Zum Hauptinhalt springen

Jassen mit Yassine

Da sass Grädel in einer Jassrunde und konnte nicht anders als dasitzen, einstecken und austeilen.

Manchmal sollte Grädel das Jassen lassen. Das angejahrte, düstere Interieur, die Nähe zum Stammtisch, der Zigarrengeruch, der trotz Rauchverbot immer noch irgendwie in der Gaststubenluft hängt – das alles wirkt der Öffnung des Geistes zuwider. Aber da sass Grädel nun halt und konnte nicht anders als dasitzen, einstecken und austeilen. Die Runde war eine schweigsame, doch irgendwann kam man – zwangsläufig halt – dann doch auf YB zu sprechen. Und dabei auf das immer wieder gerne durchgekaute Thema vom Verhältnis zwischen Leistung und Lohn. Die ewig alte Leier zum hundertsten Male, dass Fussballer für ihr Geld gefälligst anständig und möglichst hart arbeiten sollen. Nein, sollen Sie nicht, interveniert Grädel. Bitte, bitte, keine Arbeit auf dem Fussballplatz! Was war denn diese Saison bislang anderes als ein unglaubliches Gekrampfe? Wenn Grädel seine Freizeit am Wochenende im Stadion opfert, dann will er nichts weniger als Kunst sehen. Wofür er zuallerletzt ins Wankdorf gehen würde: um anderen Menschen beim Arbeiten zuzuschauen.

Mit Kunst lassen sich nämlich sogar schöne Trophäen gewinnen! Grädel hat am Ostermontag Yassine Chikhaoui vom Cupsieger FCZ bestaunt. Chikhaoui hat nun wirklich nichts gemein mit einem Büezer, der auf den Platz geht, als müsste er auf einer Baustelle Zementsäcke wuchten; was Spieler seines Schlages machen, das ist bestes Kunsthandwerk. Das Preisschild, das an Chikhaoui haftet, hat infolgedessen viele Nullen: auf 1,4 Millionen beziffert das Handelsblatt in einem Artikel das Jahresgehalt des Tunesiers. Oder Real Madrid: Grädel hätte Ronaldo und Bale am Dienstagabend noch stundenlang zuschauen können, wie sie ihren Gegenspielern mit unglaublicher Leichtigkeit enteilen. Logisch, auch in einem weissen Ballett braucht es hinten ein paar rustikale Bühnentechniker, aber für das Spektakel vor dem Tor sorgen die Künstler, und die waren in diesem Halbfinale in München jeden einzelnen Euro ihrer fürstlichen Gage wert.

Das kann ergo nur eines bedeuten: YB muss den Spielern die hohen Löhne streichen und durch noch höhere Gagen ersetzen. Uli Forte muss mit seinen Beteuerungen, dass die Mannschaft noch härter arbeiten müsse, schleunigst aufhören. Fussballspieler, die Gras fressen, sind auf dem Markt bereits zu günstigen Preisen erhältlich. Wahre Künstler aber, die haben ihren Preis. Irgendeinmal werden das auch die Stammtischpolterer und Grädels Mitjasser verstehen. Er glaubt fest dran.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch