Infantino und seine Ja-Sager

Der Präsident geht auf seine Kritiker los und lässt sich von den Delegierten den Umbau der Fifa absegnen.

«Liebe Freunde»: Gianni Infantino gibt in Bahrain den Conférencier im Stile Blatters. Foto: Alexander Hassenstein (Getty Imgaes)

«Liebe Freunde»: Gianni Infantino gibt in Bahrain den Conférencier im Stile Blatters. Foto: Alexander Hassenstein (Getty Imgaes)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Am Dienstag war in Bahrain der Tag des Coups: die Entmachtung der Chefethiker Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély. Am Mittwoch folgte das Vergnügen: ein Fussballspiel der Legenden, bei dem Gianni Infantino trotz fehlendem Legendenstatus mitkicken durfte. Der Donnerstag ist der Tag der Bestätigungen und Ja-Sager.

Launig will der Walliser aus Brig sein, ein Conférencier wie sein Vorgänger, der Walliser aus Visp, als er in Manama den 67. Kongress der Fifa eröffnet. Nach seiner Wahl am 16. Februar des letzten Jahres habe er sich ein Jahr lang gefragt, was der Vorteil sei, Fifa-Präsident zu sein. Jetzt, nach dem Match vom Vortag, habe er die Antwort: «Nachher ist jeder zu mir gekommen und hat gesagt: ‹Du spielst sehr gut Fussball.›» Und mit Blick auf die Legenden, von Diego Maradona angeführt, sagt er: «Sie lügen sehr gut.»

Kühl, forsch und ruppig

Fatma Samoura, die Generalsekretärin, darf die Buchhaltung erledigen, die anwesenden Länder zählen zum Beispiel. Sie spielt brav die Rolle der Angestellten im Schatten ihres Chefs. Dann erhebt der sich, stellt sich ans Rednerpult und holt zum Rundumschlag aus.

Viel hat Infantino wieder zu lesen bekommen, über sich und seine Fifa, seinen Führungsstil, sein Machtstreben, mit dem er sogar Vorgänger Sepp Blatter in den Schatten stelle und mit dem er aus der Fifa sein Königreich basteln wolle. Er sagt, ihm sei geraten worden, er solle nicht zu viel Lärm machen, das könne die Wahlen beeinflussen, «aber ich bin, wie ich bin». Er ist, wie er ist: Er ist der, der kühl, forsch und ruppig am Umbau der Fifa arbeitet.

Aus seiner Sicht sieht das alles anders aus. Da ist er der Wohltäter, der nur Gutes für die Fifa und an ihrem neuen Image arbeiten will, nachdem er sie an ihrem Tiefpunkt übernommen habe. «Die Wirklichkeit ist leider nicht zwangsläufig wahr, aber das, was die Leute denken», übt er sich als Philosoph, er sagt, es gebe viele «Fake-News» und «alternative Fakten» über die Fifa, welche die Runde machen würden. Er redet vom «Fifa-Bashing», dem Niedermachen seines Verbandes, das in einigen Ländern zum Nationalsport geworden sei.

Pieth und Scala im Kreuzfeuer

In seiner 25-minütigen Rede gibt er ein Motto aus: «Nie mehr!» Nie mehr dürfe das Geld die Absicht des Handelns sein, sondern es müsse immer der Fussball sein: «Falls es jemanden in diesem Saal gibt, der das Gefühl hat, er könne dem Fussball schaden und sich bereichern, habe ich eine Nachricht für ihn: Verschwinde! Verschwinde aus dem Fussball! Wir bauen die Glaubwürdigkeit der Fifa neu auf. Sie ist eine Demokratie, keine Diktatur, eine weltumspannende Organisation, keine Schweizer Organisation, keine Organisation, die Geld verschwendet.»

Bevor Infantino beginnt, sich selbst auf die Schultern zu klopfen und für die angebliche Transparenz zu rühmen, für die Einführung der Amtszeitbeschränkung, die Frauenförderung, die Aufstockung der WM von 32 auf 48 Teilnehmer – bevor er also all das tut, knöpft er sich Mark Pieth und Domenico Scala vor. Ihre Namen nennt er zwar nicht, aber es ist auch so klar, wen er meint, als er von «selbsternannten Compliance-Gurus» und «mit Millionen bezahlten Experten» redet. «Aber was haben sie gemacht?», fragt er, «sie waren das Werkzeug eines kriminellen Systems. Ein für allemal: Ich höre nicht auf die, welche die Fifa nicht schützten.» Pieth und Scala waren bemüht gewesen, den unter Blatter begonnenen Reformprozess der Fifa anzustossen und zu überwachen.

