Neue Ethik-Anzeige gegen die Fifa-Spitze

Zwei Ex-Fifa-Aufseher attackieren Gianni Infantino: Der Schweizer habe bei unabhängigen Kontrolleuren interveniert – aus Angst, seine Präsidentschaft zu verlieren.

Erneut steht Fifa-Präsident Gianni Infantino unter heftiger Kritik.

Erneut steht Fifa-Präsident Gianni Infantino unter heftiger Kritik. Bild: Keystone

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Joseph Weiler hat bei der Fifa eine Ethik-Anzeige gegen die oberste Führungsspitze eingereicht. Der amerikanische Rechtsprofessor war bis Mai 2017 Mitglied der unabhängigen Governance-Kommission der Fifa. Weiler bestätigte die Anzeige gestern der «New York Times». Anlass war eine Reihe von Interventionen der Fifa-Spitze bei der Kommission, zu deren Aufgaben es gehört, Amtsanwärter auf ihre Wählbarkeit zu prüfen. Der brisanteste Fall dreht sich um den russischen Vizepremier Witali Mutko, dem das Gremium den Eintritt in die Fifa-Exekutive verweigerte.

Nach dem Mutko-Entscheid entliess die Fifa im Mai den Präsidenten der Governance-Kommission, Miguel Maduro. Joseph Weiler und zwei weitere Fussball-unabhängige Mitglieder des Gremiums traten daraufhin aus Protest zurück.

Ex-Governance-Chef Maduro erschien gestern vor einem Ausschuss des britischen Unterhauses als Zeuge. Das parlamentarische Komitee für Medien, Kultur und Sport führt eine Untersuchung über Governance bei Sportverbänden – geleitet vom Verdacht, dass es Fifa-intern bei der Umsetzung von Reformen Probleme gibt. Maduro tat nichts, um diesen Verdacht zu zerstreuen. Der Portugiese übte scharfe Kritik an Präsident Gianni Infantino, die Vorwürfe Joseph Weilers ergänzend: «Es gibt in der Fifa eine dominante Kultur, die sich stark gegen Transparenz und unabhängige Kontrolle von aussen sträubt», so der portugiesische Ex-Minister. «Der Präsident musste sich zwischen dem Schutz der unabhängigen Aufsicht und dem Schutz seiner eigenen Präsidentschaft entscheiden. Ich denke, am Schluss entschied er sich für sein politisches Überleben.»

Infantino selbst hatte Maduro im Herbst 2016 als Chef der Governance-Kommission geholt. Nur acht Monate später wurde der 50-Jährige am Kongress in Bahrain wieder abgesetzt. Gleichzeitig verloren auch die unabhängigen Ethiker Hans-Joachim Eckert (Deutschland) und Cornel Borbély (Schweiz) ihre Ämter.

Maduro erzählte den britischen Parlamentariern, wie ihn Infantino für die Fifa angeworben hatte, mit dem Auftrag, den Umbau voranzutreiben: «Der Präsident kam mir zu Beginn vor wie jemand, der aufrichtig an Reformen interessiert war.» Das Bild habe sich dann aber verändert. «Er glaubt offenbar, man müsse bestimmte Kompromisse machen, um vorwärtszukommen.»

Der Streit um den russischen Minister

So hätten Infantino und Generalsekretärin Fatma Samoura interveniert, als sein Komitee entschied, den russischen Vizepremier Witali Mutko nicht in die Fifa-Exekutive einziehen zu lassen. Die Regeln des Verbands fordern politische Neutralität von den höchsten Amtsträgern.

Infantino habe sich im persönlichen Gespräch «sehr besorgt» gezeigt und gesagt, dass ihm die Entscheidung, Mutko zu blocken, nicht gefalle. Später sei Generalsekretärin Samoura extra zu ihm nach Brüssel geflogen, um ihn unter Druck zu setzen: «Es hiess: Ein Entscheid gegen Mutko würde Infantinos Präsidentschaft gefährden. Und die WM 2018 in Russland geriete zum Desaster.» Die Governance-Kommission blieb aber hart – Mutko sitzt bis heute nicht in der Exekutive. Seit jenem Entscheid habe der Fifa-Präsident nie mehr mit ihm gesprochen, so Maduro. Die Fifa schreibt dazu auf Anfrage, die Kompetenzen der Governance-Kommission seien nie in Frage gestellt worden, und die Entscheide des Gremiums seien immer respektiert worden. Miguel Maduro habe sich regelmässig mit der Fifa-Administration ausgetauscht und auch um Rat gefragt. Solche Kontakte seien im Interesse aller; im Nachhinein diese Gespräche als ungebührliche Einflussversuche darzustellen, sei nicht korrekt.

Miguel Maduro ist der Meinung, dass die Governance-Kommission der Fifa bis heute nicht ordentlich besetzt ist und deswegen gar keine Entscheidungen mehr treffen kann. Der Grund: Weniger als die Hälfte der Mitglieder ist – wie vorgeschrieben – unabhängig. Die Fifa argumentiert, dass bei Abstimmungen jeweils abhängige Mitglieder in den Ausstand treten würden, um die notwendige Balance herzustellen. «Das ist absurd», sagte Maduro in London, «die Arbeit dieses Komitees besteht nicht nur aus Abstimmungen. Und wer bestimmt, wer wann in den Ausstand treten soll?»

Borbély darf nicht aussagen

Die britischen Parlamentarier wollten auch Ex-Ermittler Cornel Borbély als Zeuge befragen. Die Fifa gab jedoch in einem Brief an das Komitee keine Erlaubnis für einen solchen Auftritt, mit der Begründung, dass Borbély Geheimhaltungspflichten unterstellt sei.

«Dieses Verhalten ist ein Beweis dafür, dass etwas nicht richtig läuft in der Fifa», sagte Maduro während seiner Anhörung. In Sachen Finanzkontrolle sei im Verband zwar viel gegangen. Um die Kultur zu ändern, brauche es aber eine neue externe Aufsicht, die Druck auf den Weltverband ausüben könne. Maduro nannte die USA, die G-20 und die EU. Diese Aufsicht dürfte sich nicht auf die Fifa beschränken, sie müsste sich auf alle Sportverbände erstrecken: «Die Probleme sind überall dieselben.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2017, 12:50 Uhr

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