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Innenansicht

Grädel macht eine Bildungsreise durch seine Heimat, dieser wunderlichen Nation im Herzen Europas.

Zwei zu fünf. Das war für Grädel nur bis zum zweiten Goal eine schmerzliche Erfahrung. Als der Ball zum zweiten Mal in Benaglios Netz landete, leitete sein Organismus routiniert irgend so ein körpereigenes Sedativ in die Blutbahnen ein. Unsanft aufgeweckt wurde Grädel später durch die Kommentare, die er in den folgenden Tagen zu hören und zu lesen bekam. Der Geheimfavorit war hart auf dem Boden der Realität bruchgelandet, die Helden vom Ecuador-Spiel waren wieder alles Versager, die «Beispiele gelungener Integration» wieder die nützlichen Sündenböcke. In was für ein Land hatte es ihn da eigentlich anlässlich seiner Geburt damals verschlagen?

Grädel wollte es erfahren und machte zusammen mit seiner Frau eine Stippvisite in dieser wunderlichen Nation im Herzen Europas. Sie brauchten dafür nur aufs Velo zu steigen und loszufahren. Kurz nur führte der Weg durch die Stadt, bald schon waren sie inmitten grosser Wohnblöcke, von deren Balkongeländern allerlei Fahnen hingen. Bosnische, brasilianische, spanische, italienische und portugiesische (Aufzählung sehr unvollständig!) Flaggen machte Grädel aus, seltener auch eine schweizerische. Hier also mussten all die Behramis, Djourous und Mehmedis leben, schlussfolgerten die Grädels und radelten weiter. Die Landschaft wurde grüner. Sie pedalten an schier zahllosen Einfamilienhäusern vorbei, in deren Gärten typischerweise Gartencheminée, Trampolin und Fahnenstange standen. Von Letzteren flatterten kaum mehr ausländische Fahnen; hier schien man unter sich zu bleiben.

An stolzen Landgasthöfen hingen Girlanden mit Pappfussbällen und Wimpeln verschiedenster Nationen; bosnische und kroatische suchte man allerdings vergebens. Die Gartenterrassen luden zum «Public Viewing» ein. Kurz bevor die Stadt sie wieder schluckte, machten sie halt in einem dieser uniformen Tankstellenshops. Da wurden Grillfleisch, Bier, Cola und vieles mehr feilgeboten; alles mit Fussbällen, Rasengrün und weissen Kreuzen auf rotem Grund dekoriert. Den auf der Fahrt gewonnen Eindrücken und der Auslage nach zu urteilen, musste es sich bei den Bewohnern hier durchs Band weg um äusserst fanatische Fussballfans handeln!

Man sieht, selbst kürzeste Bildungsreisen erweitern den Horizont, auch wenn Grädel immer noch nicht schlau aus seiner Heimat geworden ist. Vielleicht fährt er mit seiner Frau nächstes Wochenende mal nach Österreich, landschaftlich soll es dort ganz ähnlich aussehen. Einfach mit weniger Fuss­ball­euphorie.

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