Die Schweizer lassen ihn nicht im Stich

«Liebe Freunde», ruft Infantino in den Saal, «wir brauchen eure Unterstützung, um unsere Ziele zu erreichen.» Und die Freunde, unter ihnen der Schweizer Verbandspräsident Peter Gilliéron, lassen ihn nicht im Stich. Sie nicken ab, was zur Abstimmung kommt.

Die Wahlen der Ethikkommission, der Disziplinarkommission, der Berufungskommission, des Audit-und-Compli­ance-Komitees, des Governance-Komi­tees – alles wird von den Delegierten fraglos durchgewunken, mit 97 oder gar 98 Prozent der abgegebenen Stimmen. Es sind nordkoreanische Werte wie unter Blatter, wie immer bei solchen Anlässen. «Danke vielmals», sagt Infantino.

«Machen wir keine Tragödie daraus»

Erstaunlich ist nicht nur die Entmachtung von Borbély und Eckert, sondern auch die Abwahl von Miguel Maduro als Governance-Vorsitzender. Vor knapp einem Jahr war der frühere General­anwalt am Europäischen Gerichtshof erst ins Amt gehoben worden, begrüsst mit wohlwollenden Worten. Danach verbannte er unter anderem Witali Mutko wegen Interessenkonflikten aus dem Fifa-Council. Genau deshalb muss er nun weg. Denn dummerweise ist Mutko Vizepremier und Fussball-Verbandspräsident in dem Land, das Infantino braucht, weil es nächstes Jahr die WM ausrichtet.

«Was passiert ist, ist einfach», sagt Infantino später an einer Pressekonferenz über die Umstürze in den Kommissionen, «es ist ein neuer Prozess. Machen wir keine Tragödie daraus. Das ist nur ein Sturm im Wasserglas.» Alles einfach: Die sechs Konföderationen schlugen dem Council Mitglieder für die Kommissionen vor, das Council traf seine Wahl und präsentierte sie dem Kongress, und der Kongress macht in Manama pflichtschuldig, was er zu tun hat.

Zwei Traktanden werden kurzfristig von der Agenda gestrichen. Unter Punkt 12 sollte es darum gehen, den siebenköpfigen Ausschuss des Councils, bestehend aus Infantino und den Präsidenten der Kontinentalverbände, mit mehr Befugnissen auszustatten und zum eigentlichen Beschlussgremium umzubauen. Und unter 14.5 sollte über die Erhöhung der Bezüge der Ratsmitglieder von 300 000 auf 450 000 Franken jährlich abgestimmt werden. Ohne Begründung teilt Infantino die Rücknahme der Anträge mit.

Keine Widerrede

Punkt 14.3 hat den Konflikt zwischen ­Israel und Palästina zum Thema. Der schwelt seit Jahren, weil sechs israelische Mannschaften auf palästinensischem Boden ihre Spiele austragen. «Eine Verletzung der Menschenrechte und Fifa-Statuten», donnert Jibril Rajoub, Palästinas Verbandspräsident. Sein Anwalt befürchtet einen Rückfall in die «dunklen alten Zeiten» der Fifa, wenn der Kongress nicht über den Antrag Palästinas abstimmen könne. Der Kongress darf abstimmen, aber nur darüber, dass das Council die Angelegenheit bis Oktober lösen soll. ­Infantino lässt keine Widerrede zu: «Ich führe den Vorsitz des Kongresses. Und wir haben im Council so entschieden. Wir entscheiden im Oktober. Danke.»

Fatma Samoura teilt den Delegierten mit, sie sollen die Geräte für die Abstimmung beim Ausgang abgeben. Und ja, wer am Donnerstag noch abfliege, soll am besten zweieinhalb Stunden vor dem Flug vom Kongresssaal abfahren. Dann ist die Veranstaltung zu Ende.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt