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Jetzt weigern sich TV-Sender sogar, Messi zu übertragen

Trotz heftiger Kritik und Boykott: Der spanische Supercup findet ab diesem Mittwoch in Saudiarabien statt – neuer Modus inklusive.

Nicht einmal mehr er zieht: Der Staatssender verzichtet darauf, Lionel Messi beim Fussball spielen zu zeigen.
Nicht einmal mehr er zieht: Der Staatssender verzichtet darauf, Lionel Messi beim Fussball spielen zu zeigen.
Keystone

Einem alten, aber auch schon etwas verwässerten Brauch zufolge erfolgt in Spanien die Zustellung der Geschenke zum Jahreswechsel nicht durch Weihnachtsmänner oder Christkinder. Sondern vorzugsweise durch die so genannten Heiligen Drei Könige, an jedem 6. Januar. In diesem Jahr wurde Luis Rubiales, Chef des spanischen Fussballverbandes RFEF, jedoch nicht nur von den üblichen Verdächtigen beschenkt. Sondern auch von der spanischen Sektion der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Vor ein paar Tagen wurde am Verbandssitz vor den Toren Madrids eine Amnesty-Vertreterin vorstellig und hinterbrachte Rubiales ein gelbes Trikot. Auf der Brustpartie des Shirts war der Name von Loujain al-Hathloul zu lesen, hinten die Rückennummer 600. Die drei Ziffern waren symbolisch gemeint. Denn sie repräsentierten die Anzahl der Tage, die al-Hathloul im Gefängnis sitzt, wegen ihres Einsatzes für Frauenrechte in Saudiarabien.

Und das wiederum liefert das Stichwort für die Erklärung, weshalb Rubiales mit ihrem Schicksal behelligt wird. Denn in ebendieses Saudiarabien hat Rubiales einen Wettbewerb seines Verbandes exportiert: Ab diesem Mittwoch wird in Jidda der spanische Supercup ausgetragen.

Neuer Spielort, neuer Modus

Es ist nicht das erste Mal, dass der Supercup im Ausland stattfindet, 2018 wurde Marokko beglückt. Neu aber ist das Format: Statt der bisherigen Finalrunde mit Hin- und Rückspiel zwischen Meister und Cupsieger – das sind der FC Barcelona und der FC Valencia – gibt es nun ein Final-Four-Turnier. Der Clou: Dadurch können auch Real sowie Atlético Madrid anreisen und die Brieftaschen der saudischen Scheichs noch stärker strapaziert werden. Medienberichten zufolge kassiert Spaniens Verband für die kommenden drei Ausgaben des Supercups jeweils 40 Millionen Euro. Das ist so schon viel Geld – erst recht für ein Turnier, das mangels Faninteresse kurz vor der Abschaffung stand. Aber: ausgerechnet Saudiarabien?

Es habe auch Offerten aus anderen Ländern gegeben, heisst es beim Verband. Für Saudiarabien habe vor allem gesprochen, dass der Zeitunterschied für die Stars wie Toni Kroos, Lionel Messi oder Dani Parejo nur zwei Stunden betrage. Und es gebe den einen hübschen, hehren Nebeneffekt! Nun könne man Saudiarabien gewissermassen evangelisieren – als moderne Kreuzritter der Menschen- und Frauenrechte.

«Cup der Gleichheit»

Als hätten sie die Argumentationsmuster des FC Bayern in Sachen Katar plagiiert, spricht Spaniens Verband davon, sich in Saudiarabien einbringen und dabei «helfen» zu wollen, «das Land zu transformieren». Erster Erfolg: Frauen dürften ins Stadion, sogar in Kleidung ihrer Wahl. Vorausgesetzt natürlich, sie sitzen nicht gerade wie al-Hatloul ein, weil sie glatt noch weitergehende Rechte gefordert hatte – und dafür nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wie eben Amnesty gefoltert und sexuell misshandelt wurde. Und dennoch: Rubiales schaffte es sogar, den neuen Supercup umzutiteln; «Cup der Gleichheit» nennt er ihn. Der «Gleichheit» zwischen Mann und Frau, wohlgemerkt.

Gleichwohl: Auch in Spanien regte sich Kritik an der Vergabe des Turniers, unter anderem von Vero Boquete, der berühmtesten Frauen-Fussballnationalspielerin des Landes. Man belohne Unterdrücker, statt sie zu strafen, klagte sie. Deutlich zurückhaltender war die Politik, vielleicht auch wegen milliardenschwerer Aufträge in der Wüste; vor ein paar Jahren wurden Mekka und Medina mit spanischen Hochgeschwindigkeitszügen verbunden. «Ich habe keine Meinung, ich bin Basketballer», sagte jedenfalls der am Dienstag neuerlich zum Ministerpräsidenten gewählte Sozialist Pedro Sánchez, als er auf den Supercup angesprochen wurde.

Auch Valencia protestiert – aber nicht wegen der Menschenrechte

An anderer Stelle tat man sich schwerer, den neuen Höchststand an offiziell bestätigten Hinrichtungen seit 24 Jahren (187 in 2019) oder die bestialische Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi auszublenden. Der Staatssender RTVE verzichtete unter ausdrücklichem Verweis auf die Menschenrechte auf die Übertragung des Supercups, musste sich aber vom saudischen Botschafter in Madrid Heuchelei vorwerfen lassen. Die Rallye Dakar, die nun auch in Saudiarabien stattfindet, wird kommentarlos gesendet, höhnte er. Nachdem sich Privatsender der RTVE-Position angeschlossen hatten, drohte Rubiales wiederum dem Staatssender mit einem Rechtsstreit. RTVE habe «aus essenziell politischen Gründen» auf die Übertragung verzichtet und damit «offenkundig eine Verzerrung des Wettbewerbs» herbeigeführt, Spaniens Verband gehe Geld verloren.

Es ist übrigens nicht der einzige Rechtsstreit, der droht. Auch der teilnehmende Klub FC Valencia erwägt Rechtsschritte gegen den Verband. Denn die Teilnahmeprämien wurden so gestaffelt, dass der FC Barcelona und Real Madrid je 6,8 Millionen Euro erhalten – 4,3 Millionen Euro mehr als Valencia. In der Stadt regten sich Stimmen, die wegen des Prinzips einen Boykott forderten. Also wegen des Prinzips der Gleichbehandlung der Klubs, nicht wegen der Menschenrechte, versteht sich. Ohne Cup-Sieger Valencia hätte ein Supercup keinen Sinn gehabt, ob in Spanien oder in Saudiarabien. Doch siehe: Am Ende waren dem FC Valencia 2,5 Millionen Euro Prämie dann doch wichtiger als das Prinzip. Und als al-Hathlou sowieso.

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