dafür gefeiert wurde, dass er zurückhaltend ist und ruhig. Präsident Pérez lud in der Vorwoche zu einer ausserplanmässigen Medienkonferenz. Vordergründig ging es darum, Ancelotti vor den Augen der Öffentlichkeit als Trainer zu stärken: «Ich erkläre mit Bestimmtheit, dass wir volles Vertrauen in Ancelotti haben. Egal, was passiert, er wird bleiben.» Doch dann druckste er seltsam herum, als er gefragt wurde, ob das auch für die kommende Saison gelte. Und liess ein paar Bemerkungen fallen, die man auch als eine verkappte Drohung an Ancelotti auffassen konnte.

Die Warnung von Messi

Denn die eigentliche Kernbotschaft des Präsidenten war, dass man keinesfalls vergessen dürfe, dass der 100-Millionen-Einkauf Gareth Bale «in den beiden Finals der vergangenen Saison entscheidende Tore erzielt hat». Und er sich über die «konstanten Angriffe auf Bale» ärgere. Bemerkenswert daran war, dass Ancelotti sehr deutlich hatte durchblicken lassen, dass er den Waliser auf die Bank setzen wollte. Dem lag eine gewisse Logik zugrunde. In der laufenden Saison hatte Real Madrid stets dann die besten Spiele geliefert, wenn es im 4-4-2-System und nicht im 4-3-3-System mit den Angreifern Bale, Benzema und Cristiano Ronaldo agierte. Das lag auch daran, dass Bale augenscheinlich die Bindung zum Publikum und zu seinen Mitspielern fehlt. Sie halten ihn für selbstverliebt – er hat Probleme, Mitspielern in aussichtsreicher Position den Ball hinüberzuschieben. Dafür schenkt er den Säuseleien von Pérez Glauben, der ihm versichert, er sei der Ronaldo der Zukunft. Ein Problem freilich ist, dass Real Madrid sehr dringend einen neuen Ronaldo benötigt. Denn der Ronaldo der Gegenwart hat massive Knieprobleme, schon seit Monaten zwickt seine Patellasehne.

Und dennoch: Beim FC Barcelona gibt man nicht sonderlich viel auf die zahllosen Krisensymptome beim Erz­rivalen. Real Madrid sei weiterhin ­«respekteinflössend», sagte Messi. Die Verwundungen seien vielmehr eine Warnung: «Real Madrid ist in solchen ­Situationen noch gefährlicher.»

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