Infantino profitiert vom Zustand der Fifa

Ohne Einsicht wird der Schweizer Präsident trotz Fifa-Dauerkrise eher früher als später als kuriose Episode enden.

Die Untersuchungen der Fifa-Ethik-Kommission gegen Gianni Infantino werden eingestellt.

Die Untersuchungen der Fifa-Ethik-Kommission gegen Gianni Infantino werden eingestellt.

(Bild: Keystone Laurent Gillieron)

Dieter Stamm@StammDieter

Es ist erstaunlich, was die Macht mit den Menschen macht. In beängstigender Regelmässigkeit. Vor einem halben Jahr hat Gianni Infantino der Welt eine neue Fifa versprochen: einsichtig, transparent, bescheiden. Nun, nach einem Amtsbeginn, der all das nicht war, braucht er bereits die Gnade der Ethikkommission, damit er seine Arbeit als handlungsfähiger Präsident weiterführen kann. Das ist beschämend.

Denn ein Persilschein ist der Verzicht auf weitergehende Ermittlungen nicht. Dafür sind Infantinos mögliche Verfehlungen zu undurchsichtig und zu grenzgängerisch. Mutmassliche Amtsanmassung und Begünstigung haben andere schon den Job gekostet, ehe etwas bewiesen war. Einfach, weil schon das Abrutschen in solche charakterliche Tiefen mit den moralischen Ansprüchen an das Amt nicht vereinbar ist. Der gestrauchelte deutsche Bundespräsident Christian Wulff ist nicht das einzige Beispiel dafür, aber eines der anschaulichsten.

Es ist ein Freispruch zweiter Klasse, den Infantino erhält. Paradoxerweise profitiert er von einem Zustand, den er massgeblich zu verantworten hat: Die Fifa ist weiterhin angeschlagen, der Ruf nach wie vor ramponiert. Ein neuer Skandal ist das letzte, was die Institution gebrauchen kann. Das ist Infantino zugute gekommen. Man ist versucht zu sagen: nur das.

Das sollte dem Walliser zu denken geben. Man wünscht ihm schnelle und gründliche Einsicht anstelle seines selbstgefälligen und zunehmend ­grossspurigen Auftretens, das er in den letzten Monaten zelebriert hat. Dazu gehören: Spesenabrechnungen, die auf den ersten Blick plausibel sind. Abstand von Zuwendungen. Ein souveräner Umgang mit Mitarbeitern, die ihn zu kritisieren wagen, und die Einsicht, dass zwei Millionen Jahresgehalt für einen, der einmal Bescheidenheit gepredigt hat, reichen sollten. Gelingen Infantino diese Einsichten, kann er doch noch ein Präsident werden, der mehr ist als eine Kopie seines Vorgängers. Ansonsten wird er trotz Fifa-Dauerkrise eher früher als später als kuriose Episode enden.

DerBund.ch/Newsnet

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