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«Jegliche Grenzen überschritten»

Der albanische FCZ-Mittelfeldspieler Burim Kukeli kann nicht begreifen, wie es zu den Tumulten kommen konnte.

Untätige Ordner, kickender Spieler, rasender Fanatiker – und mittendrin Burim Kukeli. Foto: Reuters
Untätige Ordner, kickender Spieler, rasender Fanatiker – und mittendrin Burim Kukeli. Foto: Reuters

Weit nach Mitternacht durfte die albanische Delegation das Stadion von Partizan Belgrad nach Befragungen durch die Polizei in der Kabine verlassen. Burim Kukeli, Mittelfeldspieler beim FCZ, flog mit der Mannschaft zurück nach Tirana, von dort weiter nach Zürich – ohne Schlaf, dafür heftig aufgewühlt von den Ereignissen. Zunächst schwieg er, bis er am Abend doch bereit war, Stellung zu nehmen.

Den 30-Jährigen hatte schon lange vor dem Anpfiff ein ungutes Gefühl beschlichen. Als er mit seinen Kollegen den ­Rasen im Stadion inspizierte, registrierte er verbale Beleidigungen. Und als das Spiel lief, wurde die Stimmung immer aufgeheizter – bis es zur Eskalation kam.

Burim Kukeli, können Sie fassen, was in Belgrad passiert ist?

Es war klar, dass der Empfang nicht freundlich ausfallen würde, darauf mussten wir uns einstellen. Was dann aber vorgefallen ist . . . Es übertrifft alle Vorstellungen. Emotionen sind in Ordnung. Aber nicht so. Es sind jegliche Grenzen überschritten worden. Der Sport nimmt beträchtlichen Schaden.

Hatten Sie Angst?

Angst . . .? Am Vortag der Begegnung gab es keine Probleme. Wir wurden von einem riesigen Polizeiaufgebot bewacht. Während des Spiels versuchte ich, die Brisanz auszublenden und mich auf meine ­Arbeit zu konzentrieren. Als es dann vor der Pause zu diesem Handgemenge kam, wollte ich schlichtend eingreifen und die Spieler trennen. Mulmig wurde es mir, als ich sah, dass das Sicherheitspersonal nur zuschaute und auch gegen die serbischen Fans nichts unternahm, die ungestört aufs Feld rennen durften, uns bedrohten und auch schlugen. Als wir entschieden, uns in die Kabine zurückzuziehen, schauten die Ordnungshüter nicht mehr nur zu, sondern attackierten uns auch noch. Es war unfassbar!

Auslöser der Tumulte war eine Drohne mit einer Flagge, die Gross­albanien zeigte. Die albanischen Spieler reagierten ziemlich heftig, als der serbische Spieler Stefan Mitrovic sie an sich riss.

Wir wehrten uns nur für unsere Farben und wollten nicht, dass die Flagge beschädigt wird. Deswegen wollten wir sie selber hinausbringen. Aber es steckte ­sicher nicht die Absicht dahinter, Tumulte auszulösen.

Die Serben fühlten sich aber provoziert von dieser Aktion mit der Drohne. Sie schieben die Schuld für die Eskalation den Albanern zu.

Ich weiss nicht, wer das zu verantworten hat. Und ich will das auch nicht gutheissen, weil die Bühne des Sports nicht die richtige ist, um politische Konflikte zu lösen. In Belgrad führte es so weit, dass verschiedene Leute die Emotionen nicht mehr im Griff hatten. Leider war es auch so, dass viele Zuschauer nur darauf warteten, einen Grund zu bekommen, um aufs Feld zu stürmen, gehindert wurden sie daran nicht einmal. Ich sah jedenfalls keine vernünftigen Absperrgitter. Einige Matchbesucher waren ja gar nicht gekommen, um ein Fussballspiel zu sehen, sondern um bei erstbester Gelegenheit die Auseinandersetzung zu suchen. Es ist fast ein Wunder, dass nichts Schlimmeres geschehen ist.

Warum weigerten sich die Albaner, den Match fortzusetzen?

Weil wir uns nicht mehr dazu imstande fühlten. Einige unserer Spieler trugen von harten Schlägen Verletzungen davon. Die Sicherheit war nicht mehr gewährleistet. Unsere Ersatzspieler, die sich warmliefen, wurden mit Steinen und anderen Gegenständen beworfen. Mir gingen die Bilder des Barragespiels Türkei - Schweiz durch den Kopf. Das darf es einfach nicht geben.

Wie hätte es sich vermeiden lassen?

Die beiden Länder hätten von der Uefa nicht in die gleiche Gruppe eingeteilt werden dürfen. Man wusste doch um die Spannungen. Es ist im Nachhinein ein grosses Glück, dass keine Anhänger von uns mitreisen durften. Es ist nicht auszudenken, wie dramatisch sich das Ganze noch hätte entwickeln können.

Hatten Sie Kontakt mit serbischen Spielern?

Captain Ivanovic kam in unsere Kabine, entschuldigte sich und wollte uns dazu bewegen, weiterzumachen. Aber es ging nicht. (Pause) Ich habe auch serbische Freunde, kenne viele Serben in der Schweiz, und dieser Abend wird nichts an meiner Beziehung zu ihnen ändern. In Belgrad sorgte eine Minderheit von Menschen für einen grossen Schaden. Ich hätte nie geglaubt, so einen Horror in ­einem Fussballspiel erleben zu müssen.

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