In diesem Interview lässt Behrami die Bombe platzen

Er war der unbestrittene Leader der Nationalmannschaft, jetzt hat ihn Vladimir Petkovic ausgemustert. Das RSI-Interview in der Übersetzung.

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Wenige Stunden sind vergangen seit dem Telefonanruf von Vladimir Petkovic an Valon Behrami. In einem Kürzestgespräch hat der Nationaltrainer dem 33-Jährigen gesagt, er brauche ihn fortan nicht mehr. Hoch über den Gestaden des Luganersees nimmt Behrami Stellung gegenüber Armando Ceroni von Tessiner Fernsehen RSI. Die fast integrale Übersetzung.

Heute, um die Mittagszeit erhielt Valon Behrami einen Anruf von Vladimir Petkovic, dem Schweizer Nationaltrainer. Und was hat er Ihnen gesagt?
Valon Behrami (lacht): Ich war überrascht, ich dachte, es sei ein Höflichkeitsanruf. Stattdessen war es ein Anruf, mit dem er mich vor die Tür der Nationalmannschaft setzen wollte. Rund einen Monat nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft an der WM. Es gab da sehr viele Dynamiken, die mir natürlich nicht gefallen haben.

Zum Beispiel?
Dynamiken, die gegen das liefen, was ich diesem Team immer geben wollte. Ich habe die Einheit gefördert, das Team sollte immer einig sein, egal, ob bei negativen oder positiven Ereignissen. Stattdessen war da eine Mitteilung der Spaltung. Während meiner Karriere habe ich immer den Effort gemacht, dass wir eine Einheit sind, denn das habe ich schon als kleiner Junge gelernt. Der Sport und insbesondere der Fussball einen sehr, er vereint neue Kulturen, neue Nationalitäten. Sie treten zusammen auf, neue Sprachen auch, das macht die Schweiz aus. Dafür habe ich immer gekämpft.

Verzeihen Sie mir: Mit Spaltung meinen Sie nach den Doppeladler-Gesten von Xhaka und Shaqiri und alles, was direkt danach losgelöst wurde?
Ja, genau. Es waren auch diese Gesten, die uns teilen. Sie zeigen eine andere Seite von uns. Wir sind Jungs, die in die gleiche Richtung gehen und wir versuchen, rund um uns ein gutes Umfeld zu schaffen und in diesem Fall die Schweiz stolz zu machen. Und natürlich dann die Episode nach dem Ausscheiden. Da ist es immer einfach, zu kritisieren, da ist es immer einfach, genau diese Spaltung in uns allen zu suchen. Als uns gesagt wurde, eine Nation gegenüber einer anderen zu bevorzugen, währenddem wir genau bewiesen haben, dass wir nur einer Nation angehören. Wir tragen die Verantwortung als Schweizer, auch wenn wir verlieren, nicht nur, wenn wir gewinnen.

Sie haben immer versucht, ein kompaktes Team zu kreieren, eine Einheit zu schaffen. Nun fühlen Sie sich vor die Türe gesetzt. Welche Gefühle haben Sie diesem Entscheid gegenüber?
Ich hatte jahrelang gedacht, früher mit der Nationalmannschaft aufzuhören, nun war ich voll in dieses Team integriert und fühlte mich auch als Leader. Und jetzt wurde ich vor die Türe gesetzt. Der Trainer kann sagen, was er will, das kann er auch in Zukunft, aber es ist ein politischer Entscheid. Es ist eine Wahl, nachdem ich mich gegen Leute aufgelehnt habe, die nicht genau verstehen, was der Fussball bedeutet, weil sie nie selber Fussball gespielt haben. Und das ist ein wenig das Problem der Schweizer Verbände allgemein. Es bestimmen Leute, die nie selber Fussball gespielt haben, die nicht wissen, was der Athlet fühlt. Der Athlet drängt sich nie so in den Vordergrund, aber immer Leute, die ihren Sessel schützen wollen. Das tut weh, ich weiss, dass es so funktioniert. Gleichzeitig ist es für mich kein riesiges Problem. Jetzt kann ich endlich meinen Mädchen und meiner Frau Zeit widmen. Für mich stand der Entscheid immer auf der Kippe, es ist also keine Frage von Egoismus. Ich bin 33, mit 35 hätte ich den Entscheid sehr wahrscheinlich gefällt, es ist also kein Problem.

«Ich bin enttäuscht»: Behrami im Interview mit RSI. (Bild: RSI)

Ich habe versucht, das zu geben, was ich drin hatte, und mit der Zeit hat sich meine Persönlichkeit gezeigt. Ich hatte mit vielen Schwierigkeiten begonnen, mit den Jahren habe ich aber ein starkes Zeichen gegeben und ich will es heute noch einmal sagen. Ich habe immer Verantwortung übernommen und so stehe ich auch heute mit dem Gesicht hin, um zu sagen, dass dies nicht die richtige Art ist, um den Leuten mitzuteilen, dass sie nicht mehr zum Projekt gehören. Ich hätte es vorgezogen, diese Person von Angesicht zu Angesicht zu treffen, denn ich bin so. Leider wurde das nicht gemacht. Alle haben aber gesehen, was nach dem Schweden-Spiel passiert ist und am Schluss sieht es quasi so aus, dass dies zu einem solchen Entscheid geführt hat. Auch in jenem Moment sind viele Teile auseinander gebrochen, nach jener Episode. Viele Spieler wollten damals schwerwiegende Entscheide treffen, ich habe aber nur gesagt: Ich stehe vorne hin, ich will nichts Schlechtes für euch, will nicht, dass euch etwas Negatives passiert. Da stehe lieber ich hin, denn ich bin fast am Ende meines Weges, auch in jenem Moment versuchte ich, die Wogen zu glätten. Leute, die involviert waren, haben mich angerufen und um Hilfe gebeten und ich habe genau das gemacht.

Können wir Namen nennen, Valon?
Der Generalsekretär…

…Miescher, der damals geschossen hatte und sich vor allem auf Euch mit zwei Pässen bezog, obwohl ihr in Wahrheit ja gar nicht zwei Pässe habt. Da waren zum Beispiel Xhaka und Shaqiri, welche nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen wollten, stelle ich mir vor?!
Nicht unbedingt sie, aber es gab Spieler mit starken Reaktionen. Ich habe nur versucht, sie zu beruhigen und zusammen ein Communiqué zu verfassen. Wie gesagt hat mich dann der Generalsekretär angerufen und um Hilfe gebeten in diesem Fall. Ich solle meine Kollegen beruhigen und das habe ich gemacht, denn ich bin so. Ich will vereinen, nicht entzweien. Er hat mir dann gesagt, dass von ihm ein Communiqué mit einem gewissen Inhalt kommen werde, das ist aber nie passiert. Dann hat sich die Situation weitergezogen und jetzt stehen wir da.

Sind Sie mehr enttäuscht oder wütend?
Ich bin enttäuscht, weil ich auch als Mensch Gefühle für gewisse Leute entwickelt habe. Auf den Trainer und auf die ganze Gruppe, um diese Einheit zu erreichen. Als Mensch schmerzt das am meisten. Ich weiss,dass der Fussball so ist, ich weiss, dass man solche Enttäuschungen erlebt, ich weiss, dass sich die Türen schnell drehen. Ich dachte aber, ich könne Leuten vertrauen, so, dass sie einen solchen Entscheid zumindest mit mir gemeinsam fällen würden und mir dabei ins Gesicht schauen und die Hand auf die Schulter legen anstatt mit einem 30-Sekunden-Telefonat, um mir zu sagen, ich gehöre nicht mehr dazu.

Werden Sie immer für die Schweiz «fanen»?
Auf jeden Fall. Ich fane für eine Schweiz, ich fane für ein Team, das immer mehr eine Einheit ist. Das erste, was ich gemacht habe, ist einen Kollegen anzurufen, Xhaka, und ich habe ihm gesagt: Ich hoffe, das, was ich dir beigebracht habe, hilft dir, ein echter Leader dieser Mannschaft zu werden. Und er hat mir geantwortet, ich sei immer sein Vorbild gewesen, wie sehr er mich mag und dass er immer für mich da sein wird. Am Schluss bleiben solche Dinge und Personen tief drin und natürlich werde ich immer die Schweiz unterstützen.

mke

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