Ist das der verrückteste Fan?

Jerry Savage lebt in Philadelphia und geht für den FC Vaduz durchs Feuer. Warum tut er sich das bloss an?

Superfan und Supermax: Jerry Savage zeigt stolz die Fanartikel. Bild: Privatarchiv

Superfan und Supermax: Jerry Savage zeigt stolz die Fanartikel. Bild: Privatarchiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

War es das jetzt? Ist die Uhr das FC Vaduz in der Super League ein weiteres Mal ­abgelaufen? 0:1 hat er daheim gegen Sion verloren, der zweite Abstieg nach 2009 droht akut. Dieses Schicksal mag den Grossteil der Fussballinteressierten in der Schweiz sogar ziemlich kaltlassen. 6512 Kilometer von Vaduz entfernt allerdings bricht eine Welt zusammen.

Da nämlich, auf der anderen Seite des Atlantiks, in Andalusia im US-Bundesstaat Pennsylvania, lebt Jerry Savage. Der wohl un­gewöhnlichste Fan im Schweizer Fussball. Savage, 36, ist glühender Anhänger des FC Vaduz. Und das nicht etwa, weil er oder seine Vorfahren irgendwann einmal in Liechtenstein gelebt hätten. Nicht, weil er ständig in Vaduz wäre. Nein: einfach so. «Der FC Vaduz ist meine grosse Liebe», sagt er.

Einsam im Gästesektor

Das kam so: Als Bild- und Toningenieur betreut er Kunden weltweit. Zwar meist in den USA unterwegs, reist er manchmal aber auch nach Europa. Im Spätsommer 2014 kam er in die Schweiz. Einquartiert war er in Zug, und in Zürich spielte GC gegen Vaduz. Ein Spiel, das sich der Fussballfan nicht entgehen lassen wollte. Sein Kunde besorgte ihm ein Ticket – über den damaligen Vaduz-Spieler Markus Neumayr.

Tja: Und dieses Spiel im Letzi­grund gewann Aufsteiger Vaduz 1:0. ­Savage war begeistert und jubelte mit den paar Fans im Gästesektor mit. Die Krönung kam nach Spielschluss: Von seinem Platz aus rief er Neumayr zu und konnte es kaum fassen – Neumayr antwortete. Zwei Minuten habe er sich mit ihm unterhalten. Savage war perplex: «Im US-Sport undenkbar.»

Zwei weitere Male kam er in der Folge geschäftlich in die Schweiz, und während er hier arbeitete, schaute er sich Fussballspiele an. Samstag, Sonntag, Montag, Samstag, Sonntag, Montag.

Zum Fussballfan war er ein paar Jahre zuvor als Arbeitsloser geworden, als er nachts durchs TV-Programm zappte. Bei einem Fussballkanal blieb er hängen und brachte sich Regeln und taktische Kenntnisse selbst bei. Heute trainiert er in seiner Freizeit Kinder von Einwanderern. Fan ist er ausserdem von Philadelphia Union, dem früheren Club von Tranquillo Barnetta. «Ein St. Galler, aber ich habe ihn geliebt.» Mit einem Augenzwinkern lebt Savage die Rivalität im Osten der Super League.

Fast alle Stadien der beiden höchsten Ligen hat er bei seinen drei Trips in die Schweiz gesehen, der Höhepunkt? Der Besuch im Rheinpark, natürlich. Ein 3:1 gegen St. Gallen, «selten zuvor ­hatte ich so grossen Spass». Danach war er endgültig gefangen, im Fanshop deckte er sich mit ­allerlei Devotionalien ein. Zu seinem Glück – als er zurück in den USA war, fand er heraus: Einen Onlineshop hat der FCV nicht.

Der Dank von Contini

Auf Initiative des früheren Trainers Giorgio Contini schickte der Club einmal ein Paket mit weiteren Fanartikeln in die USA, und Contini bedankte sich bei Savage auf Twitter für seine Unterstützung. «Wäre ein Amerikaner Basel-Fan, könnte man das ja noch verstehen. Aber so ist das schon sehr cool. Die Leidenschaft von Jerry zeigt, wie der Fussball Menschen verbinden kann», sagt Contini.

Sollte der Club jetzt aus der Super League absteigen, träfe das Savage hart. Nichte einmal so sehr aus emotionaler Sicht, «denn ein Abstieg gehört zum Sport», so sagt er das. Vielmehr aus praktischen Gründen: Bis auf die Montagabend-Partie werden Challenge-League-Spiele nicht im TV übertragen. Also auch nicht live produziert. Und deshalb sind sie nicht auf einer jener Websites zu finden, die Fussballspiele aus aller Welt übertragen und, nun ja: im Graubereich der ­Legalität anzusiedeln sind.

Auf solche (meist russischen) Angebote aber muss Savage in seiner Heimat zurückgreifen, will er den FC Vaduz live sehen. Und er will, jede Woche, auch gestern. Um 11.45 am Samstagmorgen Ostküstenzeit wurde die Partie gegen Sion angepfiffen. Das ist human gegenüber jenen 4.45 frühmorgens, mit denen sich Savage zuletzt konfrontiert sah, als er letzten Sonntag geschäftlich in Kalifornien weilte.

Aber lieber steht er zu solch unchristlichen Zeiten auf, als seine Vaduzer nicht mehr sehen zu können. «Das würde mir das Herz brechen und mich sehr bedrücken. Den FCV zu schauen, ist mein ­Wochenendritual.» Meist dabei: Sohn Max, 10 Monate alt, «Supermax» nennt er ihn. Nie dabei: seine Frau Nicole. Sie hat so wenig Verständnis wie Interesse. «Sie weiss, dass Vaduz gespielt hat. Aber sie fragt nie», sagt Savage.

Überhaupt weckt seine Leidenschaft bemerkenswert wenig Interesse. An der Wand seines Büros hängen Vaduz-Wimpel, Vaduz-Schals und ein Leibchen von Neumayr, und die Sachen hängen da, damit sie jeder sieht, der mit Savage videokonferiert. «Aber kein einziges Mal hat einer nachgefragt», bedauert er. «Nicht einmal der einzige Schweizer, den ich kenne, will mit mir über Vaduz sprechen.»

Oder seine Junioren beim Kensington Football Club. Sie sind Fan von Manchester United, von Real Madrid oder Neymar.

Mit Neumayr dagegen können sie nichts anfangen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.04.2017, 15:09 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...