Ist «die beste Liga der Welt» zu schwach?

Gelingt weder Arsenal noch Manchester City im Achtelfinal-Rückspiel ein mittleres Fussballwunder, steht einmal mehr kein englisches Team unter den letzten acht der Königsklasse.

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Sie haben durchaus ihren Reiz, diese ewigen Diskussionen. Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, Pep Guardiola oder José Mourinho, Premier League, Bundesliga oder doch La Liga?

Für jede Debatte gibt es verschiedene und unterschiedlich relevante Tabellen, Statistiken und Gradmesser – am schwierigsten dürfte der Stärkevergleich unter den Topligen sein. Und genau hier, obwohl Spanien die berühmte Uefa-Fünfjahreswertung anführt, bezeichnen viele sogenannte Experten die britische Premier League als weltweit beste Landesmeisterschaft. Gerne argumentieren England-Anhänger mit Ausgeglichenheit der Teams, vollen Stadien und vor allem ihrer A-Category Chelsea, Arsenal, Liverpool, Manchester City und United.

Horrende Saläre zerfressen den Ehrgeiz

In den kontinentalen Wettbewerben bleiben die Vertreter von der Insel diesen Nachweis immer mehr schuldig. Noch vor sechs Jahren hatten drei Premier-League-Clubs in den Halbfinals gestanden. Diesmal bekleckern sie sich nicht gerade mit Ruhm. Liverpool und Chelsea haben sich bereits aus der Champions League verabschiedet, Arsenal (1:3 gegen Monaco) und Manchester City (1:2 gegen Barcelona) stehen nach ihren Heimniederlagen auch am Rande des Ausscheidens. Grund genug für Chelseas exzentrischen Startrainer José Mourinho, unmittelbar nachdem seine Schützlinge von PSG überraschend aus dem Bewerb katapultiert wurden, auf ein Scheitern des FC Barcelona zu hoffen, «das würde die Ehre Englands retten». Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass Ende dieser Woche der FC Everton als Würdenträger das Königreich in Europa vertritt – wenn auch nur in der Europa League.

Es ist nicht leicht, dieses erneute Scheitern – bereits vor zwei Jahren stand kein Premier-League-Club in den CL-Viertelfinals – festzumachen. England-Kritiker sehen sich in ihren Thesen, die milliardenschweren Investoren und ihre hemmungslose Kauflust machten den Fussball kaputt, bestätigt. Horrende Transfersummen und Saläre nagen an der letzten Konsequenz, sich auch in engen Partien für Titel zu zerreissen, die Vereinstreue bleibt sowieso auf der Strecke. Andererseits bleibt festzustellen, dass die beiden PSG-Helden Thiago Silva und David Luiz auch keine Eigengewächse sind, die von klein auf geträumt haben, in der französischen Hauptstadt ihre Kickschuhe zu schnüren – und dies für einen warmen Händedruck tun.

Psychische und physische Mehrbelastung

Interessant ist auch ein Gegenargument von Sympathisanten des Fussball-Mutterlandes: Während in Spanien Barcelona und Real Madrid regelmässig den Titel untereinander ausmachen, mit seltener Aufmüpfigkeit von Ausreissern wie Atlético Madrid oder Valencia, und Bayern München die Meisterschaft bald in der Winterpause feiern darf, hat in England ein spannendes Titelrennen bis zum Schluss fast schon Tradition. Das erfordert eine physische und psychische Belastung, der die Konkurrenz aus München, Barcelona oder Madrid nicht in diesem Ausmass ausgesetzt ist.

Woran es auch immer liegen mag, weshalb die Premier-League-Vertreter europäisch in diesem Jahr nichts reissen konnten, so bleibt eines klar: Diese Momentaufnahme kann sich schlagartig ändern, und bereits kommende Saison könnte Louis van Gaal (oder ein anderer Trainer) mit Manchester United den Henkelpott in die Höhe stemmen. Oder Arsenal beziehungsweise City gelingt im Rückspiel eine Sensation. Und dieses Unberechenbare nennt man: Sport.

DerBund.ch/Newsnet

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